Nr. 05/2020 vom 30.01.2020

«Der Körper hat nicht genug Zeit, sich zu erholen»

Die Soziologin Sarah Schilliger erforscht die prekären Arbeitsbedingungen von landwirtschaftlichen Angestellten. Eine internationale Tagung in Bern soll das Thema nun auf die politische Agenda bringen.

Interview: Bettina Dyttrich

Sarah Schilliger Foto: Ruben Hollinger

WOZ: Sarah Schilliger, wenn das Thema Landwirtschaft zur Sprache kommt, geht es oft um Ökologie und Tierwohl – aber fast nie um die Arbeit der Menschen. Warum ist das so?
Sarah Schilliger: Konsumentinnen und Konsumenten interessieren sich vor allem für Aspekte, die sie direkt betreffen, zum Beispiel die Fleischqualität oder Pestizidrückstände. Die Qualität des Rüeblis sagt nichts darüber aus, wer es unter welchen Bedingungen gesät und geerntet hat. Die Arbeitsbedingungen der Bäuerinnen und Bauern sind hin und wieder Thema in den Medien, zum Beispiel Suizide oder die schlechte soziale Absicherung der Bäuerinnen. Aber viele Leute haben ein idyllisches Bild von bäuerlicher Landwirtschaft. Dass immer mehr familienfremde Angestellte aus dem Ausland auf Schweizer Höfen arbeiten, passt nicht dazu und ist kaum Thema. Symptomatisch finde ich die Werbebilder der Migros: Da übergibt der Bauer der Verkäuferin die Tomaten direkt ab Feld. In Wirklichkeit ernten polnische, rumänische oder portugiesische Angestellte die Tomaten.

Was hat Sie in der Forschung am meisten beeindruckt?
Wirklich eingefahren sind mir die Schilderungen der Arbeitsabläufe. In der Saison arbeiten landwirtschaftliche Angestellte oft von sechs Uhr morgens bis acht Uhr abends, und die Arbeit ist so hart, dass der Körper schlicht nicht genug Zeit hat, sich zu erholen. Und das zu so geringen Löhnen! Der Richtlohn beträgt etwas mehr als 3000 Franken brutto, fast 1000 Franken können für Kost und Logis abgezogen werden. Eine 55- bis 65-Stunden-Woche in einem der reichsten Länder der Welt zu einem Lohn, der in der Schweiz kaum zum Leben reicht. Es gibt viele Parallelen zur Hauswirtschaft …

… über die Sie auch geforscht haben.
Ja. Die Parallelen sind kein Zufall: Beides sind Branchen, die nicht dem Arbeitsgesetz unterstellt sind – die Höchstarbeitszeiten gelten hier nicht –, in denen es kaum Kontrollen gibt und in denen fast nur Migrantinnen und Migranten angestellt sind. Stossend ist häufig auch der Umgang mit den landwirtschaftlichen Angestellten: Lehrlinge aus der Schweiz werden respektvoller behandelt als ausländische Mitarbeitende. «Wir gelten als Menschen zweiter Klasse», solche Aussagen über Erfahrungen mit Rassismus habe ich oft gehört.

Sie organisieren für den 7. und 8. Februar in Bern eine internationale «Versammlung für eine solidarische Landwirtschaft» mit. Warum gerade jetzt?
Vor genau zwanzig Jahren, vom 5. bis 7. Februar 2000, organisierten Einheimische im südspanischen Dorf El Ejido in der Region Almería eine Hetzjagd auf papierlose marokkanische Landarbeiter und Landarbeiterinnen. Sie jagten Menschen mit Baseballschlägern und verwüsteten ihre Unterkünfte. Das warf ein anderes Licht auf das «andalusische Wunder», den Gemüsebauboom in Südspanien, in einer Region, die vorher fast Wüste gewesen war. Zum ersten Mal wurde der internationalen Öffentlichkeit bewusst, wie liberalisierte Politik und industrielle Landwirtschaft ein Universum krasser Ausbeutung geschaffen hatten – Ausbeutung von Menschen, der Umwelt, der Böden und der Wasserressourcen.

Was geschah dann?
Das Europäische BürgerInnen-Forum (EBF), das den Longo-Maï-Kooperativen nahesteht, dokumentierte das Vorgefallene und unterstützte die spanische Landarbeitergewerkschaft SOC, damit sie ein Büro in El Ejido eröffnen konnte. Die SOC bietet eine Anlaufstelle für Rechtsfragen, wo die Menschen Arbeitsunfälle dokumentieren oder Klagen vorbereiten können. Die Landarbeiterinnen und Landarbeiter haben inzwischen Hunderte von Klagen vor Arbeitsgericht gewonnen und Lohnnachzahlungen erstritten. Ausbeutung in Almería war immer wieder in den Medien, etwa die Biogemüsefirma Bio Sol. Der Branchenverband Bio Suisse hat interveniert und Bio Sol das Knospe-Label entzogen. Die Mobilisierung war also ein Stück weit erfolgreich. Aber am Produktionsmodell hat sich bis heute nichts geändert.

Welche Ziele hat das Treffen in Bern?
Wir möchten verschiedene Akteurinnen und Akteure, die sich mit Prekarität in der Landwirtschaft beschäftigen, zusammenbringen. Es freut mich sehr, dass die Feministinnen von Wide mit spanischen Gewerkschafterinnen und der Klimajugend zusammentreffen, die das Thema Landwirtschaft auch entdeckt hat. Vielleicht entsteht daraus sogar eine politische Kampagne – auf jeden Fall wollen wir die Debatte lancieren.

Warum werden landwirtschaftliche Angestellte hierzulande nicht politisch aktiv?
Sie sind mit der Schweiz meist wenig vertraut, sprechen die Landessprachen zu wenig, um sich etwa über die kantonalen Normalarbeitsverträge zu informieren, verstehen darum oft auch ihren eigenen Arbeitsvertrag nicht. Und wohin sollen sie sich wenden? Es gibt keine Anlaufstellen, wo sie sich über ihre Rechte informieren könnten. Sie arbeiten sehr viel, können kaum weg vom Hof, haben wenig Kontakte mit der Bevölkerung – und sie wollen ihre Jobs nicht riskieren, auf die sie angewiesen sind. Unter diesen Bedingungen startet man kaum einen Protest.

Eigentlich wäre die Gewerkschaft Unia für die Branche zuständig …
Wir haben mit einigen Vertretern der Unia geredet. Es heisst, die Branche sei schwierig zu organisieren. Das stimmt ja auch, aber vor allem ist die Landwirtschaft für die Gewerkschaften einfach nicht attraktiv. Sie zu organisieren, wäre personalaufwendig und teuer. Vielleicht müssen wir sowieso andere Modelle denken als eine klassische Gewerkschaft.

Zum Beispiel?
Sezonieri in Österreich finde ich sehr inspirierend. Sie werden auch an der Tagung sein. Das ist eine Kampagne von lokalen NGOs und Aktivistinnen, die auf die Felder gehen und die Leute über ihre Rechte informieren. Was ich sehr innovativ finde: Sie reisen nach Rumänien, wo viele landwirtschaftliche Angestellte herstammen, und informieren dort über die Arbeitsbedingungen in Österreich. So wissen die Leute schon, was ihre Rechte sind, bevor sie einen Arbeitsvertrag unterschreiben. Auch Social Media sind ein wichtiges Mittel für transnationale Gewerkschaftsarbeit.

Sind bessere Arbeitsbedingungen überhaupt möglich, solange das Essen so wenig kostet?
Nein. Der Profit der Supermärkte muss sinken, aber wahrscheinlich wird das nicht reichen, um in der Landwirtschaft anständige Löhne zu zahlen. Nötig ist ein «system change» in der Landwirtschaft, eine sozialökologische Transformation. Und ein Bewusstseinswandel, welchen Wert unsere Nahrung hat. Ähnlich wie bei der Care-Arbeit: Beides, Essen und Care, braucht mehr Anerkennung.

Bettina Dyttrich ist als Moderatorin an der Tagung beteiligt.

www.widerstand-am-tellerrand.ch

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