Nr. 49/2019 vom 05.12.2019

Guteidgenössische Prügel

Von Stefan Howald

Bemerkenswert, mit welch unverhohlener Freude die meisten Zeitungen die Faustjustiz begrüssten. Wer im Sommer 1957 von einer Moskaureise in die Schweiz zurückkehrte, hatte guteidgenössische Prügel verdient. Dass auch die Koffer der Reisenden geplündert und in Brand gesteckt wurden: lässliche Überreaktion. Die NZZ hatte es vorgemacht, 1956, als sie die Adresse des Marxisten Konrad Farner publizierte und scheinheilig fragte, ob wohl die Schweizer Bevölkerung ihren Unmut über den Moskausöldling ausdrücken werde. 1957 orchestrierte sie wiederum die Kampagne gegen die Schweizer TeilnehmerInnen an den Weltjugendfestspielen in Moskau. Viele andere Zeitungen folgten.

Der Journalist Rafael Lutz hat ausführlich über jenen Ausbruch gutbürgerlicher Gewalt recherchiert, mit dem die RückkehrerInnen aus Moskau am 11. August 1957 im Bahnhof Zürich Enge empfangen wurden. Er hat mit noch verbliebenen ZeitzeugInnen gesprochen, zeitgenössische öffentliche und private Berichte sowie einschlägige Polizeidossiers ausgewertet und alles in einem gut lesbaren Buch zusammengefasst. Dabei belegt er die Zusammenarbeit von staatlichen Behörden, privaten Organisationen und der Wirtschaft. Bei der Ausreise waren alle TeilnehmerInnen registriert worden, die Angaben fanden den Weg zu rechtsbürgerlichen Organisationen, die sie an Firmenchefs weiterreichten – worauf etliche Moskaureisende entlassen wurden.

Natürlich, die Weltjugendfestspiele dienten dem sowjetischen Regime als Propagandashow, insbesondere nach der Niederschlagung des Aufstands in Ungarn 1956, und einige Erinnerungen von TeilnehmerInnen sind rosarot gefärbt. Aber in der Schweiz wurde schon der blosse Besuch in Moskau zum Staatsverrat erklärt. Der Krawall beim Bahnhof Enge steht in der Tradition des schweizerischen Antikommunismus und genereller der Ausgrenzung aus dem «Volk». Heute braucht es dafür die NZZ nicht mehr. RechtspopulistInnen können ihre Denunziationen direkt in den Social Media kundtun.

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