Nr. 42/2020 vom 15.10.2020

Radikale Bieler Kultur

Von Stefan Howald

Die Institutionen der ArbeiterInnenbewegung kommen in die Jahre und schreiben ihre Geschichten. In einer hübsch aufgemachten Broschüre werden knapp die ersten hundert Jahre der Genossenschaft St. Gervais in Biel erzählt. Zu Beginn hiess die Genossenschaft anders, entschiedener: «Società Cooperativa Proletaria».

Gegründet wurde sie am 30. Dezember 1919 von italienischen ArbeiterInnen. Im Februar 1920 konnte das geschichtsträchtige «Abtenhaus» in der Bieler Altstadt gekauft werden, am 1. April wurde das Restaurant Proletaria im Erdgeschoss eröffnet. Daneben verkaufte die Genossenschaft vergünstigte Lebensmittel und Weine aus Italien, die oberen Räume dienten Versammlungen. Bald wurde das «Proletaria» jedoch in politische Auseinandersetzungen in der italienischen Diaspora verwickelt; umgekehrt bemühte man sich um eine breitere Kundschaft.

Nach 1945 geriet die Genossenschaft angesichts eines veränderten sozialen Umfelds in die Krise. Diese sollte 1965 mit der Änderung des Namens in «St. Gervais» überwunden werden, wobei man damit an ein radikales Bieler Café aus dem 19. Jahrhundert anknüpfte. Tatsächlich kamen mit der 68er-Bewegung neue Kreise ins «St. Gervais». Wenig später traf die Wirtschaftskrise ab 1973 den Industriestandort Biel und dessen Arbeiterschaft stark, was die traditionelle Trägerschaft des «St. Gervais» erodierte. Ab 1975 orientierte sich die Genossenschaft stärker Richtung Kulturaktivitäten.

Periodisch kamen sich die Funktionen als Restaurant, Diskussionsort und Kulturzentrum in die Quere, und zuweilen divergierten die Vorstellungen zwischen den PächterInnen des Gastbetriebs und der Genossenschaft als Besitzerin. 1989 konnte eine existenzgefährdende Krise dank viel Solidarität überwunden werden. Letztmals wurde die Liegenschaft 2015 durchgängig renoviert; seither wirtet ein neues Team erfolgreich, und der im Haus beheimatete Club «Le Singe» ist zum bekannten Veranstaltungsort geworden.

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