Nr. 16/2020 vom 16.04.2020

«Ein Signal an Europa»

Fabian Bracher von «One Happy Family» zur dringenden Evakuierung der Lager auf Lesbos – und zur Verantwortung der Schweiz.

Interview: Cigdem AkyolMail an AutorIn

WOZ: Herr Bracher, in Ihrem Osterappell «Evakuieren jetzt!» rufen Sie Bundesrat und Parlament dazu auf, Geflüchtete von den griechischen Inseln in die Schweiz zu holen. Eine konkrete Zahl nennen Sie dabei nicht – warum nicht?
Fabian Bracher: Wir haben absichtlich keine Zahlen genannt, weil wir finden, dass alle Geflüchteten auf den griechischen Inseln evakuiert werden müssen. Sie leben in unhaltbaren Zuständen, und das schon seit Jahren. Unsere Forderung ist deswegen auch nicht neu, aber jetzt ist die Situation durch die zusätzliche Gefahr von Covid-19 nochmals brisanter. Wenn das Coronavirus in den Camps ausbricht, droht eine Katastrophe. Dass die Schweiz nicht alle 40 000 Geflüchteten übernehmen wird, ist uns bewusst. Aber sie soll eine möglichst grosse Anzahl von Menschen aufnehmen, um so auch ein Signal nach Europa zu schicken. Letztlich brauchen wir zwingend eine gesamteuropäische Lösung und sichere Fluchtwege, damit Menschen, die bedroht sind, legal einreisen können.

«In der Ägäis ereignet sich vor unseren Augen eine stille Katastrophe», heisst es im Appell. Ist es nicht eher so, dass sich zu wenige Menschen für die Situation an den EU-Aussengrenzen interessieren, gerade in diesen Zeiten der Pandemie?
Nein, ganz und gar nicht. Wir sind jetzt bereits bei über 20 000 Onlineunterschriften, die Kampagne läuft sehr gut. Es gibt über 120 Organisationen, die sich uns angeschlossen haben, von der Autonomen Schule Zürich bis zum Katholischen Frauenbund. Dazu kommen verschiedenste Menschen aus dem öffentlichen Leben: vom Musiker über den Stadtpräsidenten von Bern und die Bürgermeisterin von Genf bis zur Altbundesrätin. Das zeigt uns, dass dieses Thema der Zivilgesellschaft nicht egal ist.

Im Lager Moria auf Lesbos leben 20 000 Menschen, dabei wurde es für nur 3000 gebaut. Sie sind regelmässig vor Ort. Wie soll es möglich sein, sich dort vor einer Coronainfektion zu schützen?
Es ist überhaupt nicht möglich, alles ist überlastet. Über tausend Menschen teilen sich einen Wasserzugang, und es gibt viel zu wenige Toiletten. Die Menschen leben zusammengepfercht in Zelten und Containern, zum Teil mehrere Familien gemeinsam. Da ist es schlicht nicht möglich, die Hygiene- und Abstandsregeln einzuhalten. Ausserdem gibt es kaum staatliche medizinische Hilfe. In Lesbos weiss ich von zwei Ärzten, die staatlich finanziert für 20 000 Menschen verantwortlich sind.

Die Schweiz hat in der grössten Rückholaktion ihrer Geschichte Schweizer BürgerInnen eingeflogen – doch sie will nur wenige Minderjährige aus der Ägäis aufnehmen. Bezieht sich die viel beschworene Solidarität also nur auf die eigenen BürgerInnen, aber nicht auf die Geflüchteten?
Das zumindest signalisiert die offizielle Politik nicht nur der Schweiz, sondern auch der anderen europäischen Staaten. Deutschland etwa nimmt nur fünfzig unbegleitete Minderjährige aus Griechenland auf, gleichzeitig werden 80 000 Erntehelfer aus Osteuropa eingeflogen. Dabei tragen die Dublin-Staaten eine Mitverantwortung für die Situation an den EU-Aussengrenzen wie Griechenland oder Italien. Statt diese Länder im Stich zu lassen, sollten sie mehr Geflüchtete aufnehmen und keine Asylsuchenden nach Griechenland abschieben.

Anfang März brannte ein Gemeinschaftszentrum Ihrer Organisation «One Happy Family» auf Lesbos ab. Es gibt Mutmassungen, dass es sich um Brandstiftung handeln könnte – wissen Sie heute mehr?
Wir wissen definitiv, dass es Brandstiftung war. Aber über die Hintergründe und die Täter wissen wir noch nichts. Es ist momentan sehr schwierig, mit den Behörden zu kommunizieren, weil die Kommunikationswege durch Corona sehr verlangsamt wurden. Wir haben Pläne, das Gemeinschaftszentrum wieder zu eröffnen, das hängt aber auch von der griechischen Regierung ab. Diese plant nämlich geschlossene Lager auf den Inseln, wo die Leute nicht mehr rausgehen können. Dann ergibt natürlich ein Gemeinschaftszentrum, wie wir es betreiben, nicht mehr viel Sinn. Uns geht es aber nicht um das Zentrum, sondern um die Menschenrechte der Geflüchteten auf der Insel. Dazu gehört neben dem Recht auf Schutz auch das Recht auf Arbeit und Bildung.

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