Nr. 40/2016 vom 06.10.2016

Kein Klang, nur ein Klingeln

Der Sammelband «Time Is Now» über die Popmusikszene wird zum Symptom dafür, wie in der Schweiz Musik verhandelt wird: als reines Geschäft.

Von Kaspar Surber

Selbstverständlich, «Campari Soda» von Taxi würde in die Hitparade mit den besten Popsongs aus der Schweiz gehören, die Flugzeughymne über das abgehobene Business-Class-Lebensgefühl dieses Landes. Oder «7 : 7» von Züri West, das Lied über das Brettspiel Carambole, es handelt vom Lieben und Lassen und am Schluss vom Unentschieden. Wenn mans räudiger wünscht, passte «Züri Punx» von Sperma, das Fanal zu den 1980er-Jugendunruhen: «Wuchelang händ si gschafft, für anderi Lüt dä Dräck gmacht. Doch jetzt endli hend si gnueg. Im Ranze hends e grausami Wuet.» Zwei Jahrzehnte später rappt Greis zu «Global» ins Megafon: «’s het nid gnue Platz i de Chastewäge, so bringet die Wasserwärfer.»

Mein Lieblingshit für diese Hitparade käme allerdings von Guz: «Niemand weiss» aus dem Jahr 1991, die Gitarren klingen wie eine verstimmte Drehleier, und an Lakonie nicht zu übertreffen singt Olifr Maurmann: «Da stehen wir hier in diesem fremden Land, mit dem Taschenrechner in der Hand. Niemand weiss, was soll der Scheiss.»

Das Buch «Time Is Now», herausgegeben vom Migros-Kulturprozent, signalisiert zwar schon im Titel, dass es keine Bestenlisten erstellen, sondern die Gegenwart der Popmusik in der Schweiz darstellen will. Das ist löblich und schützt vor Nostalgie. Doch je weiter man liest, desto lauter hämmert der Guz-Song im Hinterkopf. Nicht wegen des fehlenden Geschichtsbewusstseins, sondern weil er wie ein spöttischer Kommentar zum dominierenden Thema dieser Aufsatzsammlung klingt. Was in der Einleitung eine Analyse der Popszene verspricht, endet als Geschäftsbericht, gespritzt mit etwas Nationalstolz. Aus den meisten Beiträgen klingt der gleiche Refrain, im vollen Ernst: «Da stehen wir hier in unserem Land, mit dem Taschenrechner in der Hand.»

Achsen und Märkte

Das Migros-Kulturprozent feiert mit dem Buch auch sein «m4music»-Festival, mit dem es die Popszene fördert. Das Jahrestreffen, das seit 1998 stattfindet, hat unbestritten seine Verdienste, was die Vernetzung der Schweizer Musikszene betrifft, insbesondere zwischen der West- und der Deutschschweiz. Doch es ist, gemeinsam mit dem ebenfalls von der Migros mitgetragenen Verein Swiss Music Export (SME), auch mitverantwortlich dafür, dass sich die Popförderung mittlerweile in rein ökonomischen Kategorien ausdrückt. Um es mit den Worten von Festivalleiter und SME-Vizepräsident Philipp Schnyder von Wartensee zu belegen: «Zusammen laden wir ausländische Booker, Labelmanager und Medienschaffende ein, die sich am m4music intensiv mit Schweizer Popmusik beschäftigen, bei Networkinganlässen, Panels und Konzerten. Der Achse Zürich–Berlin kommt dabei eine wichtige Bedeutung zu. Deutschland ist der grösste Exportmarkt für Schweizer Musik und Berlin eine Kreativmetropole mit Platz für Nischen.»

Der Marketingsprech wird im Anhang mit Zahlen untermauert: So erwirtschaftete die Schweizer Musikwirtschaft 2013 einen Umsatz von 1836 Millionen Franken (und nicht, wie im Buch steht, 1836 Milliarden) und beschäftigte in 9915 Betrieben exakt 30 862 Personen. Sie liegt damit in der Kreativwirtschaft bei der Beschäftigtenzahl an dritter Stelle, nach der Architektur- und der Gamebranche. Und der Umsatz steigt weiter, zumindest im Livegeschäft: Der Branchenverband der grösseren Konzertveranstalter verzeichnete 2015 einen Umsatz von 358 Millionen Franken, ein Plus gegenüber dem Vorjahr von 11,5 Prozent (und nicht, wie im Buch steht, 3,8 Prozent).

Leider argumentiert nicht nur die Popförderung auf diese Art, auch die zahlreichen MusikjournalistInnen beschreiben Pop als eine reine Frage von Distribution und Promotion. Im Originalton, hier aus einem Beitrag über Streaming von Martina Kammermann, tönt das dann etwa so: «Während wir uns durch Instagram, Facebook und Twitter scrollen, sehen wir uns so einiges an und vergessen auch schnell. Deswegen promoten Bands während der langen Pausen zwischen den Alben viele Einzelsongs. (…) Die Marketing-Credos laufen schlussendlich alle auf dasselbe raus: Die Konsumenten müssen mit aufs Boot.» Oder aus einem Beitrag von Renzo Wellinger über die «Outdoorveranstaltungen» im Konzertland Schweiz: «Jenseits des Liveprogramms will das Publikum unterhalten werden. Denn Kopfnicken und Headbangen machen müde – und hungrig. Neben dem Line-up spielen das Food- und Getränkeangebot, die Übernachtungsmöglichkeiten sowie das Ambiente eine zentrale Rolle.»

Nicht nur die jüngeren, auch die arrivierten AutorInnen beschäftigen sich vornehmlich mit der Professionalisierung des Pop. Christoph Fellmann äussert zwar die interessante These, dass Pop die neue Volksmusik sei, folgt damit aber auch der Trennlinie, die das Migros-Kulturprozent postuliert: einige Spitzenkräfte, viele LaiInnen. Hauptsache, alle turnen mit. Und selbst wenn Hanspeter «Düsi» Künzler aus London vermeldet, dass niemand dort auf MusikerInnen aus der Schweiz gewartet hat, gibt auch er Tipps, wie man es doch noch schaffen könnte.

Beschädigte Sprache

«Es» schaffen: Das scheint das einzige Ziel für MusikerInnen in diesem Buch, entsprechend taucht überall die vom SME geförderte Sophie Hunger als Vorbild auf – als Beweis für die guten Kontakte zur Romandie, wo ihr die Agentur Two Gentlemen als «Startrampe» diente, wie auch als Supporterin von jungen KünstlerInnen, denen sie als Vorband vor ihrem Publikum eine Chance gibt. So etwa dem Sänger Faber, zu dem sie in einer Tourreportage meint: «Gell, du kommst dann schon bei mir vorbei, bevor du einen Vertrag unterzeichnest?»

Entschuldigt, KollegInnen, wenn diese Besprechung langsam etwas ungehalten wird, aber diese Herangehensweise, eine solche Sprache sind nichts anderes als neoliberal beschädigt. Wo bleiben die Fragen nach dem Spiel mit Geschlecht, Herkunft, Klasse, das den Pop doch immer auch emanzipativ machte? Wo sind die Töne und Rhythmen dieser Gegenwart, die Differenz schaffen oder auch Zustimmung zur vorherrschenden Musik? Kein Klang, nirgendwo, nur das Klingeln der Kasse.

Dass es auch anders geht, zeigt der Text von Adrian Schräder, der zur sozialen Erkundung der Rapszene wird. Darin erzählen die verschwitzten Rapper Nativ und Dawill in einem Backstageraum, dass ihnen mittlerweile selbst die Berner Polizisten ihre Hymne «Hie läbe mer, hiä stärbe mer» zurufen. In solchen Szenen wird spürbar, dass Pop zuerst eine gesellschaftliche Auseinandersetzung ist.

Hopp Schwiiz!

Wer beständig die Bedeutung des eigenen Standorts betont, ist auch nicht davor gefeit, in den Nationalstolz zu kippen. Zwar sind sich die AutorInnen einig, dass Schweizer Pop kein anderes Merkmal haben kann, als dass er von hier ist. Auch wenn sich die meisten MusikerInnen wohl zuerst in ihren Stilrichtungen verorten und nicht zuerst als SchweizerInnen verstehen, werden sie im Buch dennoch ständig als potenzielle Exportschlager angepriesen. Hopp Schwiiz!

Da verwundert es kaum, dass just die Kulturvermittler nicht vorkommen, die tatsächlich für einen internationalen Geist stehen – nicht im Sinn einer Weltmeisterschaft, sondern im Sinn einer Begegnung auf Augenhöhe. Der Club Bad Bonn fehlt, dessen Konzerte eine unerschöpfliche Inspirationsquelle für verquere Sounds sind, oder auch das Netzwerk Norient, das in beharrlicher Vermittlungsarbeit die alte Vorstellung des weissen Pop und der südlichen Weltmusik aufbricht.

«Da stehen wir hier in diesem fremden Land …» Meinte Guz überhaupt die Schweiz oder das Ausland? Gerade diese Frage ist doch unwichtig: Gute Kunst sucht im Vertrauten das Fremde, Abgründige, Waghalsige. Sie riskiert etwas und rechnet nicht nur.

Buchvernissage am Donnerstag, 6. Oktober 2016, 18 Uhr, im «Sphères» an der Hardturmstrasse 66 in Zürich. www.timeisnow.ch

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