Nr. 02/2020 vom 09.01.2020

Schweizer Atomgeld heizt dem Klima ein

Die Stilllegung der Schweizer Atomkraftwerke wird teuer. Bisher unveröffentlichte Daten, die der WOZ vorliegen, zeigen nun, dass die Abwicklung massgeblich über Anlagen in klimaschädliche Konzerne finanziert werden soll.

Von Marcel Hänggi

Abwicklung mit fragwürdigen Mitteln: Am Tag der Abschaltung im AKW Mühleberg. Foto: Peter Klaunzer, Keystone

Atomspaltung setzt kein CO2 frei. Die Atomenergie wird deshalb immer wieder als eine Lösung der Klimakrise propagiert. Doch ein Aspekt der Wechselwirkung zwischen Klimakrise und Atomenergie blieb in der Debatte bisher unbeachtet.

Es geht um Geld.

Die Betreiber der Schweizer Atomkraftwerke müssen von Gesetzes wegen Geld für die Stilllegung ihrer Werke und die Entsorgung ihres Atommülls zurückstellen. Verwaltet wird dieses Geld vom Stilllegungs- und Entsorgungsfonds (Stenfo). Ende 2018 waren es 7,5 Milliarden Franken. Dieses Geld muss Rendite einbringen, damit es am Ende reicht. Nach der aktuellsten Kostenstudie der Atomwirtschaft werden Stilllegung und Entsorgung aller fünf Schweizer AKWs insgesamt 23,5 Milliarden Franken kosten. Der Stenfo gehört zu den dreissig grössten institutionellen Anlegern der Schweiz.

Wie klimaschonend ist das Atomgeld? Liegt es in Wertpapieren von Unternehmen, die das Klima anheizen – oder von solchen, die zu Lösungen beitragen? Und wie sicher ist das Geld angelegt, wenn die Weltwirtschaft endlich beginnt, sich von der fossilen Energie und ihren Protagonisten abzuwenden?

Stenfo erschwert Datenzugang

Bei einer ersten Anfrage im Herbst 2018 wusste der Stenfo keine Antwort: Die Gelder, teilte er mit, seien «im Bereich der Aktien mehrheitlich passiv investiert». Das heisst: Der Stenfo investiert nicht selber, sondern beauftragt die Vermögensverwalter UBS, CS, Swiss Life, Pictet und Zürcher Kantonalbank. Das Kernenergiegesetz schreibt einzig vor, dass kein Geld bei Unternehmen angelegt wird, an denen die Schweizer AKW-Betreiber beteiligt sind.

Die WOZ wollte es trotzdem wissen und verlangte Anfang 2019 vom Stenfo mit Berufung auf das Öffentlichkeitsprinzip, die fehlenden Angaben zu beschaffen. Nach langer Wartezeit bekamen wir zunächst einen dicken Stapel eng bedrucktes Papier. Die Verwaltungskommission hatte ausdrücklich beschlossen, die Daten nur in dieser Form zur Verfügung zu stellen. Schliesslich bekamen wir die Daten im Herbst doch noch elektronisch. Eine vollständige Offenlegung ist es nicht: Nur 23 Prozent des Portfolios sind nach einzelnen Wertpapieren aufgeschlüsselt: 1640 Aktien und 240 Obligationen (alle Zahlen beziehen sich auf 2018). Für den Rest legt der Stenfo lediglich die Börsenindizes offen, die sich auf ein bestimmtes Börsensegment beziehen. Aufgrund der vorhandenen Informationen lässt sich sagen:

  • In den Industrieländern hält der Stenfo Aktien aller grossen Erdölunternehmen wie Exxon, Shell oder BP. Nur in acht Unternehmen hat der Stenfo mehr Geld in Form von Aktien angelegt als in Exxon, dem Unternehmen, das wie kein zweites die Leugner der Klimaerwärmung finanziert hat. Auch an Kohlegiganten wie BHP, Rio Tinto oder der schweizerischen Glencore, die in Ländern wie Australien mit viel Geld jegliche Klimapolitik torpedieren, ist der Stenfo beteiligt.
  • Aktien von Unternehmen in sogenannten Schwellenländern hat der Stenfo nicht offengelegt. Aufgrund der Indizes, an denen sich die Vermögensverwalter des Stenfo orientieren, kann man aber darauf schliessen, welche Unternehmen darin enthalten sind – es ist fast die komplette Liste der grössten börsenkotierten Fossilenergieunternehmen wie Gazprom, Petro China oder Petrobras.
  • Laut einer Abschätzung, die das auf Klimarisiken spezialisierte Beratungsunternehmen Carbon Delta für die WOZ vorgenommen hat, investiert der Stenfo in eine wirtschaftliche Entwicklung, die bis 2100 zu einer Erwärmung um 3,3 Grad führt. Das Pariser Abkommen verlangt eine Begrenzung auf unter 2 und möglichst auf 1,5 Grad.
  • Sollte die Welt auf einen 1,5-Grad-Kurs einschwenken, wie es das Pariser Abkommen vorschreibt, dürfte das Stenfo-Portfolio laut Oliver Marchand von Carbon Delta bis in fünfzehn Jahren netto 5 bis 8 Prozent seines Wertes verlieren – das entspräche 375 bis 600 Millionen Franken. Geringfügige Gewinne durch Unternehmen, die von einer stringenten Klimapolitik profitieren würden, sind in dieser Schätzung enthalten.

Eine vom Bundesamt für Umwelt (Bafu) in Auftrag gegebene Analyse hat 2017 ergeben, dass die Pensionskassen in der Schweiz in einen 6-Grad-Kurs investieren. So gesehen legt Stenfo sein Geld vergleichsweise «klimaschonend» an. Doch die Analyse des Bafu rechnete mit pessimistischeren Annahmen. Carbon Delta stützt sich auf wissenschaftliche Modelle, und sogenannte Rückkoppelungseffekte im Klimasystem lassen sich schlecht modellieren. Die 3,3 Grad markieren deshalb den unteren Rand der Erwärmung, die die Stenfo-Anlagestrategie bewirkt. Und auch 3,3 Grad sind vom Pariser Klimaziel sehr weit entfernt.

Die 20-Billionen-Dollar-Gefahr

Bezüglich des Risikos liesse sich einwenden, dass ein 1,5-Grad-Szenario sowieso unrealistisch sei und die durch die Klimapolitik bedingten Verluste mithin geringer ausfallen werden. Dazu sagt Oliver Marchand von Carbon Delta, dass sich diese Risiken sehr plötzlich realisieren könnten, und er verweist auf Ereignisse des vergangenen Jahres: Der US-Energieversorger Pacific Gas and Electric steckt aufgrund von Schadenersatzklagen nach den verheerenden Waldbränden in Kalifornien im Konkursverfahren, der Börsengang des saudischen Erdölriesen Aramco war aus Sicht des Unternehmens eine Schlappe, und auch die Versteigerung von Förderrechten an Tiefseeölvorkommen vor der brasilianischen Küste blieb weit hinter den Erwartungen zurück. Die «20-Billionen-Dollar-Gefahr, die den nächsten Finanzzusammenbruch auslösen könnte», nennt die auf den Ölmarkt spezialisierte Plattform oilprice.com die Klimakrise. Sogar die zurückhaltende schweizerische Finanzmarktaufsicht (Finma) warnt in ihrem jüngsten Risikobericht vor Klimarisiken. Und ein gestern publiziertes Rechtsgutachten des Bundes zeigt auf, dass die institutionellen Anleger nach geltendem Recht verpflichtet sind, die Finanzrisiken des Klimawandels miteinzubeziehen.

Manchen Unternehmen im Portfolio attestiert Carbon Delta ein Ausfallrisiko von 100 Prozent: Arcelor Mittal, Vistra Energy, Sembcorp Industries oder AGL Energy. «Risikomanagement», sagt Marchand, «heisst nicht, einfach auf den Durchschnitt zu schauen. Es bedeutet, mit dem schlimmsten plausiblen Szenario zu rechnen. Der Stenfo hat eine Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit, solche Risiken zu minimieren.»

Alternativen wären vorhanden – und rentabel. So zeigte etwa der Index MSCI World ESG Leaders (ESG steht für «ecological, social and governance responsibility»), nach dem etwa die Pensionskassengelder der WOZ-MitarbeiterInnen angelegt sind, über die letzten zehn Jahre eine bessere Performance als herkömmliche Indizes.

Verantwortlich für die Anlagestrategie ist die vom Bundesrat eingesetzte Stenfo-Verwaltungskommission. Auf die Fragen der WOZ antwortet die Kommission schriftlich: «Stenfo nimmt seine Umwelt-, soziale und Governance-Verantwortung wahr.» Alle vom Stenfo beauftragten Vermögensverwalter seien Mitglied einer Organisation, die sich für nachhaltige Vermögensanlagen engagiere, und hätten die Uno-Prinzipien für verantwortliches Investieren (UNPRI) unterzeichnet. 2018 habe man zudem «beschlossen, dass die Titel auf der Ausschlussliste des Schweizer Vereins für verantwortungsbewusste Kapitalanlagen (SVVK) ausgeschlossen werden sollen».

Die UNPRI sind eine freiwillige und unverbindliche Absichtserklärung; die SVVK-Liste umfasst Hersteller völkerrechtlich geächteter Waffen und hat keine ökologischen Kriterien. Auf die Frage, was der Stenfo unternehme, um seine klimabedingten Anlagerisiken zu minimieren, bittet die Verwaltungskommission um die Analysen, die dieser Recherche zugrunde liegen. Die WOZ kommt dieser Bitte gerne nach: Sollten die Analysen den Stenfo zu einem Umdenken bewegen, würde die Schweizer Atomkraft tatsächlich ein Stück klimaverträglicher.


Marcel Hänggi ist Mitinitiant der Gletscherinitiative. Mitarbeit: Sandro Leuenberger, Finanzexperte Klima-Allianz.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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