Nr. 08/2020 vom 20.02.2020

Der Spiegeltheoretiker

Von Daniel HackbarthMail an AutorIn

In Frankfurt am Main im Milieu des eher monarchistisch tickenden Grossbürgertums aufgewachsen, geriet er als Schüler in Gestapo-Haft: Er hatte mit einem Klassenkameraden, der mit ihm ausgerechnet die «Adolf-Hitler-Schule» besuchte, antifaschistische Flugblätter verteilt und wurde denunziert. So viel Haltung in so jungen Jahren! Und so viel Glück: Die Gefangenschaft überstand er mehr oder weniger unbeschadet, man liess ihn aus Mangel an Beweisen laufen – die Druckerei, in der die Schüler ihre Pamphlete angefertigt hatten, war bei einem Fliegerangriff zerstört worden. Der Impuls, gegen das Regime zu arbeiten, dürfte übrigens dem Einfluss der Mutter zuzuschreiben sein, denn der Vater war «ein richtiger Nazi», wie er sich später erinnerte.

Nach dem Krieg arbeitete er erst einmal als Übersetzer für die US-Militärregierung, die über die Gestapo-Akten auf ihn aufmerksam geworden war – für die Alliierten waren diese hilfreich, um herauszubekommen, wer politisch zuverlässig war. Noch im Wintersemester 1945 nahm er dann ein Philosophiestudium auf und gründete gleich eine kommunistische Studentengruppe. Prägend in diesen Jahren war für ihn der emphatische Humanismus Sartres. So war auch sein erstes, 1951 erschienenes Buch dem französischen Intellektuellen gewidmet.

Später sollte dann der in Leipzig lehrende Ernst Bloch sein Doktorvater werden, doch die Promotion gestaltete sich schwierig: Bloch konnte die Promotionsurkunde nicht mehr unterzeichnen, weil er just damals in der DDR in Ungnade fiel. So begann der Gesuchte eine journalistische Tätigkeit, die ihn auch in die Schweiz führte. Hier sollte seine akademische Karriere abermals zum Politikum werden: Als er sich in Bern habilitieren wollte, suchte dies ein Teil der Fakultät zu verhindern – da halfen auch die Studierenden nicht, die sich mit dem unliebsamen Kommunisten solidarisierten. Abermals zog er weiter, erst nach Marburg, später nach Groningen. Während all der Jahre arbeitete er unablässig an seinem philosophischen System, das neben Hegel und Marx vor allem dem Universalgelehrten Leibniz verpflichtet war.

Wer ist dieser Theoretiker, dessen Denken immer wieder um den philosophischen Gebrauch der Spiegelmetapher kreiste und der im Jahr 2011 in Sant’Abbondio im Tessin verstarb?

Wir fragten nach dem deutschen Philosophen Hans Heinz Holz (1927–2011). Holz ist vielleicht nicht der allerbekannteste linke Theoretiker der Bundesrepublik, doch sind seine Werke mit grossem Gewinn zu lesen – aus jeder Seite spricht ein schier enzyklopädisches Wissen, was vor allem für seine mehrbändige «Problemgeschichte» der Dialektik gilt. Kompakter ist der Band «Freiheit und Vernunft», in dem Holz seinen intellektuellen Werdegang skizziert. In der Schweiz wurde Holz übrigens ausgiebig fichiert, 400 Seiten füllte die Bundespolizei zu seiner Person, wie er in einem 2017 erschienenen Interviewband erzählt.

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