Bruno Margadant : Dort weht die rote Fahne

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Seit jeher trotzte er dem antikommunistischen Klima, auch im tiefsten Kalten Krieg. Dadurch verkörpert er ein Stück Schweizer Zeitgeschichte. Am 1. Januar ist der Publizist und Plakatsammler achtzig Jahre alt geworden.


1960 trat der damals 31-jährige arbeitslose Bruno Margadant beim «Volksfreund» im sankt-gallischen Flawil eine Stelle als Schriftsetzer an. Die politische Polizei notierte erstaunt, es sei doch eigenartig, dass ein freisinniger Verlag einen Kommunisten anstelle. Auf Weisung des St. Galler Polizeikommandos informierte der Dorfpolizist den Verleger «in ganz diskreter Weise» über die Gesinnung des neuen Mitarbeiters. Für einmal blieb die Denunziation wirkungslos: Margadant behielt den Job, nicht zuletzt dank seiner hervorragenden beruflichen Qualitäten.

Damals beim «Blick»

Diese Episode darf bis dahin als untypisch für Margadants Laufbahn gelten. Denn überall, wo seine Mitgliedschaft bei der Partei der Arbeit (PdA) ruchbar wurde, war er die Stelle rasch los. Zurück aus einer Arbeitsbrigade in Bulgarien, drückte ihm 1948 der Direktor einer grafischen Anstalt in Chur den blauen Brief in die Hand. Seine Empfehlung, wenn er für den Beruf so viel arbeiten würde wie für die Partei, sei er in zehn Jahren Werkmeister, war für den jungen Schriftsetzer nicht annehmbar. Die NZZ kündigte ihm 1949, nachdem er am zweiten Weltjugendfestival in Budapest teilgenommen hatte. 1953 schmiss ihn der Patron einer Zürcher Druckerei hinaus, nachdem er Margadants Namen auf einer PdA-Wahlliste gelesen hatte. Und 1959 wurde er aus dem gleichen Grund beim «Blick» fristlos entlassen, wo er als erster Redaktionsgrafiker eingestellt worden war. Da blieb wohl wirklich nur das Exil im Osten des Landes.

Mit Brecht in Chur

Margadant trat den Umzug nach Flawil mit der Bemerkung des marxistischen Kunsthistorikers Konrad Farner an, Margadant würde dort nie leben können. Margadant sagte sich: «Als Kommunist sollte man doch überall leben können, wo andere Leute existieren.» Diese Einstellung scheint symptomatisch für seine Unbeirrbarkeit. Ohne diese wäre er wohl über kurz oder lang auf der Strecke geblieben wie andere GenossInnen, die dem politischen Druck vor allem während des Kalten Kriegs nicht widerstanden. Heute mutmasst Margadant: «Dass ich trotz McCarthyismus made in Switzerland über die Runden gekommen bin, hängt wohl mit meiner Lebenskraft zusammen.»

Die Bundespolizei war seit 1946 Margadants verlässlichster, wenn auch unsichtbarer Begleiter. Die Fiche zeigt, wie sich nach dem Eintritt in die PdA 1948 die Eintragungen häuften. Insgesamt wurde Margadant nicht weniger als vierzig Jahre lang überwacht. Intrigen, Bespitzelungen, Denunziation, Telefonabhörung, Postkontrolle - kein Mittel war den VerfolgerInnen zu gering, um den mutmasslichen Staatsfeind zu zermürben. Allein, sie schafften es nicht - heute steht Margadant als «Sieger» da. Woher aber diese Energie, dieser Mut? Vielleicht von seiner Mutter Albertina, einer waschechten Bündnerin und überzeugten Kommunistin. Sie brachte Bruno am Neujahrstag 1929 zur Welt, in der Hoffnung, dass ihr Sohn ein tapferer Soldat der Weltrevolution werde. Der Vater, Mathis Margadant, war ein braun gebrannter Bergler und geeignet als «Musterprolet», als der er auch auf einem kommunistischen Wahlplakat zu sehen war.

So wuchs der Sohn im linken Arbeitermilieu auf, das ihn mit all seinen Mythen, Hoffnungen und Sehnsüchten fürs ganze Leben prägte. Klar auch, dass nicht Karl Mays «Schatz im Silbersee» den wissbegierigen Jungen fesselte, sondern die Romane von KPD-Autoren wie Willi Bredel oder Karl Billinger, die den illegalen Kampf im Untergrund gegen Hitler beschrieben. Auch der junge Bruno war bald klandestin aktiv. Seit dem Verbot der KPS im Jahr 1940 mussten Parteitreffen heimlich organisiert werden. So holte Bruno einmal den KPS-Leiter und späteren SPS-Generalsekretär Jules Humbert-Droz in Chur vom Bahnhof ab. Unvergessen bleibt Margadant die Zeit, als sich Bertolt Brecht 1948 anlässlich einer Uraufführung in Chur aufhielt. Abends traf man sich mit dem grossen Dichter im kleinen Kreis der PdA-GenossInnen.

1949 hatte Margadant die Rekrutenschule zu absolvieren. An der 1.-Mai- Demo in Chur marschierte er als einziger in der Militäruniform mit. Der RS-Kommandant war entsetzt und erteilte Order ans Kader, «den richtig dranzunehmen». Was dann auch geschah. Margadant hat den Dienst fürs Vaterland als «vier Monate dauernden Kleinkrieg» in Erinnerung. Seine Freizeit gehörte damals fast ausschliesslich der Partei. Bald amtete er als Präsident der PdA-Sektion 1/7. Auch gewerkschaftlich war er aktiv, im Schweizerischen Typografenbund. Ein schönes Bild der Solidarität - es stammt aus dem Zürcher Mai-Umzug von 1950 - hat er nie vergessen: Die BüezerInnen des VPOD schritten in Viererkolonne mit den ebenfalls dieser Gewerkschaft angehörenden Beamten der Stadtpolizei einträchtig durch die Limmatstadt.

Apropos Gewerkschaft: Als 1956 beim Einmarsch der sowjetischen Truppen in Ungarn ein hysterischer Ausbruch von Antikommunismus das Land erfasste, wurden davon auch die ArbeiterInnenorganisationen angesteckt. Zwar waren PdAlerInnen schon vorher bei gewissen Funktionären mehr gelitten als erwünscht. Doch nun bot sich die Gelegenheit, sich ihrer zu entledigen. PdA-FunktionärInnen wurden aus den Mitgliederlisten gestrichen. Für KommunistInnen war in der patriotischen Schweiz kein Platz. Froh konnte sein, wer die Pogromstimmung heil überlebte, wie zum Beispiel der eingangs erwähnte Konrad Farner, der vor dem Thalwiler Mob mit seiner Familie ins Tessin flüchten musste.

Im kalten November 1956

«Der November 1956 war extrem kalt», so Margadant - das galt sowohl meteorologisch als auch politisch. Als Beispiel für den«kleinen» Antikommunismus blieb ihm die Kassierin des Zürcher Studiokinos Nord-Süd im Gedächtnis, die Margadant nicht mehr einlassen wollte, als er den Presseausweis der PdA-Zeitung «Vorwärts» vorzeigte: «Aber das geht doch jetzt nicht mehr!» Immerhin besann sich die Kinobesitzerin eines Besseren, denn sie schätzte Margadants Filmrezensionen im Parteiblatt. Natürlich litt die PdA schwer unter dem Kesseltreiben. Margadant erhielt beinahe täglich Austrittsschreiben. Selber dachte er nicht im Traum daran, auszutreten.

Gewiss zehrte er in jenen tumultuösen Jahren von der Erinnerung an seine ausgedehnten, teils abenteuerlichen Touren in den frühen fünfziger Jahren, die ihn von Frankreich, Spanien und Portugal bis nach Casablanca geführt hatten. In Oran und Algier spürte er den Wind des antikolonialistischen Kampfes, als er an den Mauern «L’Algérie libre vivra» und «Paix au Viêt-nam» lesen konnte. In Brüssel lief er an einer Solidaritätsdemo für das Ehepaar Ethel und Julius Rosenberg mit, das in den USA 1951 der Atomspionage für die Sowjetunion angeklagt war und trotz weltweiter Proteste 1953 hingerichtet wurde.

Keinem Kommunisten bleibt die Frage erspart: «Und wie war das mit Stalin?» Nach dem Tod des Diktators im Jahre 1953 und Nikita Chruschtschows Geheimrede über dessen Verbrechen war auch die Zürcher PdA gefordert. Edgar Woog habe an einer Versammlung im Volkshaus lange Passagen aus dieser Rede vorgetragen, mit teils stockender Stimme, berichtet Margadant. Später habe sich herausgestellt, dass selbst Woog als Jude und ehemaliger Komintern-Funktionär auf Stalins Liste der zu Ermordenden gestanden sei.

Noch brauchte es ein Jahrzehnt, bis Margadant der Partei den Rücken kehrte und austrat. Das war 1967, ein Jahr vor dem Prager Frühling. Weshalb? «Vielleicht aus Müdigkeit», sinniert er. 1973 trat er dann der SP bei. In Flawil organisierte er die Maifeiern, die so berühmt waren, dass sie Gäste von weither anzogen. In der «Zürcher AZ» las Margadant 1972 einen Artikel der sankt-gallischen SP-Präsidentin Alexa Lindner, der ihn beeindruckte. Die beiden fanden sich und wurden ein Paar. Wer Bruno Margadant kennt, kennt auch die nicht minder engagierte Alexa. Ihrem unermüdlichen Engagement für die Frauen hat die Ostschweizer Linke viel zu verdanken.

Festung in garstiger Stadt

Seit 1975 leben die beiden in einer geräumigen Wohnung in der St. Galler Altstadt, und wenn einmal am 1. Mai keine roten Fahnen an der Fassade hängen würden, so müsste man um ihre Gesundheit ernstlich besorgt sein. Noch immer ist Margadant ein leidenschaftlicher Sammler und sein Domizil ein wunderbarer, von Pfeifenrauch durchtränkter Ort, wo das sozialistische Gedächtnis und die linke Kultur lebendig geblieben sind. Eine uneinnehmbare Festung im «ewiggestrigen Klumpen der Schweiz», als den Margadant seine Ostschweizer Wahlheimat bezeichnet. Für den «Vorwärts» betreut er seit Jahren den Frontteil der 1.-Mai-Sonderausgabe. Er motiviert KünstlerInnen, die Titelseite zu gestalten. Für die nächste Ausgabe 2009 ist Thomas Hirschhorn im Gespräch.

So führt Margadant das ikonografische Erbe des engagierten Plakats weiter. Für ihn bedeutet dies immer auch ein Anknüpfen an die Hochblüte der ArbeiterInnenbewegung, die er als «Zeit der grossen Hoffnung» erlebt hat.