Nr. 40/2020 vom 01.10.2020

Das Monument aus dem Pariser Jazzkeller

«Déshabillez-moi» mochte ihr einziger Schlager gewesen sein, aber ihr Werk ist voller Kostbarkeiten: Juliette Gréco war eine Meisterin des Sprechens in Tönen. Oft zensiert, wurde sie für ihre Chansons zuletzt auch von Rappern verehrt.

Von Marc Zitzmann, Paris

Kein Lebenslauf ist vorgezeichnet. Juliette Grécos Mutter entstammte dem besten Bordelaiser Bürgertum. Sie hätte ihr Leben damit verbringen können, den Gästen ihres zweiten Gatten zwischen Aperitif und Digestif artige Gemeinplätze zu servieren. Stattdessen rannte sie mit einem Polizisten davon, zeugte mit ihm zwei Töchter, verliess ihn zugunsten des illustren Kunstkritikers Élie Faure, eröffnete in Paris ein Schönheitsinstitut und liess sich endlich im Sommer 1939 mit einem ähnlich verruchten Frauenzimmer in der Dordogne nieder.

Die kleine Juliette hätte dort zwischen Maisfeldern und Heuwiesen aufwachsen können wie das nesselnde Unkraut, als das sie sich gegenüber jeder Art von Autorität gebärdete. Doch 1943 wurden die Mutter und die ältere Schwester nach Ravensbrück deportiert: Beide waren in der Résistance. Juliette fand in Paris Unterschlupf, nahm dort Schauspielunterricht und entdeckte nach der Befreiung die Jazzkeller von Saint-Germain-des-Prés.

Wilde Nächte im «Tabou»

Über das Hauptquartier der Bohèmejugend, den berühmt-berüchtigten Club «Le Tabou», schrieb ein Journalist 1947: «In manchen Nächten legen die Existenzialisten unter wildem Gejohle manische Jitterbugs und Boogie-Woogies aufs Parkett. Meist jedoch sitzen sie niedergeschlagen da und starren auf ihr Glas voll lauwarmem Wasser. Die meisten von ihnen haben nichts gegessen.» Über dem Artikel prangt ein Foto von Juliette Gréco und dem späteren Filmemacher Roger Vadim: Für beide ist es ihre erste Nennung in der Presse.

Kein Lebenslauf ist vorgezeichnet. Die Brünette hätte ein ephemeres Partysternchen von Saint-Germain-des-Prés bleiben können. Ihre einzige Gabe war es, so schien es, anderen zu gefallen. Als ihre besten Freunde das mythische Kabarett «Le Bœuf sur le toit» neu lancieren wollten, beschlossen sie mangels Alternativen, Gréco ein paar Liedchen beisteuern zu lassen. Dabei hatte diese noch nie gesungen. Doch zwei gute Geister versorgten die von Lampenfieber gelähmte Anfängerin mit Texten, Melodien und praktischem Rat: Jean-Paul-Sartre und der Komponist Joseph Kosma. So trat Juliette Gréco am 22. Juni 1949 erstmals vor Publikum auf.

Sparsame Gesten, schlichtes Kostüm

Unter den drei Chansons, die sie da fiebernd vor Jean Cocteau, François Mauriac, Simone Signoret und anderen geladenen Grössen vortrug, war auch jenes, das unter dem Titel «Si tu t’imagines» berühmt wurde. Sein Textautor, der Schriftsteller Raymond Queneau, vermerkte in seinem Journal: «hübsche Stimme, aber keinerlei handwerkliches Talent». Auf der winzigen Bühne des Kabaretts «La Rose rouge» lernte die 22-Jährige in den folgenden Monaten, ihre Nervosität zu zügeln, ihre Stimme zu disziplinieren und die Wirkung ihres Vortrags durch sparsam eingesetzte Gesten zu steigern. Hier fand die Sängerin ihr Publikum, ihr Repertoire und auch ihr Bühnenkostüm: ein schwarzes Fourreaukleid ohne Décolleté, das einzig Hände und Gesicht freiliess.

Grécos erste Textautoren hiessen Mauriac und Sartre, Jacques Prévert und Françoise Sagan. Künftigen Chansonstars wie Georges Brassens, Jacques Brel oder Serge Gainsbourg ebnete sie durch die Interpretation von deren Werken den Weg zum Ruhm. Zugleich verführerisch und vergeistigt, war Gréco die französische Sensation der fünfziger Jahre. Das populäre Publikum der Music Halls wie die blasierte Klientel der mondänen Clubs an den Champs-Élysées vergötterten sie, bald folgten Plattenaufnahmen und Tourneen im In- und Ausland.

Im Visier der Zensur

Gréco war zeitlebens eine Botschafterin der französischen Kultur – beziehungsweise, wie ihr Biograf Bertrand Dicale schrieb, ein «Luxus-Exportprodukt». BewunderInnen namentlich in Deutschland, später auch in Japan, lechzten nach ihrer eleganten Erscheinung und der subtilen Subversivität ihrer Chansons. Kein Wunder, zählte sie mit Brassens und Ferré zu den SängerInnen, die vom Kontrollorgan des französischen Rundfunks am häufigsten zensiert wurden: wegen kruden Vokabulars («Complainte»), Verherrlichung der Fleischeslust («L’Amour à la papa») oder auch wegen Antimilitarismus («La Jambe de bois», das die Beziehung zwischen einer unsportlichen Kanonenkugel und einem abgefeimten Holzbein thematisiert).

Grécos Grösse, ja ihr Genie als Chansonnière lag nicht im rein Vokalen. Lange Melodiebögen waren nicht unbedingt ihre Stärke, auch wenn sie hie und da mit zartbitterer Altstimme eine Schnulze hinreissend samten aussingen konnte («Sans vous aimer»). Ihre Signatur war das Sprechen in Tönen, das expressive Parlando, die faszinierend flexible Modulation der Intonationen und Gemütslagen. «Je hais les dimanches» steigert so die zunächst kühle Schilderung der Umgebung der Ich-Erzählerin zum hitzigen Ausruf des Titels, bevor die Rede sich ins Intime wendet und die Temperatur wieder absinkt. «Paris canaille» lässt in einem familiären Ausruf, einer saloppen Redewendung, einem anzüglichen Halbsatz Typen der Pariser Halbwelt aufblitzen, ohne in billige Imitationen zu verfallen. «La Valse des si» treibt das Verfahren auf die Spitze, wiederholt der langsame Walzer doch 34-mal das Wörtchen «si»: fragend, bejahend, zögernd, entschlossen, keck, kokett, ekstatisch …

Gefeiert von den Jungen

Bereits in den Siebzigern galt Gréco als ein Monument des französischen Chansons. Der Mythisierung zu Lebzeiten trat die Sängerin mit einer Handvoll autobiografischer Liedtexte und mit dem in der ersten und dritten Person verfassten Memoirenband «Jujube» entgegen. Doch die achtziger Jahre entfremdeten Gréco ihrer Heimat: Weniger gefragt, trat sie zehn Jahre lang nicht mehr in Paris auf und zog sich mit ihrem dritten Gatten, dem 2018 verstorbenen Pianisten Gérard Jouannest, der weit über hundert Chansons für sie komponierte, aufs Land zurück.

Ab 1991 wurde Gréco dann durch eine neue Generation von SängerInnen wiederentdeckt, die ihre Enkelkinder hätten sein können. So grundverschiedene Talente wie Benjamin Biolay und Olivia Ruiz, der Rapper Abd al Malik und die Hip-Hopper von NTM huldigten der Chansonnière. Das Studioalbum «Un jour d’été et quelques nuits» (1998), süffig orchestriert von Grécos jahrzehntelangem Arrangeur François Rauber, verkaufte sich so gut wie schon lange keine ihrer Aufnahmen mehr. Auftritte und Tourneen gerieten zu Triumphen – so auch die Abschiedstournee «Merci», die die 89-Jährige Anfang 2016 nach einem Schlaganfall abbrechen musste.

Am 23. September ist Juliette Gréco 93-jährig in der Nähe von Saint-Tropez gestorben. Nach den Kriterien der Industrie ist ihr ein einziger Schlager gelungen, «Déshabillez-moi». Doch LiebhaberInnen der Chansonkunst und des Kunstchansons verdanken ihr eine Vielzahl von Preziosen voller Subtilität, Humor und Biss.

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