Nr. 49/2019 vom 05.12.2019

Der Gipfel, die Kunst

Annette Hug hält sich gerade zwischen Fabriken in Südkorea auf

Von Annette Hug

Das Wohnheim der Universität, in dem ich letzte Woche untergebracht war, lag etwas ausserhalb der Stadt. Der Bus ins Zentrum von Daegu war anderthalb Stunden unterwegs. Mir schien die Fahrt aber länger zu dauern, denn es kam kein Zentrum. Gewerbeschuppen reihten sich an ärmliche Häuser, dazwischen ragten Hochhäuser auf, dann zwang ein Fabrikareal den Bus zu einem Umweg. Und noch ein Shoppingcenter, noch ein Gewerbeschuppen.

In Daegu, wo einst Samsung gegründet wurde, haben sich Textilbetriebe gehalten. In neuen Bauzonen konkurriert die Stadt um lukrativere Branchen: Medizintechnik. Modedesign. Digitale Zukunft. Im herbstlichen Nieselregen wirken auch die Innovationszonen unwirtlich. Mir war, als würde ich im Bus durch ein endloses Produktionsgebiet fahren, das von Südkorea über das Jangtsedelta, die chinesische Küste hinunter bis nach Shenzhen und Guangzhou reicht.

Hier steht die Industrie, die fast alles produziert, was die Welt konsumiert. Abgeschirmte Hightechbetriebe und Sweatshops, in Südkorea ragt da und dort ein Kirchturm aus finsterem Ziegelstein in den Himmel. Auf Brachen zwischen den Fabriken wachsen Zwiebeln. Am Rand des Campus der Universität Daegu wird eine Kiesgrube renaturiert.

Eine Industrielandschaft wäre nicht perfekt ohne Oasen. Was früher die Einkaufspassagen von Paris, sind heute glitzernde Innenstädte. Da wird Gewinn umgesetzt, Luxus zelebriert. Im Süden Schanghais und im Hinterland von Korea prallen Gegensätze aufeinander und machen deutlich: Die Massenproduktion für den globalen Markt funktioniert dank riesiger Lohnunterschiede. Wer in der Fabrik arbeitet, verdient einen Bruchteil dessen, was in den höheren Dienstleistungsetagen gezahlt wird. WanderarbeiterInnen aus Chinas ländlichen Provinzen halten die Fabriken um Schanghai am Laufen, in Südkorea stehen zunehmend EinwanderInnen an den Maschinen.

In beiden Ländern entscheidet eine Prüfung am Ende der obligatorischen Schulzeit, wer es in die höheren Etagen schafft und wer nicht. In die Fabrik gehen heisst für Jugendliche in Schanghai: keine eigene Wohnung kaufen und sich Kinder wohl nicht leisten können, allenfalls vergiftet werden, keine Ferien in Übersee. Auch in Südkorea ist der Kampf um gute Studienplätze ungebrochen hart.

Auf der endlosen Fahrt durch Daegu erschien mir eine Szene in neuem Licht, die mir in Schanghai rätselhaft geblieben war. In einem abgerissenen und neu aufgezogenen Viertel hat die Stadtverwaltung ein altes Kraftwerk stehen lassen. Es ist jetzt ein Museum für Gegenwartskunst: «Power Station of Art». Die Umnutzung wirkt kälter als ähnliche Räume in Europa. Industrieromantik kommt hier nicht auf. Aber das Museum ist beliebt. Zwischen Betonwänden, Werken von Joseph Beuys oder Franklin Chow finden sich Gruppen junger Leute, die Fotos machen. Keine schnellen Selfies, sondern minutiös vorbereitete Inszenierungen. Mit farbig ausgebleichtem Haar, ausgefallenen Hüten, Schmuck, wallenden Wintermänteln und Plateauschuhen lichten sie einander ab – abstrakte Kunstwerke eignen sich als Dekor, sind aber nicht unbedingt nötig. Die strenge Innenarchitektur genügt.

In Daegu dachte ich: Vielleicht sind das Gipfelfotos. Triumphbilder. Eine Flucht aus der echten Fabrik ist geglückt.

Annette Hug ist Autorin in Zürich. Im November führte sie eine Lesereise an mehrere Universitäten Südkoreas.

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