Nr. 49/2020 vom 03.12.2020

Für die wilde Landschaft

Von Bettina Dyttrich

Der Unteraargletscher schmilzt. Doch die Landschaft, die er hinterlässt, hat eine ganz eigene Schönheit: Die junge Aare fliesst hier zwischen Kiesflächen, Tümpeln, Moos und Flechten durch eine Art Tundra, bis sie in den Grimselstausee mündet. Am Nordufer des Stausees liegt zudem eine geschützte Moorlandschaft.

Dürfen die Kraftwerke Oberhasli (KWO) die Staumauer erhöhen und einen Teil dieser Landschaft zerstören? Der Rechtsstreit darüber dauert schon Jahre. Das Bundesgericht hat nun eine Beschwerde der Umweltorganisationen Aqua Viva und Greina-Stiftung gutgeheissen. Es fordert den Berner Regierungsrat auf, die Sache neu zu beurteilen. Die Erweiterung des Stausees brauche eine Grundlage im kantonalen Richtplan, schreibt das Bundesgericht. Bisher fehle «jegliche Auseinandersetzung mit den dem Projekt entgegenstehenden Interessen des Natur- und Landschaftsschutzes». Und das Gletschervorfeld, potenziell eine Aue von nationaler Bedeutung, sei bisher nicht berücksichtigt worden.

Überraschend ist, dass sich das Bundesgericht auch zu einem zweiten Projekt der KWO äussert: zum geplanten Triftstausee. «Es wird zu entscheiden sein, ob ein überwiegendes öffentliches Interesse an der Realisierung beider Projekte besteht oder ob nur eines davon oder keines zu verwirklichen ist.» Im Gegensatz zum Grimselgebiet ist die Trift noch nicht durch die Wasserkraftnutzung beeinträchtigt. Trotzdem steht sie nicht unter Schutz. Darum wehren sich die grossen Umweltverbände hier auch nicht gegen die Pläne. Nur Aqua Viva und der lokale Grimselverein sind hartnäckig dagegen. Der Berner Grosse Rat befürwortet das Projekt mit grosser Mehrheit und hätte in diesen Tagen die Konzession für das Kraftwerkprojekt erteilt; der Bundesgerichtsentscheid hat dies nun gestoppt.

«Wir sind froh über das Urteil», sagt Katharina von Steiger vom Grimselverein. Damit werde eine breite Debatte möglich. «Immer mehr Leute verstehen, dass wir einen Landschafts- und Wildnisnotstand haben, und Alternativen zu neuen Stauseen werden immer günstiger.» Um die letzten wilden Bäche zu schützen, propagiert der Grimselverein mehr Solaranlagen in Bauzonen und die Stromspeicherung mit Methoden wie Power to Gas.

Nachtrag zum Artikel «Trittfest gegen den Staudamm» in WOZ Nr. 47/2020.

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