Nr. 02/2020 vom 09.01.2020

Ein Kontinent als Sinnbild

In Australien lassen gigantische Brände erahnen, worauf die Welt zusteuert. Das Land spiegelt die globalen Machtverhältnisse wider, die einen klimapolitischen Wandel verhindern – und auch der Schweizer Konzern Glencore spielt dabei eine Rolle.

Von Daniel SternMail an AutorIn

Ein roter Himmel über dem Campingplatz: Mallacoota an der Südostküste Australiens am 4. Januar. Foto: Justin McManus, Getty

Die Feuer in Australien, die auch diese Woche weiterwüten, sind nicht einfach eine weitere Naturkatastrophe. Sie markieren eine grundlegende Verschiebung. Denn sie sind der bislang sichtbarste Beleg dafür, wie sehr die Erderhitzung für Mensch und Tier zur lebensgefährlichen Bedrohung geworden ist. Die Fläche, die bereits niedergebrannt ist, ist grösser als die Schweiz.

Bislang haben die Feuer 25 Menschen und Hunderte Millionen Tiere das Leben gekostet. Dabei kamen sie alles andere als überraschend. Schon im letzten Sommer war in Australien ein Hitzerekord nach dem anderen gefallen. Wegen der grossen Trockenheit brachen die ersten Wald- und Buschbrände bereits im August aus – im australischen Winter. Durch die Hitze und die starken Winde der letzten Wochen haben sich die Feuer unaufhaltbar ausgebreitet. In Canberra war am Montag die Luft aufgrund des Rauchs so schlecht, dass die Behörden die Bevölkerung dazu aufriefen, zu Hause zu bleiben. An vielen Orten hat es inzwischen geregnet und sind die Temperaturen gesunken. Von einem Ende der Feuer kann aber noch keine Rede sein. Für Freitag wird erneut mit hohen Temperaturen an der Südostküste gerechnet.

Ausgerechnet Australien

«Das Verhältnis zwischen Mensch, Ökosystem und Feuer hat sich unwiderruflich verändert», schreiben die australischen Feuerexperten Ross Bradstock und David Bowman in einem Gastbeitrag im britischen «Guardian». Australien befinde sich in einer «beispiellosen Krise», so die Professoren, und die Forschung habe darauf noch keine Antwort. Zunehmende Hitze und Trockenheit, mächtige Winde und Gewitter, die zu unkontrollierbaren Feuern führen: Es lasse sich nicht abschätzen, wie Menschen in den am dichtesten bevölkerten Regionen Australiens künftig überhaupt noch leben könnten.

Der australische Klimaaktivist Philip Sutton ist einer der führenden Köpfe hinter der «Climate Emergency Declaration», einer Kampagne, die weltweit Städte, Gemeinden und Staaten dazu bringen will, den Klimanotstand auszurufen. «Wir sehen in Australien, was passiert, wenn die Erde sich um ein Grad erwärmt», sagt Sutton am Telefon. «Was, wenn es mehr wird?» Gemäss dem Pariser Klimaabkommen haben sich die Staaten verpflichtet, die Erderwärmung deutlich unter 2 Grad zu halten. Derzeit deutet alles darauf hin, dass es weitaus mehr wird. «Angesichts dessen, was wir in Australien sehen, ist schon eine Erwärmung von 1,5 Grad unverantwortlich.» Er fordert grosse Investitionen in die Forschung, um an Lösungen zur Abkühlung des Planeten zu arbeiten. Natürlich seien gleichzeitig die Treibhausgasemissionen möglichst schnell auf null zu senken.

Ausgerechnet Australien befindet sich aber auf einem genau entgegengesetzten Pfad. Das Land liegt beim Pro-Kopf-Ausstoss von CO2 weltweit an vierter Stelle, 2019 hat es Katar als grössten Exporteur von Flüssiggas abgelöst. Erdgas setzt bei der Verbrennung genau wie Kohle und Erdöl CO2 frei – doch es ist noch viel schädlicher für das Klima, wenn es etwa durch Lecks in Pipelines unverbrannt in die Atmosphäre gelangt.

Weiterhin setzt Australien zudem auf den Abbau von Kohle, die zu einem grossen Teil nach Asien exportiert wird. Allein Glencore betreibt auf dem Kontinent sechzehn Kohleminen: 2018 förderte der Schweizer Konzern mit Sitz in Baar dort 104 Millionen Tonnen. Wird diese Kohle verbrannt, wird damit rund viermal mehr CO2 freigesetzt, als letztes Jahr in der ganzen Schweiz ausgestossen wurde. Und Glencore denkt nicht daran, mit dem Geschäft aufzuhören. Das Unternehmen verfolgt fünf Neu- beziehungsweise Ausbauprojekte. So existieren unter anderem Pläne für eine Tagebaumine in Wandoan im Bundesstaat Queensland: Dort sollen während 35 Jahren jährlich 22 Millionen Tonnen Kohle abgebaut werden. Wegen der aktuell tiefen Kohlepreise ist das Projekt bislang nicht realisiert worden. Ein noch grösseres Projekt plant der indische Konzern Adani im Norden des Landes: Im Galilee Basin soll ein neues Vorkommen erschlossen werden, um anfänglich 25 Millionen Tonnen Kohle pro Jahr zu fördern. Mit dem Bau von Bahnlinien und Strassen wird das Gebiet auch für weitere Projekte attraktiv.

«Verbrechen gegen die Menschheit»

Ian Dunlop arbeitete früher für die Öl-, Gas- und Kohleindustrie, einst sass er gar der Vereinigung der australischen Kohleproduzenten vor. Mittlerweile hat der Achtzigjährige die Seiten gewechselt: In Zeitungsartikeln und auf seinem Blog bezeichnet er Fördervorhaben wie jene von Adani und Glencore als «Verbrechen gegen die Menschheit» und fordert politische Notstandsmassnahmen, um sie zu unterbinden.

Die Pressestelle von Glencore will Dunlops Forderung nicht kommentieren, auch sonst schweigt das Unternehmen zu Fragen der WOZ. Der Konzern hatte vergangenen Februar bekannt gegeben, dass er seine weltweite Kohleförderung auf 150 Millionen Tonnen pro Jahr begrenzen wolle – nachdem selbst GrossaktionärInnen Kritik an den Ausbauplänen geübt hatten. Zuvor war Glencore weit aggressiver aufgetreten: Laut Recherchen des «Guardian» hat das Unternehmen ab 2017 mit mehreren Millionen Franken eine Kampagne unter dem Namen «Cäsar» finanziert. In deren Rahmen wurden australische SchlüsselpolitikerInnen gezielt beeinflusst, KohlegegnerInnen ausspioniert und vermeintliche Basisgruppen lanciert, die in den Social Media die Kohleenergie lobten und Windenergie schlechtredeten. Glencore bestätigte die Kampagne gegenüber dem «Guardian», sagte aber, sie sei Anfang letzten Jahres eingestellt worden.

Die australische Kohleindustrie ist mit der regierenden liberal-konservativen Koalition eng verflochten. Umweltministerin Melissa Price arbeitete vor ihrem Einstieg in die Regierung für den japanischen Mitsubishi-Konzern, der in Australien mehrere Kohleminen sowie ein Kohleterminal besitzt. Premierminister Scott Morrison hat die Erderhitzung wiederholt relativiert. Er hat angekündigt, gegen KlimaaktivistInnen vorzugehen, die zum Boykott der Bergbauunternehmen und ihrer Zulieferer aufrufen. Sein Stabschef war früher Vizechef des Bergbauunternehmensverbands. Als Finanzminister trat Morrison 2017 mit einem Stück Kohle in der Hand im australischen Parlament auf, um dort zu sagen: «Das ist Kohle, habt keine Angst.»

Zupass kommt der konservativen Regierung zudem die Mediensituation im Land: Sechzig Prozent der Zeitungen Australiens sind in der Hand des konservativen Verlegers Rupert Murdoch, dessen Medienimperium auch in Grossbritannien und den USA äusserst einflussreich ist. Vor den australischen Wahlen im letzten Jahr griffen Murdochs Zeitungen und TV-Stationen die oppositionelle Labour-Partei wegen ihrer strengeren Klimapolitik permanent an.

Politiker von gestern

Die jetzige Brandkatastrophe könnte die Stimmung im Land aber verändern. Davon ist Klimaaktivist Philip Sutton überzeugt: Er stellt ein «neues Verständnis der Realität und der extremen Bedeutung des Klimawandels» in der Bevölkerung fest. Selbst in der Regierungspartei gibt es inzwischen einflussreiche Leute, die Kritik an der Klimapolitik der Regierung üben: So schrieb Matt Kean, Energie- und Umweltminister des bevölkerungsreichsten australischen Bundesstaats New South Wales, kürzlich: «Wir können nicht zulassen, dass Ideologie und Politik einer echten und sinnvollen Bekämpfung des Klimawandels im Weg stehen.» Er wolle seinen Bundesstaat zum «Saudi-Arabien der erneuerbaren Energie» entwickeln.

Leute wie Premierminister Morrison, die auch angesichts der gigantischen Brände nicht von ihrer Position abrücken, sind wohl von gestern. Doch die Frage bleibt in Australien genauso wie überall, wo klimaschädlich gewirtschaftet wird: Wie lange können sie sich noch an der Macht halten?

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