Nr. 29/2019 vom 18.07.2019

Herrn Krummenachers heile Welt

Ein überparteiliches Komitee portiert in Obwalden Peter Krummenacher als Nationalratskandidaten. Dieser ist nicht nur Winzer. Als Jurist vermittelt er auch Pässe und Steuerdeals an Superreiche – und vertritt damit eine zwielichtige Branche.

Von Sarah Schmalz (Text) und Florian Bachmann (Foto)

Mehr Rebbau und weniger Dubai: Peter Krummenacher vor einem seiner Rebhänge in Sarnen.

Es gibt Menschen, die kann man leicht einschätzen. Peter Krummenacher gehört nicht zu ihnen. Der Winzer und Jurist aus dem Kanton Obwalden wirkt mal bodenständig, dann wieder zu glatt. Und weil das eigentlich nicht zusammengeht, fragt man sich unablässig, was von beidem wohl stimmt – oder ob in Krummenachers Person der grosse Gegensatz vereint ist. Am Bahnhof Sarnen fährt er mit seinem Subaru vor. Er trägt einen traditionellen Ohrring. Auf der Nase sitzt eine winzige Brille, die ihm öfter auf die Nasenspitze rutscht. Dann blitzen einem irritierend kühle Augen entgegen.

Krummenacher kurvt einmal um den Sarnersee – man müsse schon etwas von Obwalden sehen, wenn man über den Kanton schreibe – und hält irgendwann bei einer Waldlichtung, wo gerade die Bühne des Kulturfests Obwald abgebaut wird. Vor wenigen Tagen ist er hier selber mit dem Jodelchor auf der Bühne gestanden. Das Festival, bei dem regionale mit internationalen VolksmusikerInnen auftreten, war, wie er sagt, ursprünglich eine Standortmarketingmassnahme – kurz nachdem sich der Kanton auch anderweitig der Welt geöffnet hatte: mit einer aggressiven Tiefsteuerstrategie, die den armen Bauernkanton in eine finanzstarke Steueroase verwandelt hat. Die Strategie ist gescheitert: Weil die Ausgaben wachsen und Obwalden nun in den interkantonalen Finanzausgleich (NFA) einzahlen muss, statt Geld zu erhalten (der NFA misst sich nicht an den Steuereinnahmen, sondern an der Finanzkraft der AnwohnerInnen), sind die Haushaltsdefizite immer weiter gestiegen. Derzeit klafft ein Loch von rund 43 Millionen Franken in der Kasse, das Stimmvolk hat letzten Herbst eine Vorlage, die allgemeine Steuererhöhungen und einschneidende Sparmassnahmen vorsah, bachab geschickt.

Krummenacher hält die Ansiedlungsstrategie für genauso erfolgreich, wie es das Kulturfest Obwald inzwischen geworden ist. Jetzt, wo die Leute hier seien, müsse man halt wieder ein bisschen rauf mit dem Steuersatz für Reiche, sagt er. Ganz einfach.

In anderen Sphären

Krummenacher hat sich bislang politisch kaum hervorgetan – nun aber ist er plötzlich Nationalratskandidat. Und viele hier in Obwalden vertrauen ihm. Er ist zwar CVP-Mitglied, aufgestellt aber hat ihn ein BürgerInnenkomitee, das mit dem Slogan «Für uns in den Nationalrat» für den 54-Jährigen wirbt. In Obwalden, wo dieses Jahr CSP-Nationalrat Karl Vogler abtritt, ist die versammelte SVP-GegnerInnenschaft auf der Suche nach einem geeigneten Nachfolger – einem Kandidaten, dem es wie Vogler gelänge, die Stimmen jenseits der SVP auf sich zu vereinen. Krummenacher profitiert davon, dass dies dem offiziellen liberalen Kandidaten, Marco De Col (FDP), niemand so recht zutrauen will. Zu unscheinbar sei er, zu wenig profiliert, zu provinziell.

Krummenacher dagegen ist als einziger Winzer im Ort bekannt, er ist in Wirtschaftskreisen gut vernetzt, namentlich beim Gewerbeverband und im Obwaldner Rotary Club. Er gilt als eingemittet – und seine Tätigkeit bei der internationalen Kanzlei Henley and Partners verschafft ihm eine weltmännische Aura. Dass die Kanzlei eine führende Rolle in der zwielichtigen Welt des internationalen Passhandels spielt, schadet Krummenacher bislang nicht. Mit diesen Sphären komme die grosse Mehrheit der ObwaldnerInnen gar nicht in Berührung, sagt SP-Präsidentin Suzanne Kristiansen am Telefon. «Deshalb kümmert es sie auch nicht.»

Das Geschäftsmodell, an dem sich Henley and Partners bereichert, ist einfach: Investitionen (etwa in Immobilien oder Staatsfonds) gegen Aufenthaltsbewilligungen oder gar Pässe. Der Handel mit den sogenannten Golden Visa boomt. Gemäss einer Studie der NGO Transparency International verkaufen derzeit zwölf europäische Staaten Aufenthaltsbewilligungen, darunter Portugal und Grossbritannien, und vier die Staatsbürgerschaft, darunter Österreich und Malta, das damit seit 2013 laut der Studie rund 718 Millionen Euro verdient haben soll. Die meisten KäuferInnen stammen aus Saudi-Arabien, China und Russland.

Auf Malta wurde vor knapp zwei Jahren die Investigativjournalistin Daphne Caruana Galizia ermordet. Seither taucht auch der Name Henley and Partners immer wieder in der Presse auf. Die Kanzlei, die den Passhandel in den neunziger Jahren auf dem karibischen Inselstaat St. Kitts und Nevis erfunden hat, pflegt enge Beziehungen zur maltesischen Regierung. Sie beriet diese bei der Implementierung ihres Passprogramms – und wurde nach der Einführung auch mandatiert. Die maltesische Regierung steht im Zusammenhang mit dem Passhandel unter Korruptionsverdacht, weil gemäss den Recherchen von Caruana Galizia verschiedentlich damit verlinktes Geld auf Offshorekonten von Regierungsmitgliedern floss.

Die Konten wurden bei der Bank des Iraners Ali Sadr Haschemi Nedscha eröffnet – der gemäss verschiedenen Medienberichten nicht nur mit Zusatzpässen aus St. Kitts und Nevis sowie Malta ausgerüstet ist, sondern auch ein Vertrauter von Henley-and-Partners-Gründer Christian Kälin sein soll (siehe WOZ Nr. 4/2018). Nicht nur in diesem Fall bewegen sich die PassvermittlerInnen verdächtig nahe an zwielichtigen Machenschaften. «Der Handel mit Golden Visa ist ein Einfallstor für Geldwäsche und Korruption», sagt Maira Martini, die die Transparency-Studie mitverfasst hat. Es würden immer wieder Leute mit Verbindungen zu kleptokratischen Regierungen berücksichtigt. Diese hätten ein Interesse daran, dreckiges Geld zu waschen. Ein europäischer Pass poliere aber auch ihr Image auf und erleichtere etwa das Eröffnen von europäischen Bankkonten. Welche Vermittler bei den publik gewordenen Fällen involviert gewesen seien, sei nicht bekannt, sagt Martini, «das wird nicht öffentlich».

«Sicherheit, Sicherheit, Sicherheit»

Im Degustationsraum seiner Winzerei schenkt Krummenacher Weisswein nach und wedelt mit den Händen. «Due Diligence», sagt er. «Due Diligence, Due Diligence.» Mit diesem Begriff aus dem Geschäftsjargon will er betonen, dass Henley and Partners seine KundInnen quasi bis auf die Unterhosen prüfe. Geschäfte mit einem Kriminellen könne man sich doch für die Reputation gar nicht leisten. Ali Sadr? – Henley and Partners betreue seit Jahren keine iranischen KundInnen mehr. Vielleicht sei er einst Kunde gewesen, «aber sicher nicht in unserem Schweizer Büro». In Krummenachers Welt steht seine reiche Klientel auf der Seite der Opfer. Seine KundInnen sind also quasi Flüchtlinge, einfach solche mit Geld. Die Welt werde schliesslich immer konfrontativer, sagt er. Da müsse man doch verstehen, wenn sich jemand, der sich das leisten könne, in einem sicheren Hafen einkaufe. «Sicherheit, Sicherheit, Sicherheit», sagt er. Darum gehe es am Ende doch allen Menschen.

Krummenacher selbst ist bei Henley and Partners auf KundInnen spezialisiert, die sich die Schweiz als Hafen ausgesucht haben. Wer noch nicht weiss, wo er sich niederlassen will, dem empfiehlt er den Kanton Obwalden. Rund zwölf Familien habe er seit der Einführung der Tiefsteuerstrategie hierhergeholt. Nette Leute, sagt er. Einen Pass kann man sich in der Schweiz zwar nicht kaufen, aber wer genug Steuern bringt, kann auf eine Aufenthaltsbewilligung wegen «öffentlichen Interesses» hoffen. Steuern und Aufenthalt, das sei in der Schweiz verlinkt, sagt Krummenacher, der sich für seine KundInnen um alle Formalitäten kümmert. Und ihnen etwa dabei hilft, mit den Steuerämtern einen guten Deal auszuhandeln.

Henley-and-Partners-Gründer Christian Kälin vergleicht in einem Video Staatsbürgerschaften mit «Club-Memberships». Es sei mit den Pässen so wie mit dem hippen Golfklub, bei dem man dabei sein wolle. Wer im exklusiven Klub dabei ist, für den gelten andere Regeln. Ganz nach dem Motto «Geh dorthin, wo man dich am besten behandelt». Krummenacher hört auch im Fall einer Nichtwahl bald bei Henley and Partners auf. Nicht dass er ein schlechtes Gewissen bekommen habe: Es sei interessant gewesen, sagt er. Die vielen Reisen. Aber jetzt habe er etwas genug von der Hotelwelt. «Immer dieses Dubai.» Nun wolle er wieder näher am Hof sein, in Obwalden, wo er mit seiner Familie lebt.

Hier, wo nichts von den Verwerfungen der Welt zu spüren ist. Zum Abschied sagt Krummenacher: Es sei zwar unschön, dass sich nur die Reichen so frei bewegen könnten. Aber die Welt funktioniere halt leider so.

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