Nr. 51/2019 vom 19.12.2019

Wo Nippel sich aufrichten wie Brot

Live aus der Mundhöhle: Der Sohn von Leonard Cohen hat seinem Vater ein letztes Album abgerungen. Aber was ist eigentlich so witzig daran, dem Tod bei der Arbeit zuzuhören?

Von Klaus Walter

John Carter Cash. Jakob Dylan. Julian Lennon. Dweezil Zappa. Stephan Beckenbauer. Söhne grosser Künstler habens nicht leicht. Adam Cohen ist da keine Ausnahme. Mit 47 Jahren ist der kanadische Singer-Songwriter nach wie vor nicht nur bei Wikipedia der «Sohn von Leonard Cohen». Dieses Schicksal eröffnete dem Sprössling vor drei Jahren die Chance, als Produzent den musikalischen Abgang seines berühmten Vaters von dieser Erde zu begleiten. Das Resultat, das Album «You Want It Darker», war ein Meisterwerk der Deathploitation.

Nachdem David Bowie das finale Kunststück fertiggebracht hatte, sein letztes Album, «Blackstar», praktisch an seinem Todestag auf den Markt zu bringen, respektive am Tag der Veröffentlichung zu sterben, überlebte Leonard Cohen seinen Release Day um zwei Wochen. Mit «You Want It Darker» verabschiedete sich der todgeweihte «Troubadour» («Brigitte») und «Herzensbrecher» («Gala») von dieser Welt, und er tat es mit der ihm eigenen Kreuzung aus Pathos und Understatement. Die letzten Lieder fütterten die Illusion, dass man dem Tod mit einem Lächeln begegnen und ihm damit seinen Schrecken nehmen könne. Musikalisch blieb es halbwegs pietätvoll, nekrophiler Edelkitsch und souveräne Todesverachtung hielten sich die Waage, es gab schon schlimmere Trauerfeiern.

Diese schwierige Balance hält «Thanks for the Dance» nun leider nicht. Die postmortale Platte entstand wiederum unter der Regie des ewigen Sohnes und bestätigt die böse Ahnung, dass Vater Leonard auf seine letzten Tage die Qualitätskontrolle nicht abgeben wollte, um zu verhindern, dass der minderbegabte Sohn Adam ihm sein Farewell mit Emo-Überdosen verhunzt. Auf «Thanks for the Dance» fehlt der Bullshit Detector, Geschmacksverstärker und Aromazusätze werden grosszügig gestreut. Dabei hilft der Produzent Daniel Lanois, der notorische Atmo-Sternekoch und schon bei Bob Dylan und U2 der Mann fürs Feierliche. Noch mehr Rockadel auf der Gästeliste: Leslie Feist, Beck, Arcade Fire, The National …

Bouzouki wie bei Udo

«Ich lebe auf Pillen, für die ich Gott danke», brummt der todkranke Vater mit seiner Trademarkstimme, und der Sohn potenziert die Fallhöhe mit einem anschwellenden Frauenchorgesang. Die Songs changieren zwischen Selbstplagiat und Reminiszenz, was man einem Künstler am Ende seines Lebens nicht verübeln muss. Auch dass Cohen noch einmal an Marianne Ihlen aus seinem Kuschelrockhit «So long Marianne» erinnert, die ein paar Monate vor ihm starb, ja, seufz. Auf der Insel Hydra hatten sie sich geliebt, aber irgendwas war dann doch schiefgegangen. Wer hat wen verarscht, fragt Cohen, «who’s kiddin’ who», und die Bouzouki spielt dazu wie einst beim «Griechischen Wein», mit dem Udo Jürgens seinen Fans die hellenische Lebensart schmackhaft machen wollte.

Hartnäckig setzt Cohen junior akustische Duftmarken, die stehen dann in den Songs rum wie übergrosse Wegweiser. «The Night of Santiago» beginnt mit einer spanischen Laute, die laut Flamenco ruft. Als Cohen sich «San-ti-a-go» auf der Zunge zergehen lässt – die Konsonanten werden bis ins Perkussive gepimpt bei dieser Liveübertragung aus der Mundhöhle –, verpasst ihm sein Sohn ein paar Handclaps, sodass man kurz Angst hat, dass Santa Esmeralda mit ihrem Stierkampf-Disco-Stomper «Don’t Let Me Be Misunderstood» um die Ecke kommen. So geht das Album in die Knie unter dem ornamentalen Overload, hier ein zirzensischer Schlenker, dort eine orientalisierende Vignette, es lebe das ausgestellt Musikantische.

Kritiker unter Zuckerschock

«Süsse Klang-Madeleines», feiert die FAZ und liegt mit dem Vergleich gar nicht so falsch. Offenbar hat der Autor einen Zuckerschock und verrennt sich zur steilen These, Adam Cohen habe «die beiden am besten instrumentierten und produzierten Alben seines Vaters geschaffen». Andächtig entzückt sind auch die Kritiker bei «Süddeutscher Zeitung» («wundervolle, gewitzte, existenziell düstere und heitere Platte»), «Frankfurter Rundschau» («ein Werk von phänomenalem spirituellen Einklang») und «Standard» («ganz wunderbar»). Das wirft Fragen auf. Gilt immer noch: Über die Toten nur Gutes? Was ist eigentlich so witzig daran, dem Tod bei der Arbeit zuzuhören? Das war ja schon bei den phänomenal erfolgreichen Spätwerken des moribunden Johnny Cash ein Rätsel.

Und wer ergötzt sich aus welchen Gründen an Nippeln, die sich hinter feinen Stickereien aufrichten wie Brot? Brot? Echt? «Behind a fine embroidery / Her nipples rose like bread», raunt der Ladies’ Man, oder ist es der Lustgreis? «Für einen Moment ist die Welt in Ordnung», schreibt der FAZ-Kritiker, und das mag die Antwort sein auf all die Fragen. Die einhellige Männerbegeisterung für «Thanks for the Dance», sie könnte damit zu tun haben, dass der durchkanonisierte und längst sakrosankte Cohen die Sehnsucht nach einer versunkenen Welt verkörpert, in der noch kein Gendertrouble herrschte, in der sich zwei Geschlechter gut sortiert begegnen, in der ein Mann mit ausgeprägtem sexuellem Appetit bei gleichzeitiger literarischer Ambition als Erotomane bewundert wird, dem eine Muse zusteht, die ihrem Herrn qua Liebreiz und Charme Inspiration einhauchen darf, intellektuell, sexuell und, klar, das darf nicht fehlen: spirituell.

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