Nr. 41/2020 vom 08.10.2020

Von Dominic SchmidMail an AutorIn

Filmisch der Zensur trotzen

Langsam, aber sicher kehrt das Kino zurück. Auch das Filmpodium Zürich, das zwar nach eigenen Angaben weniger unter dem lauen Filmangebot gelitten hat als die premierenabhängigen Kinos, holt jetzt drei Filmreihen nach, die im Frühling ausgefallen waren. Zu sehen gibt es Filme von Zhang Yimou, dem faszinierenden chinesischen Regisseur, dessen bildgewaltiges Werk mit Filmen wie «Raise the Red Lantern» (1991) oder «Hero» (2002) immer wieder Debatten um die chinesische Zensur beziehungsweise um übertriebene Parteitreue ausgelöst hat.

Ähnliches gilt für die russisch-ukrainische Regisseurin Kira Muratowa. Nach ihren ersten beiden Filmen mit einem Berufsverbot belegt, konnte sie nach der mit der Perestroika einhergehenden Lockerung eine Reihe von auf das «Weibliche» fokussierten Werken schaffen, die auch heute noch stark gegen die Sehgewohnheiten verstossen. Schliesslich rundet eine kleine Retrospektive zur bezaubernden Stummfilmschauspielerin Louise Brooks (mit dem berühmten Bubikopf) das schöne Monatsprogramm ab.

«Back to Filmpodium»: Filme von Zhang Yimou, Kira Muratowa und mit Louise Brooks in: Zürich Filmpodium. Die Reihe läuft bis am 18. November 2020. Genaues Programm auf www.filmpodium.ch.

Unbefruchtet philosophieren

Wann beginnt Ungerechtigkeit? Schon vor der Zeugung, im Mutterbauch oder erst in der Welt? Aron Yeshitila, Brugger Autor und Regisseur mit äthiopischen Wurzeln, beschäftigt sich seit Jahren mit dieser Frage, die im Rahmen der Covid-19-Krise und der Black-Lives-Matter-Demonstrationen eine neue Dringlichkeit erhalten hat.

In seinem neuen Stück «Die Möglichkeiten» fantasieren und philosophieren drei unbefruchtete Eier namens Ova, Ovo und Ovi im Bauch einer Schwarzen Schweizerin über die Welt und ihre eigenen Möglichkeiten darin. Bald merken sie, dass sie unterschiedliche Ansichten zu entwickeln beginnen und dass ihre Identitäten vorgefertigt sind.

Nach seinem Theaterstück über die Geschichte des äthiopischen Volkes und dem Kurzfilm «Dagu» geht der Regisseur hier einen Schritt weiter, indem er die Frage nach der grundsätzlichen Möglichkeit eines Neuanfangs aufwirft. Nach der Vorstellung vom 16. Oktober findet ein Publikumsgespräch mit der Slampoetin, Publizistin und Aktivistin Amina Abdulkadir statt.

«Die Möglichkeiten» in: Aarau Theater Tuchlaube, Mi, 14., Fr, 16. (mit Gespräch), und Sa, 17. Oktober 2020, jeweils 20 Uhr; in: Zürich Kulturmarkt, Mi/Do, 21./22., Sa, 24., Di/Mi, 27./28. Oktober 2020, jeweils 20 Uhr.

Archaische Entgrenzung

Theoretisch unterfütterter Art-Pop? Das klingt erst mal anstrengend; doch dann liest man in der WOZ Nr. 19/17 eine hymnische Besprechung des ersten Albums der Band JPTR und dass einem hier «die Seele im Kopf glüht und das Hirn in den Beinen tanzt». Seither scheint sich das Duo einer Evolution, einem Morphing oder einer Fusion unterzogen zu haben und nennt sich als Quartett jetzt JPTR_Eclecta, bestehend aus Andrina Bollinger, Marena Whitcher, Arthur Hnatek und Ramón Oliveras. Auf dem Papier klingt das weiterhin vermeintlich minimalistisch: Stimmen und Drums, sonst nichts. Dabei ist die Musik das Gegenteil davon: archaisch, körperlich, stets auf der Suche nach dem Entgrenzungsmoment. Genau die richtige Musik für diese Zeit.

«JPTR_Eclecta» in: Biel Le Singe, Sa, 10. Oktober 2020, 21 Uhr; in: Basel Kaserne, Fr, 23. Oktober 2020, 21 Uhr; in: Zürich Moods, Di, 3. November 2020, 19 Uhr.

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