Olifr M. Guz (1967–2020) : Liebe beisst an seltsamen Stellen

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Der Schaffhauser Musiker Oliver Maurmann alias Olifr M. Guz hat wie kein Zweiter in der Schweiz mit allen denkbaren und noch so abseitigen Musiken die kleine Welt ins Grosse erweitert und die grosse Welt im Kleinen gespiegelt.

«Wenn ihr nicht wisst, was ihr seid / geht raus und lasst euch casten»: Olifr M. Guz an der Zürcher Bahnhofstrasse. Foto: Adrian Elsener

Die Liebe im Hassloch hat kein Ende, der vielstimmige Chor im Idiotental singt mit einer Ausdauer, die ihm niemand zutraute. Im Fluss der Tränen scheppert ein Gelächter, das noch im Weltraum zu hören ist. Und auf allen Kanälen tauchen seine Lieder auf, berühmtere wie «Countrymusik», «Parisienne People» oder «Freundin», aber auch die leicht vergessenen wie «Stilles Haus», «Second Hund» oder eben: «Idiotental II».

Schnell verliert man sich im Riesenwerk von 45 Tonträgern und über 500 Songs, und in Liner Notes, zum Schreien komisch: «Das Thema ‹Musik› birgt ähnliche Fallen wie die Themen ‹kleine Kinder› und ‹Hunde›: Irgendwann redet man von nichts anderem mehr. Man sollte frühzeitig versuchen, dieser Kommunikationssackgasse zu entkommen. Kinder und Musik kann man machen und haben, ohne andauernd davon zu reden, Hunde sind nicht nötig.»

Kein Platz für Trendschlampen

Oliver Maurmann alias Olifr M. Guz hat mit seiner verstärkten Einmannkapelle GUZ und mit den Aeronauten nicht die Massen erreicht, aber scharenweise Leute angesteckt, die sich in seinen Weltbetrachtungen wiederfanden. Vornehmlich in der Provinz, aus der er selber kam (Thurgau), aber mit zunehmender Resonanz und seinem Ehrenplatz in der «Hamburger Schule» auch in Grossstädten. Dabei erweiterte er, in Konstanz geboren und bei freikirchlichen Pflegeeltern in Romanshorn aufgewachsen, aus der Position des ständigen Danebenstehens seine kleine Welt schnell über den Tellerrand der Szene hinaus.

Sein Interesse galt dem Abseitigen, der Kontakt zu den Aussenseitern kam dem gelernten Schriftenmaler nie abhanden. Er sang für die «potenziell Anwesenden», die er an der Hand nahm und in seinen Steinbruch führte. Die Sprache Hochdeutsch, keine Dialekttümelei, nirgends, keine heimelige Einrichtung, weil Zuhause immer eine Illusion blieb, da stand Schaffhausen stellvertretend für alle Orte am Rand. Und kein Platz im Guz-Zug für geschniegelte Trendschlampen, «Kulturcomedyarschgeigen» und Ideologen jeglicher Richtung («Scheissnazikommunistensau!»). So bissig seine Gesellschaftsbeobachtung, die Friedrich Dürrenmatt, Elfriede Jelinek oder den Revolutionären Aufbau zitierte, und so niederschmetternd seine Zeitgeistkritik («Wenn ihr nicht wisst, was ihr seid / geht raus und lasst euch casten») auch waren – Guz blieb trotzdem versöhnlich, er hielt jeden Menschen, der ihm begegnete, zuerst einmal für vernünftig. Umso verlockender das Angebot für alle, die in der Provinz gross wurden: Guz hilft bei der Identitätsfindung!

Einzigartig machte ihn vieles: Mit flirrender Neugier schuf er Genres wie Lo-Fi-Rumpelrock, Knödel-Punkblues oder Electro-Country. Nur er konnte den Beatles-Klassiker «Hey Jude» umdeuten zu «Wir werden immer jemand finden, den wir anpumpen können», oder den Buzzcocks-Punkalbumtitel «Love Bites» als «Liebe beisst (an seltsamen Stellen)» zitieren. Nur er konnte einen Countryschinken wie Jimmie Rodgers’ «T For Texas» als «T für Thurgau» (und T für Tessin) aufleben lassen. Prompt erhielt er schon zu Lebzeiten mehrere Anthologien, der Verzweiflung namhafter Fans geschuldet, dass er es nie in die Hitparaden schaffte. Er hatte eine Vorliebe für das «Gute im Schlechten» und umgekehrt, folgerichtig schrieb er die fröhlichsten Hasslieder («I Hate Everybody»), die stinkigsten Liebeslieder («Hassloch») und die rührendsten Szenehommagen («Schwarzer Block Girls»). So sorgfältig, wie er komponierte und textete, so empathisch arbeitete er als Produzent: Dutzende MusikerInnen hatten das Glück, von Guz auf den Weg gebracht worden zu sein. Im «Verbraten» aller für ihn brauchbaren Anschlüsse der Musikgeschichte blieb Guz auf der Höhe der Zeit, ohne je auf Moden zu schielen.

An den Lagerfeuern der Nerds

Wie geht es weiter, Freundinnen und Freunde? Das fragt er, im Güterzug, der ihn von hier wegbrachte, mit dem ganzen Weltraummüll. Ganz genau, was jetzt? Also zunächst spielt das nationale Radio einen Monat lang nur Guz, und ihm wird posthum der bundeskulturamtliche Musikpreis verliehen, dessen Preissumme seinem Sohn Linus zugutekommt. Dann ist hoffentlich mindestens ein Doppelalbum in Vorbereitung, mit Hommagen all jener Bands, die ihn verehrten, wie Züri West, Tocotronic, Die Sterne, Element of Crime, You Name It. Und freilich wird sein Musikschaffen in den Schulzimmern vermittelt.

An den Rändern, an den Lagerfeuern der Nerds, geht es erst recht weiter. Wer sich im Guz-Universum auskennt, hält es durchaus für möglich, dass in Zukunft einiges in Erscheinung tritt, das er im Verborgenen veranstaltete. So sollten versierte Musikfachkräfte sein Schaffen rückwärts abspielen – es könnten geheime Botschaften entziffert werden. Immerhin war seine Freude am Versteckten und Obskuren genauso gross wie am direkten Übersetzen von englischen Songtiteln.

Pump es jetzt auf!

Von seiner Gefährtin Taranja Wu und der Aeronauten-Clique ist zu erfahren, dass er einen «Sack voller Pläne» hatte, was er mit frisch eingebautem Herz alles tun würde: neue, bereits halbwegs eingespielte Platten, die (wie immer) den Durchbruch bringen sollten, ein Re-Release von «Alles wird gut», Bach-Etüden auf der Gitarre spielen.

Schon seit Jahren habe er davon gesprochen, ein Buch über alles, was er über Musik wusste, zu schreiben. Dies wäre dann das Alterswerk geworden. Ein Steilpass für seine FreundInnen, oder um es nochmals mit Guz-Songzeilen zu sagen: Pump es auf jetzt! Wer nicht fühlt, der sollte es wissen. Denn für jeden von uns kommt der Tag.