Nr. 45/2019 vom 07.11.2019

Zirpen und trillern

Annette Hug lernt chinesisch einkaufen

Von Annette Hug

Wie im Welschlandjahr komme ich mir vor. Zum Beispiel, wenn ich beim Einkaufen Flaschen nicht unterscheiden kann. Der Name des Supermarkts scheint klar: Carrefour. Aber das wird hier «Jia Le Fu» ausgesprochen.

油 als Zeichen für Öl zu entziffern, hilft weiter, führt aber auch in die Irre. Denn im Wort für Sojasauce steht ebenfalls ein 油. Das kann zu Verwechslungen führen, die erst zu Hause deutlich werden. Das heisst: in einer Küche im neunten Stock, nach der Endstation einer U-Bahn-Linie mit dem Bus noch etwas weiter hinaus in die endlos scheinenden Wohnviertel Schanghais. Das Gebäude, in dem ich zu Gast bin, gilt mit seinen fünfzehn Jahren als alt. Tatsächlich sieht es nicht schick aus, dass die Kästen für die Klimaanlagen nachträglich an die Fassaden angebaut worden sind. Durch das Küchenfenster beobachte ich am Haus gegenüber einen Mechaniker, der im siebten Stock über die Balkonbrüstung klettert, um den elektrischen Antrieb einer solchen Anlage zu reparieren.

Im Welschlandjahr hat man Zeit herauszufinden, dass der Haushalt auch ganz anders organisiert sein kann als zu Hause. Generationen von Frauen haben sich in fremden Küchen klargemacht, wie sie es in Zukunft bestimmt nicht machen würden. Und sie haben ihr Vokabular erweitert. Meiner Mutter erlaubte die Fähigkeit, in drei Sprachen zu stenografieren, den Aufstieg zur Direktionssekretärin.

Den Sound zu diesem Erfolg kann ich im Minhang-Distrikt von Schanghai wieder hören. Wer hier wohnt, ist bildungs- und kulturbeflissen. Jeden Morgen übt eine Sängerin im zehnten Stock Tonleitern. Auch ein Geigenlehrer wohnt im Haus. Eine Nachbarin freut sich auf die diesjährige Neujahrstour von Richard Clayderman. Den französischen Pianisten hat meine Mutter auch gemocht, bis ihr Aufstieg weiterging zum Tonhalle-Abonnement. Zu Robert Schumann, Johann Sebastian Bach, der echten Klassik eben.

In der Ankündigung zu Claydermans Konzert vom 25. Dezember 2019 in der «Grossen Halle des Volkes» von Beijing wird seine Erfolgsgeschichte resümiert. Dem Prinzen des Easy Listening wurde der Ruhm nicht geschenkt. Als sein Vater starb, musste der Musikstudent eigenes Geld verdienen, das konnte er nur als Bankangestellter und Begleiter von Popstars. Bis ihm 1976 der Sieg in einem Casting zum ersten Welthit verhalf. Millionen chinesischer KlavierschülerInnen üben heute «Ballade pour Adeline». Die Karten fürs Neujahrskonzert in Beijing kosten umgerechnet zwischen 60 und 300 Franken, wobei das hiesige Kulturleben von einem vitalen Graumarkt geprägt ist. Für gefragte Anlässe zahlt man in Internetbörsen gern das Mehrfache des offiziellen Preises. «Clayderman macht jedes Jahr eine Chinatournee, obwohl er schon alt ist. Ein Vermögen muss er hier verdient haben», sagt die Nachbarin anerkennend.

Eine ganz andere Musik ist im öffentlichen Bus zu hören, der abends um halb zehn MittelschülerInnen nach Hause bringt. Eine Grille scheint da zu zirpen. Und tatsächlich nimmt die Kondukteurin, nach dem seltsamen Klang gefragt, ein Glas unter ihrer Uniform hervor. Sie zeigt uns eine riesige braune Laubheuschrecke. Ihr Haustier für unterwegs. Nachts sei es ganz still, sagt sie. Darüber sei sie froh, denn bald werde es zu kühl für das Tier. Nur unter ihrem Kopfkissen werde es die Winternächte überleben.

Annette Hug ist Autorin in Zürich. Vor einer Lesereise in Südkorea ist sie in Schanghai zu Besuch.

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