Nr. 49/2019 vom 05.12.2019

Zu gross für seine Stadt

Ein ArbeiterInnensohn zieht in die Welt. Schwerreich zurück in Schaffhausen, verspricht er der Stadt das Blaue vom Himmel. Die Geschichte einer geplatzten Ansiedlung, eines Rechtsstreits um 115 Millionen Franken – und eines Mannes, der die grosse Bühne durch die Hintertür verliess.

Von Marlon Rusch (Text) und Melk Thalmann (Illustrationen)

Eines Tages, es war ein strenger Winter Anfang der fünfziger Jahre, stiegen Erich und Peter Schulthess bei der dreistämmigen Eiche im Neuhauser Wald auf einen Schlitten. Die Buben nahmen Fahrt auf, querten den Dorfkern und hatten fast schon den Rheinfall erreicht, als der Schlitten kippte. Sie flogen durch die Luft, Peter prallte mit dem Gesicht auf den vereisten Boden. Blut schoss aus seiner Nase. Erich aber blieb ruhig, packte eine Hand voll Schnee und steckte sie Peter in den Rachen. Sofort stoppte die Blutung. «Erich hat schon als Kind immer alles gewusst», sagt Peter Schulthess heute.

Wissen und Instinkt, sie haben Erich Schulthess jahrzehntelang begleitet. Und ihm zu ungeheurem Reichtum verholfen. Doch was ein halbes Jahrhundert später, am frühen Morgen des 21. Mai 2003, auf der Schaffhauser Breite geschieht, hat selbst er nicht kommen sehen. Seit diesem Tag, als sich eine Schar Polizisten unter Leitung der Zürcher Bezirksanwaltschaft IV und der schwedischen Steuerbehörden Zutritt zu den luxuriösen Büroräumen in der ehemaligen Bringolf-Villa verschaffte, geht es abwärts mit Erich K. Schulthess: jenem Mann, der dem schwedischen Telekomriesen Ericsson einst den Zugang zum arabischen Markt eröffnete – und den Weltkonzern später in Schaffhausen ansiedeln wollte. Heute steht er mit dem Rücken zur Wand. Der Verdacht: Schulthess soll Ericsson als «Strohmann» geholfen haben, Hunderte Millionen Franken Schmiergeld an korrupte Machthaber auf der ganzen Welt zu bezahlen – um Ericsson dann um hundert Millionen Franken zu prellen.

Gehört man in Schaffhausen nicht zu einem kleinen, elitären Kreis und geht mit den wichtigen Leuten auf die Jagd, so bleibt einem Erich Schulthess ein Phantom. Viele, die ihn kennen, wollen nicht über ihn reden, lassen Anfragen unbeantwortet oder winken ab und sagen, sie hätten keine Lust, ins Gefängnis zu gehen. Auch Schulthess selbst richtet höflich, aber bestimmt aus, er wünsche keinen Kontakt; sein Anwalt habe ihm davon abgeraten. Doch bleibt man beharrlich, beginnen sich Konturen abzuzeichnen, die Umrisse einer Tellerwäscherkarriere.

Glamour in der «Gerberstube»

Erich K. Schulthess wird 1943 als eines von sieben Kindern in eine Neuhauser ArbeiterInnenfamilie geboren. «Der Vater war froh um den Krieg», erinnert sich Bruder Peter, die Deutsche Bahn habe damals viele Schweizer angestellt. Nach dem Krieg kann Vater Schulthess die Stelle behalten, an der Neuhauser Zollstrasse hütet er die Barriere. Die Buben verbringen ihre Zeit mit Feuermachen und Schnitzen im nahen Wald. «Es war eine schöne Jugend», sagt Peter.

Erich lernt Elektromonteur. Doch sein Herz schlägt bald vor allem für grosse Motoren. Zusammen mit seinem Busenfreund Gildo Guidi, der später viele Jahre die legendäre «Gerberstube» in der Unterstadt führen wird, findet er Zugang zur Autorennszene und zum Kreis der glamourösen Rita Rampinelli, einer der ersten Rennfahrerinnen überhaupt.

Sein erstes Geld verdient Schulthess als Tankwart. Ein alter Weggefährte sagt, Schulthess habe schon damals den Ruf gehabt, die dicksten Trinkgelder zu ergattern. Er hatte ein Gespür für Menschen. Und für Geschäfte. In den sechziger Jahren verkauft er mit einem Geschäftspartner Carrera-Rennbahnen in Kreuzlingen. Doch bald locken grössere Geschäfte. Peter sagt, Erich habe zunächst eine Ladung neue Mercedes-Autos nach Saudi-Arabien liefern können; andere erzählen, er habe im Nahen Osten Lkw-Occasionen verscherbelt, später Bauzubehör und Pumpen. Laut einem Gerichtsurteil war er später Geschäftsführer eines grossen Generalunternehmens, das «eine Reihe prestigeträchtiger Bauten und Projekte» realisierte. So oder so: Erich K. Schulthess war einer der ersten SchweizerInnen, die im arabischen Raum Geschäfte machten.

Golfplätze, Flugzeuge, Springreitstars

1974 kehrt Schulthess, inzwischen 31, seiner Heimatstadt den Rücken. Es taucht eine neue Adresse auf: PO Box 9685, Riad 11 423, Saudi-Arabien. Drei Jahre später kommen seine Ehefrau und ihr gemeinsamer Sohn nach. 1991 zieht die Familie weiter an die Sheikh Zayed Road in Dubai, die Hauptverkehrsachse der arabischen Metropole. Seine Gattin, so wird gemunkelt, habe als Frau die Repressionen unter dem saudischen Regime nicht mehr ausgehalten.

Ab dann verlieren sich Schulthess’ Spuren. Die Frage, wo er zur Zeit des Ericsson-Skandals im Jahr 2003 offiziell wohnte, beschäftigt Schaffhauser Gerichte seit fast zehn Jahren. Was für Geschäfte er machte und wie genau er sein Geld verdiente, bleibt unklar. Nur sporadisch taucht sein Name auf, etwa als in Dubai 2013 der 167 Meter hohe Swiss Tower eröffnet wird, ein Luxuswolkenkratzer der Superlative. Bilder zeigen den Neuhauser ArbeiterInnensohn mit Ständeratspräsident Filippo Lombardi und der Schweizer Botschafterin. «Der höchste Turm der Schweiz steht in Dubai», schrieb die NZZ. Die Idee dazu hatte Schulthess neun Jahre zuvor bei einem Spaghettiplausch mit einflussreichen Freunden. Es hat sich gelohnt. Die ersten elf Stockwerke waren in drei Stunden verkauft.

Das Geld investierte er in der Heimat. Und so taucht der Name Schulthess ab den achtziger Jahren in Verwaltungsräten diverser Schweizer Firmen auf. Etwa bei der Harradine Golf AG, benannt nach Peter Harradine, einem Gefährten von Schulthess aus Dubai, der laut «Handelszeitung» zur «Weltelite der Golfplatzarchitekten» gehört und für arabische Herrscher private Spielplätze in die Wüste baut – ungeachtet von Menschenrechtsverletzungen, die in den betreffenden Staaten an der Tagesordnung sind. Auf die Frage, ob er Muammar al-Gaddafi oder Mahmud Ahmadinedschad einen Golfplatz bauen würde, antwortete Harradine in einem Interview: «Warum sollte ich auch Nein sagen? Golf ist ein sehr friedliches Spiel.»

Auch bei den Fluggesellschaften Classic Air und Odette Airways sitzt Schulthess bald in den Verwaltungsräten. 2003 titelt der «Tages-Anzeiger»: «Neue Konkurrenz für Swiss» – und zeichnet nach, wie Odette mit Germania Express eine Fusion zu einer neuen Billigairline plante. Die Odette Airways AG ist zu diesem Zeitpunkt Teil der Schulthess Holding AG in Zug. Jahrzehntelang macht Hobbypilot Schulthess fortan Geschäfte in dieser Branche, angefangen mit Flugsimulatoren bis zum luxuriösen Ausbau von Privatjets. 2003 steigt er auch in die Schifffahrt ein – als Financier der EPH Nautic AG, die 2001 das Kursschiff MS Kreuzlingen von der Schifffahrtsgesellschaft Untersee und Rhein kauft.

Der überraschte Stadtpräsident

2001 beginnt Schulthess, seine Investitionen auf ein Springreiterteam auszuweiten – und baut ein «Weltteam» mit den besten Pferden und Reitern auf. «Das Springreiten steht allem Anschein nach am Anfang einer neuen Ära. Auf die Reiter kommen rosige Zeiten zu», schreibt darauf die «Welt» euphorisch: «Möglicherweise werden sie bald, ganz im Stile von Fussballprofis, auf einem Transfermarkt gehandelt.»

Doch Schulthess will mehr. Er strebt ganz offensichtlich nach Anerkennung – nicht nur in der Businesswelt, sondern auch dort, wo er herkommt: in Schaffhausen.

Aber dann kommt dieser verhängnisvolle 21. Mai im Jahr 2003: Polizisten stehen in der Dämmerung mit einem Durchsuchungsbefehl vor der ehemaligen Bringolf-Villa auf der Schaffhauser Breite. In der frisch renovierten Wohnung von Liss-Olof Nenzell, einem hochrangigen Manager und ehemaligen Vizedirektor des Ericsson-Konzerns, beschlagnahmen die BeamtInnen diverse Akten. Die Hausdurchsuchung ist der vorläufige Höhepunkt einer Affäre, die später als Ericsson-Bestechungsskandal weltweit Wellen schlagen sollte. Der Verdacht: Ericsson soll in den Jahren 1998 und 1999 rund 550 Millionen Franken Schmiergelder an Regierungsmitglieder in zwei Dutzend Ländern gezahlt haben, um Aufträge zum Aufbau von Mobilfunknetzen zu erhalten. Die Rede ist auch von Steuerhinterziehung im grossen Stil.

Zwei Tage nach der Hausdurchsuchung sagt der Schaffhauser Stadtpräsident Marcel Wenger gegenüber der lokalen Tageszeitung, er sei von den Verdächtigungen gegen Nenzell überrascht. Da dürfte er bereits geahnt haben, dass er zu gierig gewesen war. Dass er sich von der Aussicht hatte blenden lassen, einen ganz dicken Coup zu landen: die Ansiedlung grosser Teile eines Weltkonzerns – eines geschätzten Steuersubstrats von rund 500 Millionen Dollar. Und dass er jetzt, wo das Kartenhaus zusammenbrach, mit abgesägten Hosen dastand.

Liss-Olof Nenzell sollte 2016 erneut internationale Schlagzeilen machen, diesmal als Whistleblower, der schwere Korruptionsvorwürfe gegen Ericsson erhebt. Der Fall ist bis heute nicht abschliessend geklärt. Doch erst vor zwei Monaten, Ende September 2019, wurde bekannt, dass Ericsson 1,2 Milliarden US-Dollar für Strafzahlungen zurückgestellt hat – wegen Korruptionsermittlungen des US-Justizministeriums und der US-amerikanischen Finanzaufsicht.

Eine Villa unter der Hand

Schaffhausen ist heute in den Akten zum Fall Ericsson nur noch eine Fussnote. Umgekehrt beschäftigt die Korruptionsaffäre die Stadt hinter den Kulissen bis heute. Mittendrin: Erich K. Schulthess.

Zurück ins Jahr 1999. Die kantonale Wirtschaftsförderung hatte eben erst ihre Arbeit aufgenommen und musste sich zuerst sortieren. Der städtische Wirtschaftsförderer, ein pensionierter Banker im Teilzeitpensum, bekleidete dieses Amt eher pro forma. Firmenansiedlungen wurden entsprechend informell und unbürokratisch eingefädelt – man darf sich üppige Mittagessen unter einflussreichen Männern vorstellen. Am 19. Oktober 1999 vermelden die «Schaffhauser Nachrichten»: «Ein weiterer Erfolg der Schaffhauser Wirtschaftsförderung: Seit neustem hat auch der schwedische Weltkonzern Ericsson einen Fuss in Schaffhausen. (…) Die neue Gesellschaft wurde mit einem Aktienkapital von einer Million Franken ausgestattet und wird etliche neue Arbeitsplätze schaffen.»

Warum sich Ericsson ausgerechnet für Schaffhausen entschieden hatte, fragte die Zeitung nicht. Ebenso ahnten nur wenige, dass die Kleinstadt für Ericsson nicht zuletzt deshalb ein guter Standort war, weil es hierzulande im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern noch keine Antikorruptionsgesetze gab. Auch dass Schulthess der Drahtzieher des Ganzen war, wussten nur Eingeweihte.

Der Emporkömmling brachte bei seiner Rückkehr nicht nur einen Weltkonzern mit ins Städtchen, sondern auch eine ganze Menge Grandezza. Der Geldbeutel des ArbeiterInnensohns sass locker. Nebenbei spendete er gerne mal 40 000 Franken ans Klassikfestival Bachfest. Für Schulthess waren es kleine Gesten, doch sie entfalteten eine grosse Wirkung: Schnell hatte er die wichtigen Leute im Sack. Zum Beispiel Stadtpräsident Wenger, der Schulthess und dem grossen Ericsson-Konzern freudig den Teppich auslegte.

Die Stadt bereitet zu diesem Zeitpunkt gerade die «Baurechtsoffensive 1999» vor. Sie will Liegenschaften abstossen, darunter auch die imposante Villa mit 2500 Quadratmetern Umschwung, in der früher Walther Bringolf logierte, der langjährige Präsident der SP Schweiz, Schaffhauser Stadtpräsident und Fast-Bundesrat. Es ist der perfekte Firmensitz für Ericsson.

Doch es gibt noch andere Interessenten, und das Geschäft muss zuerst durchs Parlament. Schulthess aber kümmert das wenig. Die Protokolle der Parlamentsdebatte zeigen, dass er sich bereits vor dem Entscheid bei den damaligen MieterInnen als neuer Besitzer vorstellt und ihnen eröffnet, sie müssten sich eine neue Bleibe suchen. Stadtpräsident Wenger muss sich daraufhin im Grossen Stadtrat für den Vorfall entschuldigen, doch die Kritik an seinem Kuhhandel bleibt folgenlos.

Damalige MitbewerberInnen, die in der Villa ein genossenschaftliches Wohnprojekt realisieren wollten, sagen heute, sie hätten von Anfang an keine Chance gehabt. Einige von ihnen führen bis heute kleine Gewerbebetriebe in der Stadt und tragen zur Stadtentwicklung bei. Schulthess dagegen hat seit seinem Weggang nach Saudi-Arabien 1974 weder in der Schweiz noch im Nahen Osten Einkommens- und Vermögenssteuern bezahlt.

Am 29. Dezember 1999 unterschreibt der Rückkehrer im Auftrag von Ericsson einen Baurechtsvertrag mit der Stadt. Er übernimmt die Bringolf-Villa mit einer Wohnfläche von 600 Quadratmetern und baut sie grosszügig um. Doch schon dreienhalb Jahre später stehen die neuen Büroräume leer. Denn gleich nach dem Auffliegen des Korruptionsskandals im Mai 2003 zieht sich Ericsson aus Schaffhausen zurück.

Heute ist das Anwesen mit Militärstacheldraht geschützt und steht zum Verkauf. Der mittlerweile zuständige Stadtrat, Finanzreferent Daniel Preisig, sagt auf Anfrage: «Unverständlicherweise wurden im Baurechtsvertrag keine verbindlichen Sicherungen eingebaut für den Fall, dass die für den Zuschlagsentscheid wichtigen Zusagen nicht eingehalten werden.» Schulthess verlangt für das Anwesen, das er für 1,15 Millionen Franken von der Stadt kaufte, heute 3,37 Millionen – zu diesem Preis ist die Liegenschaft über eine Immobilienfirma ausgeschrieben.

Von den beiden Firmen EMK Marketing und Kommunikations AG sowie EFH Holding und Finanz AG, die Ericsson um die Jahrtausendwende in Schaffhausen eintragen liess, gibt es in Schaffhausen nur noch im Handelsregister Spuren. Die Firmen wurden 2008 und 2009 gelöscht. Übrig geblieben waren zum Schluss nur noch ein paar Verlustscheine in der Höhe von rund einer Million Franken.

Schaffhausen als «Drehkreuz»

Will man mit Marcel Wenger, dem Exstadtpräsidenten, über das Desaster sprechen, nimmt er zum Treffen ungefragt den damaligen Stadtschreiber mit – zur juristischen Absicherung. Nur um dann gleich vorweg zu sagen, dass er zu der Geschichte rein gar nichts sagen könne, schliesslich sei er ans Amtsgeheimnis gebunden: «Warum kommen eigentlich immer alle zu mir wegen dieser Sache?» Es sei doch alles mit rechten Dingen zu- und hergegangen.

Wie aber kam es, dass das Schaffhauser Establishment so grosszügig wegschaute und nicht nachfragte, als Schulthess dem Städtchen das Blaue vom Himmel versprach? Wie konnte er alle blenden?

Schon 2003, nach der Hausdurchsuchung auf der Breite, wollte ihn ein Journalist des Nachrichtenmagazins «Facts» interviewen und fuhr zum Anwesen auf der Schaffhauser Breite. Der Reporter sah einen Mann auf einer Putzmaschine und fragte ihn, ob Schulthess zu Hause sei. Der Mann aber winkte ab und sagte, Schulthess sei im Ausland. Erst später realisiert der Journalist: Der Mann auf der Putzmaschine war Erich K. Schulthess.

Schulthess hielt sich während der Ericsson-Ansiedlung und des Aufbaus seines Firmengeflechts in der Schweiz immer wieder für längere Zeit in Schaffhausen auf. Weggefährten sagen, er sei stets grosszügig gewesen. Und standesbewusst. Oft habe er mit seiner Gattin im prunkvollen Hotel Parkvilla verkehrt, vorgefahren sei er im schwarzen Geländewagen mit kurzem Kennzeichen. Ein gern gesehener Gast, der «nicht nur Wurstsalat» gegessen habe. Seine opulenten Feste seien legendär gewesen – und die Villa auf der Breite nannte man in einschlägigen Kreisen «Palais Schaumburg», in Anlehnung an den ersten Dienstsitz des deutschen Bundeskanzleramts.

Andere erzählen, dann und wann habe Schulthess das Gespür für seine Umgebung vermissen lassen: «Auf der Jagd hat er sündhaft teuren Bordeaux in die Zinnbecher gefüllt. Dabei reicht bei null Grad im Wald doch auch ein guter Landwein.» Man hört auch, der Schulthess habe hier und da immer wieder mal jemanden «in die Pfanne gehauen». Bruder Peter erklärt sich diese Reaktionen mit Neid: «Wenn einer aus einer unbedeutenden Familie kommt und plötzlich Geld hat, ist in Schaffhausen der Teufel los.»

Doch bei ein wenig Spott und Neid sollte es nicht bleiben. Plötzlich droht dem Mann mit dem einst so sicheren Instinkt handfester Ärger: Im Mai 2010 reicht Ericsson in Schaffhausen eine Zivilklage gegen Erich K. Schulthess ein. Der Konzern mit über 100 000 Mitarbeitenden und einem Jahresumsatz von zwanzig Milliarden Euro fordert von Schulthess 115 Millionen Franken zurück, die dieser während seiner Tätigkeit für den Weltkonzern abgezweigt haben soll. Seither haben die Gerichte vier Urteile produziert, über hundert Seiten Papier – sie erzählen einen Wirtschaftskrimi erster Güte (vgl. «Der Prozess: Justizpingpong» im Anschluss an diesen Text).

Die Behauptung von Ericsson: Schulthess habe als «Berater» für den Konzern mehr als ein Dutzend Scheinfirmen gegründet, die als Zwischenstationen für verschiedene Zahlungen gedient haben sollen. Zwischen 1998 und 2001 habe er so rund 340 Millionen Franken verschoben. Der Verdacht liegt nahe, dass es sich um besagte Schmiergelder handelt, die mutmasslich an korrupte Regierungsmitglieder in über zwanzig Staaten wie Rumänien, Griechenland oder den Arabischen Emiraten gezahlt wurden. Ericsson behauptete, es sei wichtig gewesen, dass «eine in Schaffhausen wohnhafte Person» die Geschäfte abwickle. Schaffhausen sei das «Drehkreuz» für die Zahlungen gewesen.

Doch dann, so behauptete Ericsson, habe Schulthess plötzlich angefangen, sein eigenes Spiel zu spielen. 115 der 340 Millionen Franken, die er verwaltete, habe er von den Konten der Scheinfirmen «unrechtmässig abdisponiert». Auch verschiedene Medien verbreiteten die These, dass Schulthess’ Odette Airways AG zu einem guten Teil aus dem Ericsson-Topf finanziert wurde. Ericsson jedenfalls verlangt seither auf dem Rechtsweg über die Schaffhauser Gerichte 115 Millionen Franken zurück. Der Konzern äussert sich auf Anfrage nicht zum Fall. Für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung.

Auch Schulthess schweigt. In den vergangenen Jahren sei der heute 74-Jährige nur noch ein paar Tage im Jahr in Schaffhausen gewesen, sagen Weggefährten. Meist zur Jagdsaison, für Tage in der unberührten Natur, wie damals, vor über sechzig Jahren, im Neuhauser Wald. Es scheint, als habe er als grosser Held in die alte Heimat zurückkehren wollen – um dann aber die Bühne durch die Hintertür wieder zu verlassen.

Erich K. Schulthess’ Sohn, designierter Nachfolger und Halter der Familienholding, wohnt weiterhin auf dem Familiensitz auf der Schaffhauser Breite. Es ist ein herrschaftliches Haus, aber ohne jeglichen Prunk. Alle, die man fragt, sagen, der Sohn lebe zurückgezogen. Mehrere Anfragen lässt er unbeantwortet. An einem Dienstagabend, nach mehrmaligem Klingeln an seiner Haustür, steht er aber in der Tür. Ein Mann mittleren Alters, seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten, dieselben buschigen Augenbrauen, nur an Masse kommt er nicht an den Vater heran. Der Sohn, T-Shirt, Digitaluhr, farbiger Faserpelz aus den achtziger Jahren, sagt schüchtern und mit dünner Stimme, er gebe kein Interview. Er sei angeschlagen und wolle «absolut nichts mit der Öffentlichkeit zu tun haben». Man solle ihn bitte in Ruhe lassen. Dann schliesst er geräuschlos die Tür. Auf dem Briefkasten klebt ein verblichener Sticker der Harradine Golf AG.

Die Ära Schulthess, sie scheint in Schaffhausen abgelaufen.

Dieser Text erscheint zugleich in der «Schaffhauser AZ». Die Recherche wurde finanziell unterstützt durch investigativ.ch, dem Recherchefonds der Gottlieb und Hans Vogt Stiftung.

Der Prozess

Justizpingpong

Ericsson fordert von Erich K. Schulthess über die Schaffhauser Gerichte rund 115 Millionen Franken zurück. Dieser aber argumentiert, nicht er habe die Verträge mit Ericsson abgeschlossen, sondern die von ihm kontrollierten Scheinfirmen. Also sei er persönlich auch nicht haftbar. Ausserdem behauptet er, er habe zur besagten Zeit nicht in Schaffhausen gewohnt, sondern in Dubai. Die Schaffhauser Gerichte seien also gar nicht zuständig.

Letztere Frage beschäftigt die Gerichte nun seit fast zehn Jahren. Das Kantonsgericht folgt der Argumentation von Schulthess, das Obergericht der Argumentation von Ericsson. Die beiden Gerichte spielen ein munteres Pingpong.

Ein Zivilrechtsexperte, der den Fall für die «Schaffhauser AZ» untersucht hat, sagt, man sehe den Urteilen an, dass das Kantonsgericht wohl wenig Lust gehabt habe, den gigantischen Streitfall zweier dubioser Parteien aufzurollen. Heute lässt das Kantonsgericht ausrichten, noch bis 2020 würden neue Beweise entgegengenommen. Falls das Gericht dann zum Schluss kommen sollte, doch auf die Klage einzutreten, liefe der Fall erst richtig an.

Hier zeigt sich in aller Deutlichkeit, was auf kleine Städte und Kantone zukommen kann, wenn sie auf die schnelle Ansiedlung internationaler Grosskonzerne setzen: Sie müssen sich mit ihren chronisch überlasteten Gerichten plötzlich auch um grosse Prozesse kümmern.

Doch warum hat Ericsson für seine Klage überhaupt den Gerichtsstand Schaffhausen gewählt? Es scheint naheliegend, dass der Konzern nicht in Schweden klagen wollte, weil dort weiteres Ungemach vonseiten der Strafverfolgungsbehörden gedroht hätte. Der Strafrechtsprofessor und Antikorruptionsexperte Mark Pieth sagt, diese Hypothese sei nicht abwegig. Er habe Fälle erlebt, bei denen Schweizer Gerichte für ähnliche Zwecke genutzt worden seien. «Die Schweiz ist ein Piratenhafen», sagte er kürzlich gegenüber dem JuristInnenmagazin «Plädoyer».

Marlon Rusch

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