Nr. 32/2020 vom 06.08.2020

Zwischen geschmolzenen Trümmern

Es war der erste kriegerische Atombombeneinsatz in der Geschichte der Menschheit. Aber wie gedenkt man der Opfer eines Infernos, das fast nichts hinterliess?

Von Judith Brandner, Tokio

Eine Warnung, dass die Bombe nicht nur hier und heute Leben raubt, sondern den Menschen auch die Zukunft nimmt: Ausschnitt aus Toshi und Iri Marukis «Geister» (1950). Foto: Maruki Gallery for the Hiroshima PANELS

Die Bombe, die ein amerikanischer B-29-Bomber am 6. August 1945 über Hiroshima abwarf, hatte eine Sprengkraft von dreizehn Kilotonnen TNT. Die Hafenstadt wurde ausgelöscht. Ein einzigartiges visuelles Zeugnis des atomaren Infernos ist der fünfzehnteilige, monumentale Hiroshima-Zyklus des japanischen KünstlerInnenehepaars Toshi und Iri Maruki, der in den Jahren 1950 bis 1982 entstanden ist. Wenige Tage nach dem Atombombenabwurf waren die beiden von Tokio nach Hiroshima gekommen; Iris Familie lebte in Hiroshima, sein Vater, Verwandte und FreundInnen wurden durch die Bombe getötet. Später erinnerten sich die Marukis: «Wir trugen die Verletzten. Wir verbrannten die Toten. Wir suchten nach Essen. Wir bauten Dächer aus verbrannten Zinnplatten. Wir irrten umher wie die Menschen, die die Bombe erlebt hatten, inmitten von Fliegen und Maden und dem Gestank des Todes.» In der zweiten Septemberwoche kehrten sie in die Hauptstadt zurück. Toshi wurde krank, erbrach Blut und konnte kaum mehr zeichnen.

Nach einigen Jahren beschlossen sie, die apokalyptischen Szenen von Hiroshima gemeinsam zu malen. Zuvor waren sie individuell als KünstlerInnen tätig gewesen: Iri stand in der japanischen Tradition der Tuschemalerei, Toshi malte Ölgemälde auf westliche Art. Nun verbanden sie beides zu einem neuen, einzigartigen Malstil. Schwarz und rot dominieren, sie stellen Schmerz und Leid der Menschen unter dem Atompilz dar. Jedes der Wandbilder ist exakt 1,8 Meter hoch und 7,2 Meter breit: Die Höhe entspricht etwa der Körpergrösse eines Menschen, die Breite ist so gewählt, dass sich das Bild nicht auf einen Blick erfassen lässt. So hat man das Gefühl, man gehe direkt ins Gemälde hinein.

Erinnern verboten

«Geister» ist das erste Bild des Hiroshima-Zyklus, und es steht gänzlich unter dem Eindruck der ersten Tage nach dem Inferno. Im Vordergrund des ersten Paneels der Geisterprozession ist eine weibliche Gestalt zu sehen: Ihr Gesicht ist schwarz verbrannt, der Blick qualvoll verzerrt, das Haar steht wirr zu Berge, die Haut hängt in Fetzen herab. Ihr Bauch ist dick nach vorne gewölbt. «Es ist die Gestalt einer Mutter, die bald ein Kind gebären soll», sagt Yukinori Okamura, der Kurator des Muraki-Museums in Saitama, einer Stadt im Norden Tokios. «Was für eine Idee, in den Zyklus über ein so furchtbares Ereignis wie die Atombombe, die mehr als 100 000 Menschen das Leben geraubt hat, eine Frau zu integrieren, die bald neues Leben in die Welt bringen sollte!», so Okamura. Er deutet das Bild als Symbol für den Kampf gegen die todbringende Zerstörung, als Warnung davor, dass die Bombe nicht nur hier und heute Leben raubt, sondern den Menschen auch die Zukunft nimmt. 1950, als «Geister» zum ersten Mal gezeigt wurde, hatte gerade der Koreakrieg begonnen. Es lag die Bedrohung in der Luft, auf die Bomben von Hiroshima und Nagasaki könnten weitere folgen.

Anfang der fünfziger Jahre wurden die Maruki-Bilder erstmals ausgestellt. Die Ausstellung trug den Titel «6.8.». Wäre der Begriff «Atombombenbilder», wie die Marukis ihren Zyklus genannt hatten, verwendet worden, wäre sie verboten worden. Denn der Press Code der amerikanischen Besatzungsbehörden verbot bis 1952 jegliche Erwähnung oder Darstellung der Atombomben in Zeitungen, Zeitschriften, Filmen, Fotos oder Druckwerken. Auch die literarischen Werke, die unter dem unmittelbaren Eindruck der Ereignisse entstanden waren, fielen unter die Zensur und konnten erst Jahre später erscheinen.

Dem offiziellen Japan, das während des Kriegs selbst ein Atombombenprogramm verfolgte, musste spätestens ab dem 10. August 1945 klar gewesen sein, dass es sich bei der «neuartigen Bombe» – so die japanische Sprachregelung – um die Atombombe gehandelt haben musste. Aber bereits ab Mitte September waren Hiroshima und Nagasaki aus dem öffentlichen Diskurs verschwunden. Die Zensur der US-Besatzungsmacht trug zur Verdrängung bei. Die Hibakusha genannten Überlebenden mussten jahrelang um ihre Anerkennung als Opfer, um eine adäquate medizinische Versorgung und gegen Stigmatisierung und Diskriminierung kämpfen. Umso wichtiger waren die Bilder von Toshi und Iri Maruki als frühes visuelles Zeugnis und als Information für die japanische Nachkriegsgesellschaft. «Natürlich wussten die Betrachter auch aufgrund des Titels 6.8., worum es ging», sagt Kurator Okamura. «Und die Bilder selbst waren Kunstwerke, die nicht unter den Press Code fielen.» Die Wanderausstellung wurde in 160 Städten Japans gezeigt und von Tausenden Menschen gesehen.

Objekte und Seelen

Sieben Jahre waren bereits vergangen, als 1952 die amerikanische Besatzung endete und die Atombomben endlich öffentlich thematisiert werden durften. Japan war intensiv mit dem Wiederaufbau, dem Vergessen der Kriegszeit und der Suche nach einer neuen Identität beschäftigt. Auch Hiroshima und Nagasaki waren in Windeseile wiederaufgebaut, als «Städte des Friedens». Am 6. August 1952 wurde in Hiroshima erstmals eine Gedenkveranstaltung für die Opfer abgehalten, wie es seither alljährlich geschieht. Als erstes steinernes Mahnmal wurde das Kenotaph für die Seelen der Opfer eingeweiht: In diesem leeren Grab fanden zunächst die Seelen von 57 900 identifizierten Opfern symbolisch ihre letzte Ruhe. Und die Liste der Opfer wird bis heute fortgeschrieben.

Ein institutioneller Ort der Erinnerung entstand 1955 mit dem Hiroshima Peace Memorial Museum. Bis heute ist es zusammen mit dem Friedenspark die zentrale Erinnerungsstätte Hiroshimas. Basis des Museums bildete die Sammlung des ersten Museumsdirektors, Shogo Nagaoka: Der Geologe hatte sofort nach dem Atombombenabwurf begonnen, zusammen mit Freiwilligen Zigtausende Artefakte in der zerstörten Stadt zu sammeln. Geschmolzene Steine und Glas, Dachziegel, ein zerbrochenes Fahrrad. Später beschrieb Nagaoka, wie sich die Hitzewelle auf unterschiedliche Gesteinsarten auswirkte oder in welcher Entfernung welche Schäden an welchen Objekten auftraten. Durch Winkelmessungen an 6542 Objekten konnte er den Explosionspunkt der Bombe auf wenige Meter genau berechnen.

Der Hiroshima-Zyklus von Iri und Toshi Maruki ist in einem kleinen privaten Museum in Saitama ausgestellt, neben dem ehemaligen Wohnhaus der beiden 1995 und 2000 verstorbenen KünstlerInnen. Das renovierungsbedürftige Museum, das sich einzig aus Eintrittsgeldern und Spenden finanziert, ist heute in ernsthaften finanziellen Schwierigkeiten. Es wird aber daran gearbeitet, dereinst bezahlte virtuelle Besichtigungstouren zu ermöglichen.

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