Nr. 19/2020 vom 07.05.2020

Ein Sieg mit Tränen in den Augen

Der Grosse Vaterländische Krieg ist die ideologische Klammer der aktuellen russischen Regierung. Doch mit der Rehabilitierung Stalins gehen die Opfer erneut vergessen. So bleibt nur die familiäre Erinnerung.

Von Irina Scherbakowa

Die sowjetische Bevölkerung brachte im Kampf gegen den Nationalsozialismus gewaltige Opfer: Feier beim Kriegsende am 9. Mai 1945 auf dem Roten Platz in Moskau. Foto: Tass/Getty

Alle haben sich längst daran gewöhnt: Ein paar Tage vor dem 9. Mai wird das Moskauer Stadtzentrum abgeriegelt. Durch die Strassen und über die Plätze donnert militärische Ausrüstung, schwarze Rauchschwaden ausstossend. Riesige Raketen fahren zur Generalprobe der feierlichen Parade. Der «Tag des Siegs» ist längst zum wichtigsten patriotisch-propagandistischen Ereignis des Jahres geworden. Die Feierlichkeiten verkommen zur Demonstration militärischer Macht in Wladimir Putins «von den Knien auferstandenem» Russland.

Überall sind am 9. Mai Menschenmassen zu sehen, geschmückt mit dem erfundenen Symbol dieses Tages, dem orange-schwarzen Georgsbändchen. Die Kinder tragen Uniformen sowjetischer Soldaten und Pilotka-Hüte auf dem Kopf, und aus den Lautsprechern dröhnen Lieder aus den Kriegsjahren, zum sentimental-patriotischen Kitsch verkommen. Jene, die tatsächlich am Krieg teilnahmen, sind, ausser ein paar wenigen, längst nicht mehr am Leben, und auch die Kinder des Kriegs sind heute um die neunzig Jahre alt.

Wer die fünfziger und sechziger Jahre erlebt hat, dürfte sich daran erinnern, dass die meisten damals ein gänzlich anderes Verhältnis zu diesem Datum hatten. Klar ist auch, warum Josef Stalin den 9. Mai schon ein Jahr nach Kriegsende zum gewöhnlichen Arbeitstag ernannt hatte: Es war ein Tag der tragischen Erinnerung an die Verstorbenen – und weil die Verluste immens waren, hatte jede Familie jemanden zu betrauern. Dass die Zahl von 28 Millionen gar bis zur Perestroika geheimgehalten wurde, ist kein Zufall. Auch bei den Überlebenden waren die Kriegstraumata deutlich sichtbar – nicht bloss die körperlichen, auch die seelischen. Gegen diese Schmerzen gab es damals bloss ein Mittel: den Wodka. Auf diese Weise gedachte ein ganzes Land der Toten.

Auch als in der Breschnew-Ära der offizielle Kult um die Kriegserinnerung seinen Anfang nahm, empfanden die Menschen diese noch als Gebot, den Frieden zu bewahren. Der 9. Mai blieb «ein Feiertag mit Tränen in den Augen», wie es in einem sowjetischen Lied heisst. Im heutigen Russland haben die offiziellen Feierlichkeiten und auch die Erinnerung an den Grossen Vaterländischen Krieg, wie der Zweite Weltkrieg hier genannt wird, eine gegenteilige Bedeutung bekommen. Parolen wie «Wiederholen wir es!» oder «Auf nach Berlin!» wären damals undenkbar gewesen. Doch heute – und besonders seit der Annexion der Krim und des von Russland in der Ostukraine angezettelten Kriegs – werden alle Gedenktage dafür benutzt, einen militaristischen Geist und antiwestliche Ressentiments zu schüren.

Begleitet wird dies vom aggressiven Kampf um die Reinheit des patriotisch-nationalistischen Mythos. Der grosse Unterschied zu damals besteht darin, dass die heutige Mythenbildung in einer Ära des Postfaktischen geschieht. Während vor den Menschen in der Sowjetunion unbequeme Wahrheiten noch sorgfältig verborgen werden mussten, lässt sich heute alles mit einem Mausklick in Erfahrung bringen – was das Regime und seine PropagandistInnen allerdings nicht davon abhält, die Geschichte aufs Neue zu fälschen, um Stalins Verbrechen zu verbergen und längst anerkannte Tatsachen in Zweifel zu ziehen.

Geschichte per Gesetz

Ein Beispiel für dieses Vorgehen ist das Massaker von Katyn. Bis heute hat die Militärstaatsanwaltschaft die Ergebnisse ihrer Untersuchung über die Umstände der Ermordung polnischer Offiziere in einem Waldstück bei Smolensk aus den neunziger Jahren nicht öffentlich zugänglich gemacht – damit die Namen der Täter auch achtzig Jahre nach dem Verbrechen nicht in Erfahrung gebracht werden können.

Noch gravierender ist die Geschichte um das Waldgebiet Sandormoch in Karelien, wo in den Jahren 1937/38 Hunderte Gefangene Stalins Säuberungen zum Opfer fielen. Mit illegalen «Grabungen» versucht die regierungsnahe Militärhistorische Gesellschaft dort, die Überreste der angeblich während der finnischen Besetzung ermordeten Rotarmisten zu finden. Weil er die Toten identifiziert hat, ist derweil der Historiker Juri Dmitrijew unter falschen Anschuldigungen verhaftet worden. Zwei Jahre schon wartet er auf sein Verfahren.

Seit der Sieg im Grossen Vaterländischen Krieg zur wichtigsten ideologischen Klammer geworden ist, führt das Thema zu endlosen Konflikten mit Nachbarn wie der Ukraine, den Ländern des Baltikums oder Polen. Alles läuft auf einen für das heutige Russland unauflösbaren Konflikt hinaus: Indem die Führung das Land zum Erben der Sowjetunion erklärt, drückt sie sich vor der historischen Verantwortung für die Verbrechen des Sowjetregimes. Deshalb führen alle heutigen Versuche, über Stalins Verantwortung für den Hitler-Stalin-Pakt zu sprechen, auch zur Androhung rechtlicher Konsequenzen. Aus den Mündern russischer Beamter und Abgeordneter ertönen ständig Anschuldigungen an die Adresse der EU: für den «Versuch, die Geschichte zu verfälschen», «unseren Status als Siegermacht infrage zu stellen», «uns des Stolzes über unsere Vorfahren zu berauben», «uns mit Nazideutschland gleichzusetzen» … Und es bleibt nicht bloss bei Drohungen.

Vor einigen Jahren wurden Gesetze erlassen, die die Erwähnung allseits bekannter Fakten verbieten: Seit 2014 werden unter dem Artikel über die «Verantwortung für die Rehabilitation des Nationalsozialismus» Menschen für Aussagen zur russischen Geschichte bestraft. Die Anzahl der entsprechenden Urteile nimmt langsam, aber merklich zu. So musste ein Mann in der Stadt Perm umgerechnet 2500 Franken zahlen – weil er in den sozialen Medien einen Artikel über den Angriff der Sowjetunion und Deutschlands auf Polen im September 1939 geteilt hatte.

Doch auch das scheint noch nicht auszureichen; jetzt soll auch die Verfassung die offizielle Sicht auf die Geschichte des Zweiten Weltkriegs stützen. In seinem Antihistorismus klingt Putins Korrekturvorschlag verblüffend: «Die Russische Föderation ehrt die Erinnerung an die Verteidiger des Vaterlands und sorgt für die Verteidigung der historischen Wahrheit. Die Schmälerung der Heldentaten der Bevölkerung zum Schutz des Vaterlands ist nicht zulässig.» Abgesehen davon, dass es für die Sowjetunion beim Krieg gegen Nazideutschland ums Überleben ging, war sie ein totalitäres Regime, das auch mit den eigenen BürgerInnen äusserst grausam umging.

Den Sieg genommen

Eine Wahrheit übrigens, die einigen schon damals offensichtlich schien. 1943 schrieb etwa der Literaturkritiker Wiktor Schklowski: «Noch immer quält mich derselbe Gedanke am meisten: Der Sieg wird nichts Gutes bringen – weder eine Veränderung der Ordnung noch die Möglichkeit, zu schreiben, was man will, und das Geschriebene zu drucken. Doch ohne den Sieg droht das Ende. Es gibt also keinen Ausweg. Unser Regime war von allen, die je existiert haben, schon immer am zynischsten … Ich hege also keinerlei Hoffnung auf den positiven Einfluss der Alliierten. Sie werden vom Beginn der Friedensgespräche an zu Imperialisten erklärt werden. Und das jetzige moralische Elend wird nach dem Krieg erst so richtig aufblühen.»

Dieses Gefühl – dass nämlich den Menschen der Sieg genommen wurde – beschrieb auch der Autor Wassili Grossman 1960 in seinem Roman «Leben und Schicksal», dem wohl besten Werk über den Grossen Vaterländischen Krieg. Aussagen wie diese, lange Jahre verboten und erst dank der Perestroika zugänglich gemacht, klingen heute wieder nach Aufruhr, nach einer «Schmälerung der Heldentaten». Stalin derweil erscheint als grosser Friedensstifter. Dabei bedeutet seine Rehabilitierung auch die Rehabilitierung des von ihm erschaffenen Systems.

Bezeichnend dafür ist eine Episode rund um die Errichtung der Hauptkirche der russischen Streitkräfte im Freizeitpark Patriot westlich von Moskau, die noch nicht lange zurückliegt. Das gewaltige Gebäude sollte zum 75. Jubiläum des Siegs über Nazideutschland eröffnet werden. In den Medien sickerten Bilder der fast fertigen Mosaiken durch, auf denen amtierende PolitikerInnen zu sehen waren, darunter Präsident Putin und Verteidigungsminister Sergei Schoigu. Auf einem weiteren Mosaik war die Siegesparade auf dem Roten Platz im Jahr 1945 mit einem Porträt von Stalin zu sehen, auf einem dritten die Aufschrift «Die Krim ist unser». Putin liess nach der öffentlichen Kritik sein Bild entfernen, die Zeit, ihn zu verewigen, sei noch nicht gekommen. Eindrücklicher als mit der Kirche und ihren Mosaiken lässt sich die Vollendung der aktuellen russischen Geschichtspolitik nicht beschreiben: aggressiver Nationalismus, kirchlicher Obskurantismus und autoritäre Herrschaft.

Man kann sich also ausmalen, wie prunkvoll das 75-Jahre-Jubiläum des Siegs hätte werden sollen. Alles wäre in den prächtigsten Farben erstrahlt, entworfen im Geist pompöser postsowjetischer Ästhetik, bloss in digitaler Hülle. Mit den Vorbereitungen war entsprechend längst begonnen worden – schon letzten Sommer wurde das Jahr 2020 per präsidialem Dekret zum «Jahr des Gedenkens und des Ruhms» ernannt. Das Programm umfasste eine Vielzahl patriotischer Aktionen, an denen Millionen RussInnen ab dem Kindergartenalter teilnehmen sollten. Und auch ein TV-Sender namens «Sieg» wurde eigens dafür gegründet.

Der 9. Mai 2020 wäre überaus eindrücklich geworden. Doch das Coronavirus hat alle Pläne zunichtegemacht. Obwohl die TV-Propagandisten zuerst versuchten, alles wie üblich auf den Westen zu schieben und den ZuschauerInnen weiszumachen, das Virus sei eine Erfindung der USA oder der Liberalen, mussten sie der Wahrheit schliesslich doch ins Auge blicken.

Man zögerte bis zuletzt, die Parade abzusagen. Aber als klar wurde, dass das Virus Abgeordnete und Beamte ebenso trifft wie gewöhnliche Leute, hat der Kreml den Ernst der Lage erkannt. Er entschied, auf die Parade zu verzichten und das Feuerwerk und die Luftparade über dem leeren Roten Platz zu veranstalten. Die Feier ganz abzusagen, ist den Behörden allerdings unmöglich. Denn wenn der Sieg nicht ist, kann die ideologische Klammer endgültig zerbersten – vor allem, weil die ÖkonomInnen Millionen Menschen in Russland eine überaus schwierige Zukunft prophezeien.

Der 3. September

Nun hat man eine Entscheidung getroffen, die in keinster Weise im Bezug zu einer wie auch immer gearteten Realität der Erinnerung steht. Per Dekret wurde das Datum für das Kriegsende auf den 3. September verlegt – ein Tag, der ausser den Opfern von Beslan niemandem etwas sagt. Am 3. September 2004 wurde die von Terroristen in Nordossetien besetzte Schule gestürmt, wobei Hunderte Geiseln starben. Oder meint man den Tag des Siegs über Japan? Die Kapitulation wurde am 2. September unterschrieben.

So wird die Feier vollends zum Anlass, falschen Patriotismus und Nationalstolz zu entfesseln. Was aber bleibt am Verhältnis der Menschen zum Krieg wahrhaftig? Vermutlich ist es die – wenn auch sehr ferne, doch aufrichtige – familiäre Erinnerung. Sie drückt sich im Wunsch der Nachkommen aus, in den Archiven nach vergessenen Briefen und den Fotos spurlos Verschwundener zu suchen. Davon gab es in diesem Krieg Millionen: Menschen, die in Massengräbern verscharrt und manchmal gar nicht beerdigt wurden oder in Gefangenschaft starben. Dank der in den letzten Jahren publizierten Datenbanken und Archive kann man mit der Suche beginnen – um herauszufinden, was mit jenen geschah, über die man so lange nichts wusste.

Letztlich ist dies die Erinnerung an den gewaltigen Preis, den die Bevölkerung für den Sieg bezahlte. Und vermutlich ist eben dies das Menschliche, das bleiben wird, wenn dieser Sieg der russischen Führung nicht mehr als Rechtfertigung dient. Wann dies geschehen wird, kann heute niemand sagen, doch man kann ein geflügeltes Wort wiederholen: «Es war für immer, bis es vorbei war.»

Die Moskauer Historikerin und Bürgerrechtlerin Irina Scherbakowa (71) setzt sich als Mitbegründerin der Menschenrechtsorganisation Memorial für die Aufklärung der Repression in der ehemaligen Sowjetunion ein. Seit 1999 gehört Scherbakowa dem Kuratorium der Gedenkstätte Buchenwald an.

Aus dem Russischen von Anna Jikhareva.

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