Nr. 15/2020 vom 09.04.2020

Chinesische Fürsorge

Annette Hug ertappt sich in einer Systemkonkurrenz

Von Annette Hug

Ein Sprachwissenschaftler aus Schanghai hat mir einmal von der deutschen Sprache vorgeschwärmt. Sie sei viel präziser als Chinesisch und deshalb für Rechtstexte besser geeignet. Dass dieser Unterschied entscheidend sei, bezweifle ich inzwischen.

So las ich diesen Februar im chinesischen Internet den Slogan: «Stoppt die Klassen, stoppt nicht das Lernen!» Und einen Monat später verteidigte sich Silvia Steiner, Präsidentin der Eidgenössischen Erziehungsdirektorenkonferenz, am Radio gegen den Vorwurf, die Anweisungen des Bundes seien unklar. «Präsenzunterricht einstellen, aber nicht die Schule»: Das sei bewusst offen formuliert, um angepasste Umsetzungen zu ermöglichen.

Wie eine Schulleitung, die ständig neu überlegen muss, ob sie den Hort offen hält oder nicht und für wen genau, so bin auch ich aufgefordert, Anweisungen zum Maskentragen immer neu zu interpretieren. Der Empfehlung des Bundesamts für Gesundheit, keine Maske zu tragen, um keinem «falschen Sicherheitsgefühl» zu erliegen, widersprechen inzwischen ExpertInnen mit dem Argument, ein teilweiser Schutz sei immer noch besser als gar keiner. Vor allem soll ich andere vor mir selber schützen. Die Meinungsvielfalt spiegelt sich in den Reaktionen anderer PassantInnen, wenn ich mit einer Maske einkaufen gehe. Von schreckhaftem Abwenden über strafende Blicke bis zu aufmunterndem Zunicken ist alles zu gewärtigen. Dann fragen auch noch besorgte Bekannte aus China an, ob sie mir Gesichtsmasken schicken sollen. Gerührt bin ich, aber auch seltsam betupft. Vor allem, weil eine dieser Bekannten ihr Hilfsangebot mit der Ermahnung ergänzt, ich solle mir oft die Hände waschen und keine Feiern mehr veranstalten. Hält sie mich für total bescheuert?

Matthias Müller beschreibt in der NZZ die aktuelle Medienoffensive der chinesischen Regierung. Peking stellt die eigene Reaktion auf das Virus als eine einzige Erfolgsgeschichte dar. Die Medien schildern Notlagen und Engpässe in Europa ausgiebig und interpretieren sie als Beweis für die Unterlegenheit westlicher Demokratien. Ich stelle mir vor, an was für Bilder eine solche Berichterstattung anknüpft. Mindestens zwei meiner Bekannten gaben schon früher zu erkennen, dass ihnen Leute aus dem Westen wie verwöhnte Kinder erscheinen. Durch Luxus vom Ernst des Lebens abgeschirmt, seien wir unfähig zu diszipliniertem Handeln.

Meinem Dank für das Angebot der Gesichtsmasken, das ich ablehne, füge ich Sätze hinzu, die vor Vertrauen in die Schweizer Regierung strotzen. Das kommt mir auch blöd vor, und ich möchte den innerlich anschwellenden Strom von Rechtfertigungen unterbrechen.

Hilfreich ist da eine chinesische Fantasie von Bertolt Brecht. In seinen «Me-ti-Notizen» mahnt er, nicht zu schnell von der Beobachtung zur Analyse überzugehen: «Me-ti sagte: Unsere Erfahrungen verwandeln sich meist sehr rasch in Urteile. Diese Urteile merken wir uns, aber wir meinen, es seien die Erfahrungen. Natürlich sind Urteile nicht so zuverlässig wie Erfahrungen. Es ist eine bestimmte Technik nötig, die Erfahrungen frisch zu erhalten, sodass man immerzu aus ihnen neue Urteile schöpfen kann.»

Annette Hug ist Autorin in Zürich. Sie greift gerade zu Bertolt Brechts «Me-ti. Buch der Wendungen». In diesen politisch-philosophischen Notizen taucht auch Rosa Luxemburg im Gewand einer chinesischen Weisen auf.

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