Nr. 29/2020 vom 16.07.2020

Madame Guillotine kennt kein Pardon

Finstere Horden unter Hypnose: Das italienische Autorenkollektiv Wu Ming erzählt seine eigene Version der Französischen Revolution – genau recherchiert, aber auch mit Lust an schaurigen Legenden.

Von Jens Renner

Der Geschichte der Sieger die alternative Version der Besiegten entgegenzusetzen – dies ist seit jeher das Bestreben des linken italienischen Kollektivs Wu Ming. Nun liegt ein weiterer historischer Roman der vier Autoren auf Deutsch vor: «Die Armee der Schlafwandler» von 2014. Die Handlung beginnt mit der Hinrichtung von Ludwig XVI. am 21. Januar 1793 in Paris und endet am selben Ort, auf den Tag genau zwei Jahre später.

Zunächst sind es die Konterrevolutionäre, die scheitern: Ludwigs Tod unter der Guillotine können sie nicht verhindern. Aber während die Revolution weitergeht, planen sie den Gegenschlag. Dieser soll mehr sein als Restauration: «Die Konterrevolution ist selbst eine Revolution, oder sie ist nichts», lautet der Leitspruch ihres führenden Strategen, des Chevalier d’Yvers. Um seine Abrechnung zu planen, zieht er sich unter falschem Namen ins «Irrenhaus» von Bicêtre zurück, am Stadtrand von Paris.

Proletarischer Superheld

Denn einstweilen beherrschen die Revolutionäre die Szenerie. Jean Paul Marat, Maximilien de Robespierre, Georges Danton und Louis Antoine de Saint-Just sind bei Wu Ming nur Randfiguren. Die wahren HeldInnen sind einfache Menschen: «Das Volk. Absurde Abstraktion und doch reale Macht, Urkraft.» Dazu gehören die revolutionäre Näherin Marie Nozière aus dem Armenviertel Saint-Antoine und der arbeitslose Schauspieler Leonida Modonesi alias Léo Modonnet. Im Kostüm des Scaramouche, ursprünglich eine Figur der Commedia dell’Arte, wird er zum proletarischen Superhelden, der die Bösen bestraft, vor allem die «Monopolierer», die Waren horten, um die Preise hochzutreiben.

Erst auf massiven Druck – vor allem der Frauen – beschliesst der Nationalkonvent Höchstpreise für Lebensmittel. Der Hunger aber bleibt, und die Linienkämpfe verschärfen sich. Die nimmermüde «Madame Guillotine» tötet schliesslich auch Robespierre und seine Gefährten. Auch die kämpferischen Frauen werden verfolgt, ihre Klubs durch einstimmigen Beschluss des Konvents aufgelöst.

Derweil arbeitet Yvers auf seinen «grossen Tag» hin: Er will den zehnjährigen Thronfolger befreien und die Macht übernehmen. Das Mittel dazu ist die «Armee der Schlafwandler» – eine Truppe menschlicher Kampfmaschinen, die, durch eine Art Hypnose «somnambulisiert», willenlos und unempfindlich gegen Schmerz alles tun, was Yvers von ihnen verlangt. Im Anhang zum Roman erfahren wir, dass es 1794 in Paris tatsächlich eine gewalttätige konterrevolutionäre Bande gegeben haben soll – «seltsame Gecken, die nicht umfielen, wenn man auf sie einschlug». Faktische Belege für diese Truppe gebe es aber nicht. Wie auch ihr Gegenspieler Scaramouche entstammt sie dem populären Legendenschatz.

Im Bann des Übernatürlichen

Es wird nicht ganz klar, warum Wu Ming der Legende so viel Raum geben. Auch die progressive Seite in Gestalt des Doktors Orphée d’Amblanc, eines Anhängers «magnetischer Kuren», versucht immer wieder, Menschen durch Fremdsteuerung zu manipulieren – für die gute Sache, versteht sich.

Wo ständig übernatürliche Kräfte walten, gerät die politische Dimension der Geschichte mitunter in den Hintergrund. Das ist schade, macht sie doch, wie immer bei Wu Ming, die Stärke des Romans aus. Nicht zuletzt enthält «Die Armee der Schlafwandler» eine Warnung vor dem Faschismus: Die Gewalt der konterrevolutionären Banden ähnelt der von Mussolinis Stosstrupps, ihre Mittel sind die gleichen: «Hetzjagd auf Menschen, hundert gegen einen, Frauen und Alte verprügeln, Bettler totschlagen, Feuer legen in den letzten noch geöffneten Jakobinerclubs». Doch auch die revolutionäre Gegenseite ist nicht zimperlich: Nicht ein einziger Feind der Revolution darf entkommen, fordern die Radikalen. Während sich Gerüchte von Verschwörungen verbreiten, machen die lange Unterdrückten auf ihre Weise Geschichte. Zugleich hoffen viele auf den erlösenden Tribun.

Angst vor den Frauen

Die realen Hintergründe der ungemein spannend erzählten Geschichte haben Wu Ming auch hier wieder exakt recherchiert, samt Auszügen aus Parlamentsprotokollen oder Zeitungsartikeln. Der Fortgang der Ereignisse wird im Roman teils relativ neutral erzählt, teils von Stimmen aus dem «Volk» kommentiert und zuweilen kontrovers diskutiert. Die Revolution ist bei Wu Ming kollektiver Wahnsinn und zugleich Strassentheater, ein mutiger Hauptdarsteller wie Scaramouche wird zum Popstar. Der Aktivismus der Frauen aber ängstigt auch viele Progressive. Am Ende kämpfen alle nur noch ums Überleben.

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