Nr. 25/2020 vom 18.06.2020

Rettung am Brienzersee

Annette Hug gibt die Hoffnung für Korea nicht auf

Von Annette Hug

Vergangenen Samstag wollte ich wissen, ob Iseltwald wirklich existiert. Tatsächlich fuhr mich ein Postauto von Interlaken dem Brienzersee entlang in ein Dorf dieses Namens. Den hölzernen Steg am Ufer erkannte ich sofort. Auf seinen Brettern stapelt Ri Jung-hyuk seinen Hausrat, auch sein Klavier steht da – in der Serie «Crash Landing on You». Der nordkoreanische Musikstudent spielt für einen Jungen, der ihn auf Schweizerdeutsch darum gebeten hat. Aber eigentlich spielt er, ohne es zu wissen, für Yoon Se-ri. Die erfolgreiche Geschäftsfrau aus Seoul will sich an einem besonders schönen Ort dieser Erde das Leben nehmen. Das Kursschiff, auf dem sie an der Reling steht, nähert sich dem Steg. Weil sie unerwartet Klaviermusik hört, springt sie nicht. Ri Jung-hyuk spielt ein Stück, das er für seinen Bruder komponiert hat, einen Offizier der nordkoreanischen Armee, der gerade ermordet worden ist.

An der Grenze zwischen Nord- und Südkorea spielt denn auch der Hauptteil der Serie. Märchenhaft sind nicht nur die Rückblenden in die Schweiz. Auch die Minenfelder der demilitarisierten Zone verlieren ihren Schrecken, wenn ein nordkoreanischer Wachsoldat heimlich südkoreanische Serien schaut. Er verpasst es dann nämlich, Yoon Se-ri zu fassen. Ein Tornado hat sie mit ihrem Gleitschirm in den Norden abgetrieben. So fällt sie Ri Jung-hyuk in die Arme, der inzwischen als Hauptmann an der Grenze dient. Eine unmögliche Liebesgeschichte, in der Iseltwald immer wieder als mystischer Ort aufblitzt.

Am vergangenen Samstag war auf der Terrasse des Strandhotels ein Tisch mit Blick über die Bootsanlegestelle frei. Ich bildete mir ein, dass der junge Tourist, der auf dem hölzernen Steg ein Tänzchen aufführte, die tiefere Bedeutung jener Bretter kannte. «Crash Landing on You» hat traumhafte Einschaltquoten.

Die Serie scheint der Stimmung zu entspringen, die ich im Oktober 2018 in Seoul antraf. Damals sprachen viele Leute optimistisch über Politik. Die Wiedervereinigung mit dem Norden schien möglich geworden. Einige sahen eine Chance, dass die koreanische Frage endlich in Korea entschieden würde und nicht in Washington, Moskau oder Peking. Am 12. Juni 2018 hatten Kim Jong-un und Donald Trump an einem Treffen diese Hoffnung beflügelt. Davon ist heute nichts übrig. Diesen Dienstag hat Nordkorea ein Verbindungsbüro, das 2018 eröffnet worden ist, in die Luft gesprengt.

Der Bootssteg in Iseltwald erinnert dagegen an ein Märchen, an das ich gerne glauben möchte. In der Welt von Yoon Se-ri und Ri Jung-hyuk macht die nordkoreanische Staatssicherheit ein Geschäft damit, flüchtige Kriminelle aus dem Süden in Luxusvillen nahe der Grenze zu verstecken. Im sichersten Internetloch der Welt werden sie auch von den Hintermännern der kriminellen Netze, den mächtigen Konzernchefs, nicht gefunden. Sympathisch sind nur die gewöhnlichen Leute, geplagte Angestellte in Seoul und die wortstarken Frauen der nordkoreanischen Soldaten.

Könnten sie entscheiden, wäre die Wiedervereinigung zu schaffen. Aber vielleicht ist das auch nur eine Fantasie jenes Wachsoldaten, der heimlich Filme aus dem Süden schaut und deshalb immer weiss, wie die Geschichte von Yoon Se-ri weitergehen müsste, wäre sie eine Serie.

Annette Hug ist Autorin in Zürich. «Crash Landing on You» hat ihr den Lockdown versüsst. Die Serie ist 2019 auf Netflix erschienen.

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