Nr. 09/2007 vom 01.03.2007

Träumen Aliens von Gott?

Vor 25 Jahren starb der kalifornische Science-Fiction-Autor. Sein Werk und sein Leben haben nichts von ihrer Faszination verloren.

Von Bettina Dyttrich

Flipperkästen, die die Gehirne ihrer SpielerInnen analysieren. Drogen, die ihre KonsumentInnen in parallele Universen befördern. Taxis, die ihre Fahrgäste psychologisch beraten. Türen, die mit den Bewohnern ihrer Häuser streiten. Ausserirdische, die menschlicher sind als Menschen. Spraydosen, die Gott enthalten. Jesus, der einem Astronauten den Kopf abbeisst. All das gibt es im Universum von Philip K. Dick. Und das ist erst ein kleiner Teil, ein Blick durch die Tür.

Kann jemand, der solche Dinge schreibt, etwas anderes als verrückt sein? Er sagte es ja selber! Bezeichnete sich als psychotisch, beschrieb im Detail seine Nervenzusammenbrüche, Drogenexperimente und Selbstmordversuche. Doch das Lob vieler seiner KollegInnen spricht eine andere Sprache: «Was Kafka für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war, ist Philip K. Dick für die zweite Hälfte», sagte Art Spiegelman, Autor des preisgekrönten Comics «Maus». Die US-Schriftstellerin Ursula K. LeGuin nannte ihn «unseren Borges». Der visionäre Pole Stanislaw Lem fand, Dick sei der einzige Science-Fiction-Autor, der überhaupt etwas tauge.

Das Etikett «durchgeknallter Künstler» ist eine Versuchung, auch für den Künstler selbst. Und eine Falle. Es fördert eine falsche Glorifizierung und, noch schlimmer, es dient im Fall von Philip K. Dick dazu, die grossen Fragen, die er stellte, entweder als pubertär oder als verrückt abzutun. Pubertär, denn es gilt als verzeihlich, sogar produktiv, wenn sich Teenager tiefschürfende Fragen stellen: Wo bin ich hier? Was soll das alles? Was ist wirklich? Gibt es nur das, was wir wahrnehmen, oder steckt mehr dahinter? Wer aber im Erwachsenenalter immer noch solche Fragen stellt, gilt schnell als durchgeknallt, zurückgeblieben, hat den Ernst des Lebens nicht begriffen.

Science-Fiction

Auch Science-Fiction (SF) hat einen pubertären Ruf. Sie galt lange als Terrain von computerverrückten Gymnasiasten, die Angst vor Mädchen haben. Heute wird die Literaturgattung ein bisschen ernster genommen - einige AutorInnen, etwa Kurt Vonnegut, übersprangen erfolgreich den Graben zwischen SF und «seriöser» Literatur. Doch zu Philip K. Dicks Lebzeiten war der Graben eine Schlucht. Jahrzehntelang gab es gar keine SF in Buchform. Sie war die Domäne von Magazinen. Hugo Gernsback gründete 1926 «Amazing Stories», das erste SF-Magazin. Das neue Genre hatte Erfolg, Dutzende von Heftchen entstanden, die oft nur einige Nummern lang existierten. Der zwölfjährige Philip K. Dick entdeckte 1941 zufällig eines am Kiosk. Es weckte eine Leidenschaft fürs Leben. Dick lebte in dieser Zeit mit seiner alleinerziehenden Mutter Dorothy in Berkeley, Kalifornien. Er war am 16. Dezember 1928 in Chicago geboren worden, seine Zwillingsschwester Jane starb nach einem Monat. Die Eltern liessen sich bald scheiden, Philip wuchs praktisch ohne Vater auf. In der Schule zeigte er früh ein Talent zum Geschichtenschreiben - und eine Tendenz zu Phobien: Er litt an Schwindelanfällen, Panik vor öffentlichem Raum, und er ertrug es nicht, wenn ihm jemand beim Essen zuschaute.

Krieg: die fünfziger Jahre

Die fünfziger Jahre in den USA hatten eine schöne Fassade: Einfamilienhaus, Auto und Waschmaschine für alle. Dahinter standen eine rigide, intolerante Gesellschaft, die Jagd auf angebliche KommunistInnen und die dauernde Drohung eines dritten Weltkriegs. Das verdrängte Grauen der fünfziger Jahre war Philip K. Dicks erstes grosses Thema. Ein grosser Teil seiner frühen Geschichten handelt vom Krieg. Manchmal ist er schon vorbei: Die Überlebenden kommen aus ihren Löchern oder von anderen Planeten zurück und versuchen herauszufinden, wer angefangen hat - und warum. Manchmal findet er auf anderen Planeten statt, und nur die Männer, die nicht zurückkommen, erinnern an ihn. Manchmal steht er erst bevor: In der Kurzgeschichte «War Veteran» taucht ein uralter Soldat scheinbar aus der Zukunft auf und erzählt vom Krieg der Marsianer und Venusianer gegen die Erde, der in Kürze beginnen soll. Die Erde werde verlieren, sagt er, worauf die Politiker - nein, sie versuchen nicht, den Krieg abzuwenden. Sie versuchen von dem Veteranen jene Informationen zu bekommen, die ihnen einen Sieg ermöglichen könnten.

Das ökonomische Kalkül hinter Kriegen ist Thema einer anderen Geschichte, «Some Kinds of Life»: Eigentlich wollen wir ja Frieden, aber wir brauchen eben diesen automatischen Steuerungsmechanismus vom Mars ... und die tollen Heizplatten von der Venus ... und die Datenbanken von Pluto ... Philip K. Dick traf die Stimmung jener Jahre genau und verpackte sie in oft fast gleichnishafte Erzählungen: Einmal macht ein ganzes Haus eine Zeitreise und landet im Atomkrieg gegen die Sowjetunion, oder ein Junge wird in der Schule gequält, weil sich sein Vater das neuste, garantiert strahlensichere Bunkermodell nicht leisten kann.

All diese Geschichten - oft sehr düster, aber manchmal auch sehr lustig - schrieb Philip K. Dick von einem einigermassen sicheren Ort aus: seinem kleinen Haus in Berkeley, wo er mit seiner zweiten Frau, Kleo Apostolides, lebte. Sie waren zufrieden, aber so knapp bei Kasse, dass sie manchmal Hundefutter kochten. Die lausigen Honorare, die Dick von den SF-Magazinen bekam, zwangen ihn zu einer unglaublichen Produktivität: Zwischen Januar und April 1953 etwa schickte er sechzehn Geschichten an verschiedene Verlage. Wer sie chronologisch liest, erlebt mit, wie Dick Ideen entwickelte, Themen ausprobierte, sie von allen Seiten betrachtete, mit ihnen spielte. Viele tauchten später in den Romanen wieder auf: Roboter, die sich für Menschen halten, Ausserirdische, die sich als Menschen, und Feinde, die sich als Freunde tarnen. Gefälschte Gegenstände, Vergangenheiten, Karrieren. Menschen mit allen Arten von «psionischen» Fähigkeiten: Sie können die Zukunft voraussehen, durch die Zeit reisen, Objekte ausser Reichweite bewegen. Es waren typische SF-Themen, aber Dick schälte immer die philosophischen Fragen heraus, die dahintersteckten. Seine Lektüre beschränkte sich nie auf SF, er las auch begeistert griechische Philosophen, Franz Kafka, James Joyce und war ein grosser Fan von klassischer Musik. Doch damals, schrieb er später, habe er noch klar unterscheiden können zwischen der Welt in seinen Geschichten und der Welt um ihn herum. So sollte es nicht bleiben.

Drogen: die sechziger Jahre

Eines Tages im Herbst 1963 war Philip K. Dick auf dem Weg zu seiner Holzhütte, in der er sich zum Schreiben eingerichtet hatte. Er lebte inzwischen mit seiner dritten Frau, Anne Williams Rubenstein, einer Tochter und drei Stieftöchtern in der kleinen Ortschaft Point Reyes Station nördlich von San Francisco. Plötzlich sah er am Himmel ein Gesicht: «Es war eine gewaltige Fratze des absolut Bösen. Anstelle der Augen hatte sie leere Schlitze - sie war metallisch und grausam, und am schlimmsten von allem: Sie war Gott.»

Er ging zum Pfarrer. Der war überzeugt, dass Dick den Teufel gesehen hatte, und salbte ihn mit geweihtem Öl. Doch es half nicht. Er tat das Naheliegendste: Er schrieb darüber. Doch das waren keine spannenden Spekulationen aus der Sicherheit eines geregelten Lebens mehr. Das war existenziell. Die Trennung zwischen Leben und Schreiben verschwamm. Das Resultat war ein Roman, einer seiner besten: «The Three Stigmata of Palmer Eldritch». Auf der Erde ist es unerträglich heiss. Es bleibt unklar, ob der simple Treibhauseffekt schuld ist oder böse Ausserirdische von Proxima Centauri. Doch auf den anderen Planeten, die die Menschen inzwischen besiedelt haben, ist es noch schlimmer - dort langweilen sich die KolonistInnen in staubigen Wüsten zu Tode. Nur die Droge Can-D macht das Leben erträglich. Sie transferiert ihre BenutzerInnen in den Körper von Perky Pat, die aussieht wie Barbie, und gibt ihnen das Gefühl, wieder daheim auf der Erde zu sein. Dort lebt Leo Bulero, der das Zubehör liefert, ohne das der Can-D-Konsum keinen Spass macht: eine Art Puppenhaus mit Auto, Kleidern und Lifestylezubehör, das unter dem Einfluss der Droge real scheint. Doch da kommt der düstere Palmer Eldritch zurück von Proxima Centauri. Ihn hat Dick seiner Vision nachgebildet: Eldritch hat künstliche Augen und Kiefer aus Stahl. Er bringt eine neue Droge von Proxima, die viel besser sein soll als Can-D. Leo Bulero fürchtet um sein Business und versucht Eldritch zu stoppen - zusammen mit seinem Angestellten Barney Mayerson, der in die Zukunft sehen kann. Doch das ist nicht so einfach, denn die neue Droge stellt sich als höchst gefährlich heraus, und Eldritch ist offenbar kein Mensch mehr - aber was dann? Ein Ausserirdischer? Der Teufel? Gott? Und warum sehen plötzlich immer mehr Menschen aus wie er?

So durchgeknallt, wie das hier klingt, ist der Roman auch; gleichzeitig ist er der erste Versuch Dicks, religiöse Fragen ins Zentrum eines Buches zu stellen. Dass Drogen bei seinen Exkursionen eine Rolle spielten, bestritt er nicht. Begonnen hatte es scheinbar harmlos: mit einem Arztrezept. In den fünfziger Jahren wurden Amphetamine (Aufputschmittel) grosszügig gegen alles Mögliche, von Prüfungsangst bis Depressionen, verschrieben. Wann Dicks regelmässiger Amphetaminkonsum begann, ist unklar, aber es war lange vor 1960. Amphetamine ermöglichten erst sein rasendes Schreibtempo. In den sechziger Jahren probierte er auch andere Drogen aus, unter anderem LSD, aber das machte ihm Angst.

Die sechziger Jahre mit ihren politischen, künstlerischen und psychologischen Aufbrüchen entsprachen Dick weit mehr als die strengen Fünfziger - als ob sich die Zeit ein Stück an ihn angepasst hätte. Es wurde ein äusserst produktives Jahrzehnt: Er schrieb 24 Romane, darunter einige seiner besten: «The Man in the High Castle» spielte in einer alternativen Gegenwart, in der Deutschland und Japan den Zweiten Weltkrieg gewonnen hatten. «Martian Time-Slip» ist die beklemmende Geschichte eines psionisch begabten autistischen Jungen auf dem Mars. «Do Androids Dream of Electric Sheep?» stellt die vertrackte Frage, was Menschen von perfektionierten Robotern unterscheidet. In «Ubik» und «A Maze of Death» bricht die Realität dann vollends zusammen.

In Philip K. Dicks Leben ging es ähnlich turbulent zu. Auch die dritte und die vierte Ehe scheiterten, ein Grund war sein steigender Amphetaminkonsum. Dick hatte panische Angst vor Einsamkeit und öffnete sein Haus für die Drogensubkultur, für Dealer, verlorene Existenzen und von zu Hause abgehauene Highschool-Kids, die meisten nicht einmal halb so alt wie er. Er verliebte sich dauernd in junge Frauen. Die wechselnden BewohnerInnen des Hauses blieben oft tagelang wach und nahmen Drogen. Die überschwängliche Stimmung kippte in Paranoia. Dann kam ein mysteriöser Einbruch hinzu: Jemand jagte Dicks feuersichere Archivschränke in die Luft, stahl persönliche Dokumente und verwüstete das Büro. Dick stellte etwa zehn Theorien auf, wer hinter dem Einbruch steckte: von militanten Schwarzen über den Geheimdienst bis zu radikalen Rechten. Oder vielleicht - er selbst, ohne es zu wissen.

Die dunkle Stimmung dieser Tage hielt Dick später, als er die Drogen aufgegeben hatte, im Roman «A Scanner Darkly» fest. Es ist eines der treffendsten und traurigsten Bücher über Sucht, die es gibt. Er fand ein überdeutliches Symbol für seine eigene Selbstzerstörung: die Droge «Death», die langsam die Verbindung zwischen den Hirnhälften zerstört und so die Identität ihrer KonsumentInnen spaltet.

«Realität ist für mich nicht so sehr etwas, das man wahrnimmt, als etwas, das man herstellt» - eine gemeinsame Annahme, eine geteilte Theorie, ein Konstrukt. Dick versuchte immer wieder, mit und ohne Drogen, hinter dieses Konstrukt zu schauen. Aber im Grunde akzeptierte er es, denn ohne eine gemeinsame Realität drohte die Isolation. Und davor hatte er wohl am meisten Angst. Die ProtagonistInnen seiner Romane fallen immer wieder an Orte, die radikal anders sind als die akzeptierte Realität. Doch dort sind sie allein und können ihre Erfahrungen nicht mehr teilen. Wer rausgefallen ist, hat kein Gegenüber mehr. Dick brauchte dringend ein Gegenüber - aber auch er nahm es häufig nicht mehr wahr, konnte sich selber und die andere Person nicht unterscheiden. Vor allem, wenn die andere Person eine Frau war.

Frauen - Rettung oder Verderben

«Ich hatte stark den Eindruck, dass er gar nicht wusste, wer ich war - dass er in ein inneres Bild verliebt war, das er sich gemacht hatte. Die J’Ann, die er zu lieben glaubte, hatte auffallend wenig mit mir zu tun», erzählte J’Ann Forgue, eine der vielen Verehrten des Schriftstellers, dessen Biografen Lawrence Sutin.

«Ich kann nur sicher sein, wenn eine Frau mich beschützt», schrieb Dick in sein Tagebuch. Diese Sehnsucht nach einer Frau, die ihn «retten» könnte, interpretierte er als Trauma vom Verlust seiner Zwillingsschwester Jane. Wenn er eine Frau fand, die er für die richtige hielt, warb er um sie - mit Gedichten, schwärmerischen Briefen und Heiratsanträgen, manchmal schon am ersten Abend. Doch natürlich konnte keine reale Person erfüllen, was er suchte, und wenn er das wieder einmal realisierte, schlug die Verehrung oft in Angst und Hass um - und mehrmals auch in körperliche Gewalt. Während der Trennung von seiner dritten Frau, Anne, erzählte er seinen Freunden, sie wolle ihn ermorden. Und im späten, autobiografischen Roman «Valis» warf er das Gleiche seiner fünften Frau, Tessa, vor: Sie habe ihn bewusst in den Selbstmord getrieben, als sie ihn verliess. Die Bosheit, die er in solchen Momenten in Frauen sah, war eine Projektion seiner eigenen Ängste: Weder im Guten noch im Schlechten hatte er eine realistische Wahrnehmung der Frauen, die ihm nahe waren.

Natürlich beeinflusste das auch sein Schreiben: In Dicks Geschichten kommen viele problematische Frauenfiguren vor. Sie sind böse und grausam oder auch einfach dumm. Dieses Frauenbild kann nicht einfach mit der Zeit erklärt werden, in der Dick lebte. Denn weder seine alleinerziehende Mutter, die mit feministischen Ideen sympathisierte, noch seine Frauen entsprachen solchen Klischees: Anne zum Beispiel war eine erfolgreiche Schmuckhändlerin.

Gott: die siebziger Jahre

Im Frühling 1974 hatte sich Philip K. Dick wieder gefangen: Er hatte mit den Drogen aufgehört, war ins sonnige Südkalifornien gezogen, war mit seiner fünften Frau, Tessa Busby, verheiratet. Im Sommer 1973 war Sohn Christopher zur Welt gekommen. Doch mit Ruhe war nichts: Die aufregendsten Ereignisse seines Lebens standen bevor. Dick hatte sich einen Weisheitszahn entfernen lassen und bestellte ein Schmerzmittel nach Hause. Die Frau, die es lieferte, trug eine Kette mit einem goldenen Fisch um den Hals. Dick starrte auf den Fisch - das alte christliche Symbol - und erinnerte sich: Er hatte im Alten Rom gelebt und war ein verfolgter Christ gewesen. Oder war das Alte Rom in der Gegenwart? War die Zeit, die seither vergangen war, eine Illusion? Dieser seltsamen Erinnerung folgten wochenlang Visionen und andere beunruhigende Ereignisse. Dick sah Lichterscheinungen, die wie Tausende von abstrakten Gemälden aussahen. Er hörte eine weibliche Stimme, die ihm Anweisungen gab und die Wiederkehr von Jesus ankündigte, erhielt seltsame Briefe und hörte bedrohliche Botschaften am Radio, hatte das Gefühl, in eine Person namens Thomas versetzt zu sein, die vor 2000 Jahren gelebt hatte. In Träumen hörte er Wörter, die sich als Griechisch herausstellten, obwohl er die Sprache nie gelernt hatte. Was war los? War er jetzt endgültig verrückt? Oder versuchte Gott mit ihm zu kommunizieren? Oder Ausserirdische? Waren es Botschaften aus der Zukunft? Den Rest seines Lebens versuchte Dick diese Fragen zu beantworten.

Philip K. Dick hatte sich schon lange für religiöse Fragen interessiert. Jetzt intensivierte er seine Recherchen. Er las Texte über frühes Christentum, das Tibetanische Totenbuch, die indischen Veden und mittelalterliche Mystiker. Er war fasziniert von religiösen Strömungen, die sich nicht durchgesetzt hatten, vor allem vom Gnostizismus und von der damit verwandten persischen Religion des Manichäismus. Die GnostikerInnen glaubten, dass es zwei Götter gibt, einen guten und einen bösen. Heute herrscht der böse, der sich als guter ausgibt. Er hat die materielle Welt erschaffen, sie ist böse, die Menschen haben jedoch dank der Einflüsse des guten Gottes die Möglichkeit, das zu erkennen. Eine böse Welt aus Täuschung, ein verborgener guter Gott - es klang fast wie ein Philip-K.-Dick-Roman.

Seine visionären Erlebnisse waren Hauptthema seines späten Schreibens. Er begann ein neues Buch, die «Exegesis», das ganz ihrer Analyse gewidmet war. Dick suchte Gedankensysteme, die alles - seine Visionen, sein Leiden und den Rest der Welt - erklären sollten. Seine Spekulationen sind faszinierend, haben manchmal aber auch etwas sehr Enges. Gerade weil sie alles erklären sollen, sind sie zu einfach. Das wusste der Autor auch selbst. Wenn er wieder eine neue, überzeugende Theorie gefunden hatte - es sind Ausserirdische von der Albemuth-Galaxis, die die Tyrannei von US-Präsident Richard Nixon stürzen wollen! -, schrieb er sie begeistert nieder. Und warf sie am nächsten Tag wieder über den Haufen.

Religion war schon vor 1974 ein Thema von Dicks Geschichten gewesen. In den fünfziger Jahren schrieb er einige augenzwinkernde Kurzgeschichten dazu, in einer («Prominent Author») wird ein Büroangestellter unfreiwillig zum Mitautor der Bibel, weil er in einer Zeitfalte das alte Galiläa streift. Nach «Palmer Eldritch» wurde das Thema drängender. In «Do Androids Dream of Electric Sheep?» basiert die Religion auf einem kleinen Gerät, das die Gläubigen im gemeinsamen Leiden verbindet, als wären sie alle Jesus am Kreuz. «A Maze of Death» präsentiert eine ganze Reihe von Göttern, die per Funkkontakt erreichbar sind.

Etwas von den religiösen Erlebnissen vom Frühling 1974 blieb an Philip K. Dick hängen. Er fühlte sich nicht mehr so isoliert. Zum ersten Mal genoss er es, allein zu leben, wenn auch mit regelmässigem Besuch von Freunden, seiner Exfrau Tessa und von Sohn Christopher. Jede Nacht schrieb er an seiner «Exegesis». Am Schluss hatte sie 8000 Seiten. Dick war erschöpft. Im Februar 1982 erlitt er mehrere Schlaganfälle. Am 2. März starb er an Herzversagen. Er war erst 53 Jahre alt.

Was bleibt?

Wo stand Dick politisch? Einerseits fühlte er sich als Rebell. Er sympathisierte mit den Bürgerrechtsbewegungen, hasste Präsident Richard Nixon und fürchtete, dass sich die US-Gesellschaft in eine totalitäre Richtung bewegte. Sein Roman «Flow My Tears, the Policeman Said» zeigt die USA als einen Staat, in dem schwarze Paare nur noch ein Kind haben dürfen, politische GegnerInnen erschossen oder in Zwangsarbeitslager gesteckt werden und sich die rebellischen StudentInnen unter ihren Universitäten verbunkert haben. Doch Dick blieb ein kritischer «Liberal», grenzte sich ab von kommunistischen Ideen und reagierte ziemlich grantig, als französische KritikerInnen seine Bücher marxistisch interpretierten. Dass Dick auch linksradikale DenkerInnen beschäftigte, erstaunt allerdings nicht. Ein wiederkehrendes Element in seinen Geschichten ist die unheimliche Beständigkeit des Kapitalismus: Er existiert auch noch weiter, wenn der Rest der Realität längst auseinandergefallen ist. In «Palmer Eldritch» debattiert Firmenboss Leo Bulero noch über Geschäftsbeziehungen, als er in einer Fantasiewelt feststeckt, bedroht von Riesenratten und knöchelbeissenden Kleinmonstern. In «Ubik» gibt es auch in der Halbwelt zwischen Leben und Tod Shoppingcenter und Werbespots - und ihre Botschaften zeigen möglicherweise einen Weg aus dem Schlamassel.

Werbespots, Slogans, Schlagzeilen sind wichtig in Dicks Universum. Manchmal spielen sie eine subversive, befreiende Rolle, häufiger aber dienen sie der Unterdrückung und Macht. Das ist ein zweiter beunruhigender Aspekt seines Werkes: Er sah deutlich, wie die Medien die Realität immer mehr nicht nur dokumentieren, sondern überhaupt erst herstellen - beziehungsweise das, was für Realität gehalten wird. «Als ob wir nur so lange real wären, wie die ‹Times› über uns schreibt; als ob unsere Existenz davon abhinge», denkt ein Protagonist in der Kurzgeschichte «If There Was No Benny Cemoli», die von Medienmanipulation handelt. Dick sah sehr deutlich die Gefahr von technischen Entwicklungen und Massenmedien für die individuellen und kollektiven Freiheiten.

Was bleibt von Philip K. Dick 25 Jahre nach seinem Tod? Neben grossartiger Unterhaltung und Stoff für Dissertationen - weltweit müssen es inzwischen über hundert sein - bleibt diese unheimliche, zunehmende Ähnlichkeit zwischen seiner und unserer Welt. Dick war einer der Ersten, die das Medienzeitalter in seiner ganzen Verwirrlichkeit erfassten und der Verwirrung nicht auswichen. Trotzdem wurde Dick nicht von postmoderner Gleichgültigkeit erfasst. Dazu waren seine moralischen Überzeugungen zu stark. Die Frage «Was ist menschlich?», die ihn neben der Frage «Was ist wirklich?» am tiefsten beschäftigte, beantwortete er immer wieder mit seinem Credo: Menschlich sind Güte (kindness) und die Fähigkeit zur Empathie. Dazu schrieb er schon 1953 eine schöne kleine Geschichte: Ein Mann kommt zurück von einem fernen Planeten. Seine Frau erkennt ihn nicht wieder: Vorher war er kalt und rücksichtslos, jetzt ist er der freundlichste Ehemann, den sie sich vorstellen kann. Er will Kinder und macht ihr Liebeserklärungen in altmodischer Sprache. Es stellt sich heraus, dass eine ausserirdische Lebensform den Körper des Mannes übernommen hat. Seine alte, kalte Identität ist auf dem fernen Planeten zurückgeblieben. Um sie zurückzuholen und den ausserirdischen Eindringling vernichten zu dürfen, verlangt das Gesetz eine Zeugenaussage der Frau. Doch sie sagt: «Ich habe keine Veränderung bemerkt.»

Die Titel der deutschen Übersetzungen von Dicks Werk variieren bei verschiedenen Ausgaben, daher werden in diesem Text die englischen Originaltitel angegeben.

Aus WOZ Nr. 14/82 (7. April 1982):

Zum Tod von Philip K. Dick (1928-1982)

Amerikas bester Science-Fiction-Schriftsteller ist gestorben. Nein, nicht Heinlein, der reaktionäre Technokrat, nicht Asimov, der wissenschaftsgläubige Liberale, nicht Bradbury, der frühgrüne Nostalgiker, auch nicht Vonnegut, der literaturfähig gewordene Parodist - Philip K. Dick ist gemeint, der zeitlebens (und auch anlässlich seines Todes) von den Weltraumpropagandisten der Nasa genauso ignoriert wurde wie von der respektablen Literaturkritik. Weil er eben in kein Schema passte, weder in das der Zukunftslobby noch in das der Verteidiger längst diskreditierter kultureller Werte. Für beides war die Zeit vorbei, das wusste Philip K. Dick früher als die meisten. In seinem wohl immer noch bekanntesten Roman, «The Man in the High Castle» (Gewinner des Science-Fiction-Oscar «Hugo» 1962), stellte er sich eine Welt vor, in der die Deutschen und Japaner den Zweiten Weltkrieg gewonnen haben. Aber da gibt es auch noch ein Buch im Buch, «The Grasshopper Lies Heavy», da haben die Alliierten gewonnen - und das im japanisch besetzten Kalifornien vielkonsultierte I Ching, das Orakelbuch (es soll auch in unserer Wirklichkeit Fans haben), gibt die Auskunft, das Buch und nicht die Wirklichkeit habe Recht. Also welche Wirklichkeit jetzt? Will Dick etwa sagen, sein Buch habe Recht und eigentlich hätten die Nazis gewonnen? 1985 ein Deutscher auf dem Mars statt einem Yankee? Kommts drauf an?

Das ist die Ebene, auf der Philip K. Dick arbeitete: Die Konturen des Vertrauens verschwimmen, dahinter tauchen beängstigende Scheinwelten auf, die sich zu böser Letzt als nur allzu vertraut erweisen. In einer der frühesten Kurzgeschichten («lmpostor», 1953) muss ein Mann beweisen, dass er nicht die menschenähnlich gestaltete Zeitbombe einer ausserirdischen Rasse ist; es gelingt ihm - fast, da kommt er selbst zur Einsicht, dass er der gesuchte Betrüger sein muss … und er explodiert. Wir sind nicht die, die wir zu sein glauben, diese Erfahrung muss wie eine Explosion wirken, und es ist Dicks grosses Verdienst, dass er innerhalb der so oft rassistischen und überhaupt menschenfeindlichen US-Science-Fiction dem utopischen Verständnis für das Andersartige (auch in uns selbst) wieder zum Durchbruch verholfen hat. Kein ausserirdisches Wesen, kein Roboter, kein Tier, kein Kind, keine Frau gibt es in Dicks Romanen, denen nicht sein ungeteiltes Mitgefühl gehören würde; da gibt es prinzipiell keine Guten und Bösen oder, besser gesagt, auch die Bösen (zumeist Träger und Ausübende von Macht) werden in ihrer Verstrickung in ein kaputtes Leben gezeigt. Wer hingegen durchweg fehlt, sind die Superhelden à la Flash Gordon und Captain Future, für sie hat es in sämtlichen Dick’schen Universen keinen Platz, und das weist ihn aus als das, was er im Grunde ist: ein unerbittlicher Realist, realistischer als manche Schriftsteller der «gewöhnlichen Literatur». Wenn seine Geschichten mitunter so schmerzhaft sind, dann weil sich in ihnen die Wünsche so wenig erfüllen wie im Alltag.

Dabei kommt Philip K. Dick durchaus aus der (vermeintlich) trivialen Science-Fiction der Heftromane und Fanmagazine; mit zwölf Jahren hat er aus Versehen eine Nummer von «Stirring Science Stories» statt «Popular Science» gekauft, und von da an war er verkauft. Im Gegensatz zu anderen SF-Autoren las er allerdings auch anderes: Joyce, Kafka, Proust, Steinbeck, Dos Passos. Als er zu schreiben begann, Anfang der fünfziger Jahre (er war Plattenverkäufer in der «klassischen» Abteilung), da bot er seine Sachen überall an, doch nur die SF-Magazine wollten etwas davon wissen, und auch da oft bloss die «billigeren» (das heisst schlechter zahlenden). Der erste Roman, «Solar Lottery» (deutsch: «Hauptgewinn die Erde»), kam 1955 bei Ace Books heraus, dem amerikanischen Äquivalent von Schundverlagen wie Pabel und Bastei - und entsprechend waren auch bis in die siebziger Jahre hinein die deutschen Übersetzungen seiner Bücher. Von 1955 bis 1964 entstanden etwa zwanzig Science-Fiction-Romane, daneben ein Dutzend «experimentelle Romane», von denen - fast unnötig zu betonen - kein Verlag etwas wissen wollte. Erstens war Dick unterdessen wohl oder übel als SF-Spezialist verrufen, und zweitens hatte er eine, gemessen an respektablen literarischen Gepflogenheiten, seltsame Auffassung von der Schreibarbeit. In einem Brief an den renommierten Verlag Harcourt, Brace & Co erklärte er: «Die intuitive (Gestalt-)Methode, nach der ich arbeite, lässt mich das Ganze auf einmal sehen … Mozart hat so operiert. Das Problem für ihn war einfach, alles niederzuschreiben. Wenn er lange genug lebte, gelang es; wenn nicht, dann nicht. Mit andern Worten besteht meine Arbeit für mich (aber nicht für euch) darin, das schriftlich zu fixieren, was in meinem Kopf schon existiert; meine Methode war es bis jetzt, immer vollständigere Notizen anzulegen … Ich glaube, ich brauche jeweils etwa 60000 Wörter, um meine ursprüngliche Idee in ihrer Vollständigkeit niederzuschreiben.»

Rationalisierungen eines chronischen Vielschreibers? Denn das war er geworden, gezwungenermassen - wer von SF auch nur halbwegs leben wollte, musste damals seine drei, vier Romane pro Jahr abliefern, zu einem halben oder auch ganzen Cent pro Wort. Später hat Dick zugegeben, dass er seine frühen Romane zum grössten Teil unter Speed (Amphetaminen) schrieb. Kann so grosse Literatur entstehen? Normalerweise kaum, aber Dick war alles andere als normal. Vielleicht genügt es nicht, ein beliebiges Buch von ihm zu lesen; aber wer sich mehrere hintereinander zu Gemüte führt, dem beginnt zu schwindeln: Welten hinter Welten türmen sich auf, und über allem die bange Frage: Wer bin «ich» eigentlich? Sehe ich die gleiche Wirklichkeit wie die andern? Gibt es «die andern» eigentlich? Oder mit dem altchinesischen Philosophenrätsel ausgedrückt: Wenn ich im Traum ein Schmetterling bin, wer sagt mir dann, dass nicht der Schmetterling mich träumt? Von daher auch Dicks Liebe zu (und brillante Handhabung von) Zeitparadoxen, in Romanen wie «Martian Time-Slip», «Counter-Clock World» und «Now Wait for Last Year». «Niemand bemerkt, dass wir unsern eigenen einheimischen Borges haben seit dreissig Jahren», meinte die überaus intelligente (und literarisch im konventionellen Sinn «anspruchsvolle») SF-Märchenerzählerin Ursula LeGuin.

Seit Dicks schmerzlichen Erfahrungen mit der kalifornischen Drogenkultur und dem FBI hat er immer weniger Kompromisse gemacht an die Klischees der Science-Fiction-Genres, hat immer offensichtlicher über sich selbst und die Menschen seiner Umgebung geschrieben. Zwischen den «realistischen» «Confessions of a Crap Artist» (Geständnisse eines Mistkünstlers) und den neuesten SF-Romanen wie «Valis» besteht jedoch kein grosser Unterschied mehr: Hier wie dort geht es um die Grenze zwischen Realitätssinn und Wahnsinn, um einen existentiellen Zweifel, der nicht weniger Ernst ist, nur weil er sich in anderen als den akzeptierten literarischen Formen ausdrückt. In «Valis» erzählt Philip Dick von seinem Freund Horselover Fat (Philipp ist griechisch und heisst «Pferdeliebhaber»), der sich im Lauf des Buchs als Einbildung seines Autors herausstellt. Aber damit ist Dick, der Autor, nicht geheilt - am Schluss ist Fat wieder da, wie auch Dicks alte Probleme. Zugleich ist «Valis», wie jeder anständige SF-Roman, ein grandioser Welterklärungsversuch, der an Ingeniosität unseren Schweizer «Weltgeist Superstar» um einige Längen schlägt - ohne dass man als Leser auch nur ein Wort davon ernst nehmen müsste. Ernst nehmen muss der Leser hingegen die Menschen in Dicks Büchern, denn was immer seine Schwächen waren, sein immer funktionierendes Organ war das Mitgefühl, darum war er auch nie zu haben für blosse Satire oder Parodie. Philosophische Probleme stellen sich den sogenannt «einfachen Gemütern» nicht weniger drängend als den Gebildeten, ihren Verächtern, das war seine feste Überzeugung; und analog können wir daraus lernen, dass Literatur nicht nur in den Treibhäusern der Hochkultur gedeiht, sondern auch - vielleicht kräftiger noch - auf den Miststöcken der «Trivialgenres». Hammett oder Chandler sind längst entdeckt und verdaut; Philip K. Dick bleibt zu lesen.

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