Nr. 50/2019 vom 12.12.2019

Ein wunderbares Haus

Karin Hoffsten begab sich ins Herz des feministischen Aufbruchs

Von Karin HoffstenMail an AutorIn

Schon von weitem sieht das alte Gebäude bunt und besetzt aus – Transparente und Parolen, so weit das Auge reicht. Doch das feministische Streikkollektiv bekam den Zuschlag für sein Haus am Zürcher Sihlquai ganz legal über die Raumbörse der Stadt Zürich, denn das eingereichte Betriebskonzept ist gut.

Sehr gut ist auch die Stimmung, als ich am Samstagnachmittag zur Eröffnungsparty komme. Ob im Flur, Garten, Infocafé oder auf der Terrasse – überall sitzen und stehen Frauen, diskutierend, lachend, kuchenessend, sich begrüssend, daneben Kinder, wenige Männer.

Meine leichte Unsicherheit – ich kenne keine persönlich – legt sich, als mich Frauen vom Kollektiv freundlich ansprechen; doch um noch an einem der vielen Workshops teilzunehmen, bin ich zu spät. Das Programm ist prall: Tanz, Selbstverteidigung, Care-Arbeit, Mutterschaft, Clubmusik, Sexarbeit, Gesundheitswesen und anderes wird in verschiedenen Räumen praktiziert und/oder diskutiert, immer mit feministischem Anspruch.

Als es dunkel geworden ist, singen wir rund um ein Feuer im Garten Revolutionslieder. Chorleiterin Magda Vogel sei heute stimmlich ein bisschen reduziert, höre ich, also sind wir streckenweise auf uns selbst gestellt, weshalb das vertraute «Bella ciao» weit kraftvoller in den Abendhimmel steigt als unbekannteres Liedgut.

In der anschliessenden Infoveranstaltung erfahre ich alles über Konzept, Projekte und Planung – es klingt spannend, aber auch nach sehr viel Arbeit, die hier geleistet wird. Das Haus will repressions- und diskriminierungsfreie Räume bieten für Bewegung, Austausch, Arbeiten und Feiern. Die Bibliothek ist noch im Aufbau und freut sich auf gespendete feministische Literatur aller Art. Wichtig und willkommen sind aber auch finanzielle Spenden, denn die zu zahlenden monatlichen Nebenkosten betragen über 2000 Franken.

Programmatisch beschriftet sind auch die beiden WCs für Gäste: Auf das linke dürfen «all genders», auf das daneben «Only / Nur / Solo FLINT*», ganz klein wird darunter erklärt: «FLINT* steht für Frauen*, Lesben, inter, non-binary und trans* Personen». Nach kurzem Denkprozess realisiere ich erleichtert, dass ich auf beide darf.

Wie die feministische Nomenklatur ja überhaupt ein paar Hürden birgt. An einer Wand lese ich: «Du kannst das Geschlecht einer Person nicht an ihrem Äusseren erkennen. Frag nach Pronomen!» Wenn «sie» und «er» nicht infrage kommen, ist die Antwort darauf im Deutschen auch nicht ganz einfach.

Als eine junge, charmante Person über die AG für FLINT* in Gastroberufen berichtet, frage ich, ob die Probleme in dieser Branche denn besonders gross seien, weil Sexismus in dem Bereich ja schon für «normale Frauen» häufig eine Zumutung sei. Noch während ich es sage, weiss ich, dass sich da gerade mein heutiges Fettnäpfchen auftat.

Sie lacht bloss herzlich: Cis-Frauen passe besser.

Karin Hoffsten weiss jetzt, dass es die Begriffe «Cis-Frau» und «Cis-Mann» dank Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch schon seit 1991 gibt und dass sie auch sonst noch einiges lernen kann.

Alles Wissenswerte zum Streikhaus findet sich auf www.streikhaus.ch.

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