Nr. 17/2020 vom 23.04.2020

Fussball nach Mitternacht

Annette Hug beginnt, eine Grussbotschaft zu malen

Von Annette Hug

Jenny Wang hat die Grasshoppers gekauft. In Zürich wollte niemand mehr richtig investieren, jetzt ist eine Chinesin eingestiegen. Andere sagen, Wangs Ehemann werde den Klub missbrauchen.

Was mich als GC-Fan aber besonders interessiert, sind die Fans, und zwar die asiatischen Fans. Zum Beispiel die Jungs in jener Bar in Manila, wo mich im April 2015 ein junges Paar hinführte. Wir wollten Liverpool sehen. Das hiess: nach Mitternacht mit dem Taxi eine Stunde lang von einem Stadtteil in einen andern fahren, weil dort eine Bar Live-Übertragungen zeigte. Beleibte und sichtlich wohlhabende junge Männer hatten sich in Fanklamotten gestürzt, sie röhrten Sprechgesänge. Als englische Hools verkleidet, schienen sie ihre glücklichsten Stunden zu verleben.

Zwei Jahre später hätte ich das Team von Shanghai Shenhua gerne live spielen sehen, aber die Tickets im Hongkou-Stadion waren unerschwinglich. Egal wen ich fragte, warum der chinesische Fussball international nicht vom Boden komme, ich erhielt immer dieselbe Antwort: Die Klubs und der ganze Verband seien korrupt. Mir wurde auch deutlich, dass SportlerIn eine Art GladiatorInnenlaufbahn ist. Wer auch nur eine geringe Chance auf einen guten Mittelschulabschluss hat, wird keine Zeit mit Sport vertrödeln, sondern pausenlos lernen. Das machen ein paar Fussballinternate nicht wett.

Was bleibt der Liebhaberin? Fernsehübertragungen. Dass sich auch in China europäische Ligen grosser Beliebtheit erfreuen und Millionen in die Merchandising- und TV-Kassen ausländischer Klubs abfliessen, sei der Regierung in Peking ein Dorn im Auge, sagt Ernst Herb. Er lebt als Korrespondent der Zeitung «Finanz und Wirtschaft» in Hongkong. Peking habe festgestellt, dass die Popularität westlicher Unterhaltungsangebote und Reisedestinationen nicht zu brechen sei. Also fördert die Regierung den Kauf solcher Angebote durch chinesische InvestorInnen. So fliessen die Gewinne wenigstens zurück nach China.

Ein Investor, der diesem Ruf folgt, ist Guo Guangchang, Ehemann von Jenny Wang. Sein Firmenkonglomerat Fosun ordnet der Investitionssparte «Glück» auch den Club Med zu, den Cirque du Soleil, Chinas grösste Biermarke, Tsingtao, und eben auch Fussball, zuvorderst die britischen Wolverhampton Wanderers. An diesem Klub hängt der erfolgreiche Spielerberater Jorge Mendes, der wiederum mit dem neuen operativen Leiter von GC, Jimmy Berisha, im Geschäft sein soll. Junge Spieler geschickt zu verschieben, gross zu machen und dann teuer zu verkaufen, ist ein plausibles Geschäftsmodell. Die Frage ist, wohin die Gewinne abfliessen. Wie viel im Klub bleibt. Oder ob das alles, im schlimmsten Fall, eine Geldwäschereimaschine ist.

Ganz persönlich hoffe ich darauf, dass auch ein paar chinesische Talente über GC zu Ruhm gelangen. Dann werden in Zukunft, wenn es wieder einfacher werden könnte, nach China zu reisen, GC-Spiele in Bars von Schanghai übertragen. Sollten Reisen aber auf längere Zeit unmöglich bleiben, dann könnte ich mich zumindest mit einem Transparent hinters GC-Tor stellen, um chinesische Freundinnen via Fernsehen zu grüssen.

Annette Hug ist Autorin. Als GC-Fan blickt sie vorsichtig optimistisch in die Zukunft.

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