Nr. 03/2020 vom 16.01.2020

Stufen des Wahnsinns

Annette Hug flüchtet in eine alltägliche Katastrophe

Von Annette Hug

In den vergangenen Tagen habe ich gelernt: Wenn du sehr alt bist, allein wohnst, mit zwei Promille im Blut zusammenbrichst und die entfernten Verwandten, die dich finden, schon länger den Eindruck hatten, du würdest dement, dann ist es ungünstig, in ein normales Spital eingeliefert zu werden. Die Verlegung auf eine Akutgeriatrie ist dort kompliziert, und die Abläufe sind hektisch. Auf der Notfallstation sagen sie: «Okay, wir pflegen die Dame hier, leiten den Alkoholentzug ein, aber wenn sie zu aufwendig wird, müssen wir eine fürsorgerische Unterbringung aussprechen.» Das heisst: Zwangseinweisung in eine psychiatrische Akutstation.

Da die Dame nüchtern durchaus kräftig ist, könnte eine solche Einweisung wüst werden. Zwang droht, wenn die Patientin aus dem Zimmer stürmt, um nach Hause zu gehen, oder wenn sie nicht aufhört, die Infusionsröhrchen herauszureissen. Man muss ihr dann gut zureden. Drum sagt das Personal zu den entfernten Verwandten: «Toll, dass Sie hier sind. Wenn Sie weiter mithelfen, könnten wir die Zeit überbrücken, bis in einer spezialisierten Klinik ein Platz frei wird.»

So sitzt eine entfernte Verwandte dann da und passt auf, hört sich immer wieder an, wie Bomben auf eine norddeutsche Industriestadt fallen, eine Mutter mit dem Fahrrad aus den Flammen flieht, die kleine Tochter auf dem Gepäckträger. Später wird die Tochter mit diesem Fahrrad Zeitungen austragen. Die Dame erzählt in Schleifen, überspringt Jahrzehnte, nur die letzten Jahre sind verschwunden. Manchmal lebt der Ehemann noch, dann ist er ausgewandert oder unter dem Boden. Kommen Treppenstürze, der aktuelle Zusammenbruch oder zwei Promille zur Sprache, hebt ein Gezeter an: Auch die entfernte Verwandte wird Teil eines Komplotts, dessen Ziel es ist, eine aufrechte alte Dame kaputt zu machen.

In einer ganz perversen Art wirkt das alles beruhigend. Das Personal gibt sich Mühe, überlegt ernsthaft, mobilisiert Sitzwachen für die Nacht, sucht das Gespräch. Nach einigen Tagen wird tatsächlich ein Bett in einer Klinik frei, die darauf spezialisiert ist, körperlich geschwächte und schon etwas demente alte Menschen aufzupäppeln. Dort verstehen sie sich auf die Restvernunft der PatientInnen. Beruhigend ist das, weil gleichzeitig Wälder und Häuser eines Kontinents brennen, dessen Regierung noch vor kurzer Zeit behauptet hat, nur «wild gewordene innerstädtische Wahnsinnige» würden einen Zusammenhang zwischen Buschbränden und Klimawandel behaupten.

Die ganze Welt ist gerade gezwungen, das wirre Gelaber von Staatspräsidenten zu deuten, nachts Nachrichten zu hören, die Luft anzuhalten und zu rätseln, wer wann eine «Höllenfeuerrakete» abfeuern wird, wo die nächste amerikanische Drohne einschlägt und was es bedeutet, wenn Kim Jong-un ein «Geschenk» ankündigt oder die iranische Regierung eine «dezidierte Reaktion». Ist der Tiefpunkt erreicht, wenn Donald Trump sagt: «Alles ist gut»? Wer stoppt ein Flugabwehrsystem, das sich selbstständig macht? Und die Buschbrände?

Ich flüchte ans Spitalbett, wo auch ganz ruhige, fast schon luzide Momente zu erleben sind. Zum Beispiel resümiert die alte Dame: «Die wollen mir hier sagen: Du spinnst. Ja, sage ich, ein bisschen spinnen darf man. Wenns nichts kostet.»

Annette Hug ist freie Autorin in Zürich. Von einer Lesereise in Südkorea ist sie in die Schweiz zurückgekehrt und hat gleich eine neue Aufgabe gefunden.

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