Nr. 17/2020 vom 23.04.2020

Knatsch ums Tracing

Von Florian Wüstholz

Sogenannte Contact-Tracing-Apps sollen die Rückkehr zur Normalität begleiten und die digitale Rückverfolgung von Infektionsketten ermöglichen. Europäische Staaten setzen dabei viel Hoffnung in die Pepp-PT-Technologie. Sie soll die Privatsphäre schützen und damit Bedenken vor staatlicher Überwachung ausräumen (siehe WOZ Nr. 15/2020). Doch nun kehren immer mehr Organisationen und beteiligte ForscherInnen dem Projekt den Rücken.

So machte letzten Freitag der Schweizer Epidemiologe Marcel Salathé publik, das Projekt nicht weiter zu unterstützen. «Im Moment ist Pepp-PT nicht offen und transparent genug», schrieb er auf Twitter. Weder liege der Quellcode offen, noch sei die genaue Entwicklungsrichtung klar – nicht einmal den direkt Beteiligten. Ciro Cattuto, Experte für digitale Epidemiologie an der Universität Turin, betont: «Die aktuelle Krise verlangt die höchsten Standards für Offenheit und Transparenz.»

Auch die EPF Lausanne und die ETH Zürich sind mittlerweile ausgestiegen. Deren Ressourcen fliessen nun in das Projekt «DP-3T», das von der EPFL-Professorin Carmela Troncoso geleitet wird. Dieses liefert einen öffentlichen Quellcode und setzt im Gegensatz zu Pepp-PT auf eine vollkommen dezentralisierte Funktionsweise. Der Streit ist jedoch keineswegs bloss technischer Natur. Denn mit einer auf Zentralisierung aufbauenden Technologie hätten Regierungen und allfällige AngreiferInnen Zugriff auf eine gigantische Datenbank mit sensiblen Gesundheits- und Kontaktdaten.

Mangelnde Transparenz, kein offener Quellcode, Fragezeichen bei der Privatsphäre – so verspielt Pepp-PT gerade die wichtigste Währung in einem mit Unsicherheiten gespickten technologischen Sozialexperiment: Vertrauen. Da helfen auch PR-Aktionen, bei denen sich Sprecher Chris Boos mit dem Rückhalt der Regierungen rühmt, wenig. Im Gegenteil: Dass sich Deutschland zeitgleich explizit für eine zentralisierte Variante ausspricht, ist eher Grund zur Sorge.

Beruhigend ist, dass sich nun die grossen Schweizer ExponentInnen unter dem dezentralisierten Banner von DP-3T vereinen. Denn die Corona-Apps kommen unweigerlich – umso wichtiger, dass sie wenigstens unter der technischen Haube vorbildlich gebaut sind.

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