Nr. 42/2020 vom 15.10.2020

Kriegsroboter im Emmental

Dürrenmatt hatte sein Venus-Hörspiel, und Sibylle Berg machte mit «GRM» gerade Furore, klassische Science-Fiction wird in der Schweiz aber so gut wie keine geschrieben. Tom Turtschi tut es trotzdem – und gewinnt damit Preise.

Von Dominic Schmid (Text) und Ursula Häne (Foto)

Science-Fiction ist für ihn die beste Möglichkeit, mit der Gegenwart klarzukommen: Autor Tom Turtschi auf seinem E-Scooter.

Ein Junge, irgendwo in einem Kriegsgebiet im Nahen Osten. Er verkauft dem Reporter Hendry einen Ring, der seinem Träger das Mass des persönlichen Reifegrads anzeigen soll. «Grün ist gut, rot bedeutet, dass noch eine Menge Arbeit vor Ihnen liegt.» Hendry kauft den Ring, bevor er sich weiter durch die kriegszerstörte Landschaft kämpft: Künstlich intelligente Waffensysteme haben sich verselbstständigt und machen jetzt Jagd auf alles Lebendige. Sogar die Nachrichten manipulieren sie, um die vor dem Krieg Geflüchteten wieder nach Hause zu locken und neues Kanonenfutter zu bekommen.

«Don’t Be Evil» heisst die Erzählung, die diesen Frühling den deutschen Science-Fiction-Preis für die beste Kurzgeschichte erhalten hat. Geschrieben hat sie der aus Biel stammende, in Trubschachen im Emmental lebende Tom Turtschi. Er ist Mitbegründer der Agentur Hof3, eines Ateliers für szenografische Gestaltung in einem umgebauten Bauernhof, der als Permakulturbetrieb geführt wird. Eine kleine Armee von Tieren bevölkert das Gelände: Insbesondere Katzen zeigen sich während des Interviews auf der kleinen Terrasse sehr präsent, einmal kommt auch eine laut quakende Entenfamilie vorbeimarschiert.

Man würde auf den ersten Blick nicht unbedingt erwarten, dass ausgerechnet hier, im hinteren Emmental, preiswürdige Science-Fiction entsteht, zumal es in der Schweiz so gut wie keine Szene dafür gibt. Im englischsprachigen Raum hat das Genre seinen schlechten Ruf längst abgelegt. Nach den Anfängen in billigen Pulp-Magazinen in den zwanziger und dreissiger Jahren begann das sogenannte Goldene Zeitalter mit Autoren wie Isaac Asimov und Ray Bradbury und etwas später Philip K. Dick, dessen prophetische Entwürfe Hollywood bis heute beschäftigen. Auf einer von Dicks Erzählungen basiert auch «Don’t Be Evil».

Gegenwart und Zukunft

«Bei guter Science-Fiction geht es nicht darum, eine ferne Zukunft zu beschreiben», sagt Turtschi. Die Zukunft sollte vor allem ein Mittel sein, um die Gegenwart aus einer entrückten Perspektive heraus in den Blick zu bekommen, um so auf die Möglichkeiten wie Gefahren gesellschaftlicher und technologischer Entwicklungen aufmerksam zu machen. Obgleich Turtschi die mangelnde literarische Finesse und den Hang zum Klischee vieler deutschsprachiger Science-Fiction-Texte bemängelt, sieht er in dem Genre immer noch die beste Möglichkeit, «mit der Gegenwart klarzukommen».

Diese bietet ja im Moment auch viel Stoff: die Überwachungsgesellschaft («George Orwells Vision ist schon längst permanenter Zustand geworden, nur einfach anders», findet Turtschi), das Feld der Robotik und der künstlich intelligenten Waffensysteme, in dem das Silicon Valley mit dem US-amerikanischen Militär kooperiert, sowie natürlich die Klimakrise. «Das Gesamtsystem ist am Kippen. Das kann man sich gar nicht vorstellen, was an globalen Umwälzungen noch alles auf uns zukommen wird», sagt Turtschi, der sich zwischen Hühnern, Schafen und Museumsmodellen auf dem neusten Stand der Entwicklungen hält. Durch die Coronakrise hätten zwar viele Leute gemerkt, wie wenig es braucht, damit «alles ins Kippen kommt». Aber die «Babyboomer-Einstellung» sei trotzdem nicht totzubekommen. «Die haben immer noch das Gefühl, sie hätten ein Recht auf einen gesicherten Lebensabend, mit ihren ‹verdienten› Privilegien und dem ganzen Luxus. So wird das nichts. Ich darf das sagen, ich bin auch noch knapp ein Babyboomer.»

Ihm gehe es weder als Person noch als Autor darum, den Teufel an die Wand zu malen. Klare Vorhersagen zu machen, das sei nicht die Sache der Science-Fiction, sonst lande man rasch bei den VerschwörungstheoretikerInnen, ständig auf der Suche nach Sündenböcken. Beispielsweise habe er selbst beobachtet, wie Teile der Permakulturszene in die Nähe von rechtem und antisemitischem Gedankengut gerieten: «Wenn der Kreislaufgedanke zur Esoterik wird und sich wie die Landwirtschaftspolitik von Reichsminister Hermann Göring anhört, ist das bedenklich», sagt Turtschi.

Zeit und Geld

Was sein Schreiben betrifft, hegt Turtschi bescheidene Ambitionen. Zu klein sei der deutschsprachige Markt, der sich in den vergangenen Jahren vor allem der Fantasy zugewandt habe. Und zu knapp sei leider auch seine Zeit. Er publiziert zwar weiterhin Kurzgeschichten und hat vor kurzem an einem neuen Roman zu schreiben begonnen, aber mehr liege im Moment einfach nicht drin. Sein Szenografiebüro, da «wo dr Chole härchunnt», arbeitet zurzeit an einer Ausstellung für das Schweizerische Agrarmuseum. Es geht um zukünftige Formen der Landwirtschaft. Allzu weit entfernt von der Science-Fiction ist das dann aber auch nicht.

Er sei zufrieden, wenn er jeden Morgen ein paar Stunden schreiben könne und seine Geschichten überhaupt Widerhall fänden. Nur für die Schublade zu schreiben, wäre zwar «keine Option», aber ein Schriftstellerleben mit Lesereisen und allem Drumherum interessiere ihn nicht. Sein CO2-Kontingent sei sowieso schon lange verprasst.

Der Ring aus der Kurzgeschichte, gekauft vom kleinen Jungen, der sich als mörderischer Roboter entpuppen wird: an Tom Turtschis Hand würde er wohl, wie am Ende auch beim Reporter Hendry, ungefähr in einem angenehmen, matten Moosgrün leuchten.

2017 erschien ein Band mit Kurzgeschichten von Turtschi unter dem Titel «Eniwetok. Die Flucht» im Seins-Fiction Verlag.

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