Nr. 40/2020 vom 01.10.2020

Gleichstellung in den Medien

Von Bettina Dyttrich

Wie geht es den Frauen im Schweizer Journalismus? Echte Gleichstellung ist in dieser Branche noch lange nicht erreicht. Das zeigen die fünfzehn Interviews, die Andrea Fopp vom Basler Onlinemagazin «Bajour» und Nora Bader, seit kurzem bei «20 Minuten», für ihr Buch geführt haben. Es kommt immer noch vor, dass sexistische Gerüchte über Kolleginnen die Runde machen, Redaktorinnen von Chefs benachteiligt werden oder der Interviewpartner zu flirten versucht.

Die Autorinnen und auch viele der Interviewten propagieren familienfreundlichere Redaktionsstrukturen, mehr Ko-Chefredaktionen, mehr Vielfalt in der Themenwahl. Alles begrüssenswert – trotzdem bleibt der Eindruck, dass eine wichtige Ebene zu kurz kommt: die Besitz- und Machtverhältnisse in den grossen Medienhäusern, denen Profit längst wichtiger zu sein scheint als journalistische Qualität. So ist auch bezeichnend, dass in diesem Buch Frauen aus dem «Mittelbau» von Tamedia, NZZ-Mediengruppe und Ringier fehlen. Und an «Tagi»-Chefredaktorin Judith Wittwer (inzwischen bei der «Süddeutschen Zeitung») perlen fast alle kritischen Fragen ab. Mehrere Journalistinnen hätten ihre Interviews zurückgezogen, schreiben die Autorinnen. Es fällt auf, wer wirklich offen redet: die ganz Jungen und die Älteren, die ihre exponierten Ämter bereits abgegeben haben, wie die ehemalige WOZ-Redaktionsleiterin Susan Boos.

Die Profitorientierung setzt Medienschaffende unnötigem ökonomischem Druck aus und schadet dem Journalismus. Aber auch sie betrifft Frauen stärker als Männer, nur schon, weil weniger Frauen bereit sind, ihr Leben völlig dem Job unterzuordnen. Das schafft Bündnismöglichkeiten mit jenen Männern, die das auch nicht mehr wollen. Doch lassen sich die Strukturen der etablierten Medienhäuser genug radikal verändern? Auch jene Medien, die anders sein möchten, wie «Bajour», die «Republik» und die WOZ, könnten bei diesen Themen noch offensiver werden. «Frau Macht Medien» ist ein wichtiges Zeitdokument, das nachdenklich macht.

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