Nr. 50/2020 vom 10.12.2020

Was bewirken die Trolle?

Kommentarspalten liefern eine Geräuschkulisse für den gesellschaftlichen Diskurs. Welche Manipulationsmacht Bots und Astroturfer aber bekommen, hängt nicht zuletzt von den Onlinemedien selbst ab.

Von Donat Kaufmann

Pepe der Frosch, eigentlich Identifikationsfigur rechter Trolle: Hier zu sehen an einer Demonstration in Hongkong, 2019. Foto: Ivan Abreu, Getty

Neulich in der Kommentarspalte eines hochfrequentierten Onlinemediums: Man dürfe kein Wort glauben, das in diesem Artikel stehe, schreibt User Space_Pi. «Die Masken nehmen UNS die FREIHEIT weg. China will uns abhängig machen!! Denn wo kaufen wir die Masken ein? In CHINA!!!» Dazu ein Link, der Chinas Strategie belegen soll. Der Kommentar taucht weiter unten ein zweites Mal auf, in leicht abgeänderter Form. Dann ein drittes, ein viertes Mal. Es dauert lange, bis das Moderationsteam eingreift und die Kommentare löscht. War es ein Bot? Oder doch eine unmittelbar aufgebrachte Person? Handelte sie einmalig, oder tut sie tagelang nichts anderes? Wird sie für solche Beiträge bezahlt, oder agierte sie aus Überzeugung?

Foren von Onlinemedien sind notorisch prekäre Orte; mit Corona haben sie gerade wieder Hochkonjunktur. Rund viermal mehr als üblich sei während des Lockdowns zu Spitzenzeiten kommentiert worden, berichtet die Zürcher Forschungsstelle Sotomo. Zwischen März und Mai habe sich der Tonfall zudem merklich verschärft. MaskenskeptikerInnen erzeugten in den vergangenen Monaten besonders viel Lärm in diesen gesellschaftlichen Resonanzräumen. Hier tummeln sich am politischen Diskurs interessierte Leserinnen, Wutbürger, Personen, deren einziges Ziel das Verhindern eines konstruktiven Dialogs ist (Trolle), und solche, die im Auftrag von wirtschaftlichen oder politischen Akteuren versuchen, die öffentliche Wahrnehmung zu steuern (Astroturfer).

Kommentarspalten liefern eine Geräuschkulisse für den gesellschaftlichen Diskurs, doch wie viel Aufmerksamkeit soll ihnen geschenkt werden? Wie relevant sind sie für die Meinungsbildung und wie anfällig für politische Einflussnahme? Werden bald viel weniger Leute Masken tragen, wenn in den Kommentaren unter den Artikeln nur konsequent genug dagegen angeschrieben wird?

Die eigene Haltung bestärkt

Klammert man die sozialen Medien aus, so wird in der Schweiz nirgends so rege drauflos kommentiert wie auf 20min.ch. Gemäss eigenen Angaben sind es täglich 12 000 Kommentare (blick.ch und nau.ch kommen auf jeweils 7000). Das sind viele, doch im Verhältnis zur LeserInnenschaft von 1,8 Millionen noch immer weniger als ein Prozent. Eine Studie des Instituts für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Uni Zürich macht deutlich, dass sich diese kleine Gruppe wiederum aus einem hartgesottenen Kern von Mitteilungswütigen und einer grossen Mehrheit von einmalig Kommentierenden zusammensetzt. Gerade für Letztere dürften Kommentarspalten auch das sein, was «20 Minuten»-Chefredaktor Gaudenz Looser einmal als «gesellschaftlichen Blitzableiter» bezeichnete. Hier werden kurzzeitig überbordende Emotionen kanalisiert.

Wie viele Menschen lesen mit, ohne sich selbst aktiv zu beteiligen? Darüber kursieren unterschiedliche Zahlen. Bei Abstimmungen sind es gemäss Voto-Nachbefragungen jeweils etwa sechzig Prozent der Teilnehmenden, wie Thomas Milic vom Zentrum für Demokratie Aarau (ZDA) auf Anfrage schreibt. Zumindest während der Zeit intensiver politischer Meinungsbildung also finden Kommentare eine beachtliche LeserInnenschaft. Für Milic gelten Kommentare als eines von vielen «Informationsbits», aus denen sich eine Meinung zusammensetzen kann. Ihre potenzielle Wirkung sieht er darin, dass sich WählerInnen über Kommentare in der eigenen Haltung bestärken. Von anderen zu lesen, was man selbst ahnt, gebe einem die Gewissheit, mit der eigenen Meinung nicht alleine dazustehen.

Dies ist gerade für Personen wichtig, die ihre Haltung nicht in den Artikeln abgebildet finden. In den Kommentaren kann sich eine Gegenrealität etablieren. «Gibt es viele Kommentare für eine Minderheitsmeinung und diese werden nicht allzu hart angegriffen, so scheint diese Position sozial verträglicher», sagt Martin Wettstein vom Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung. «Wenn man ohnehin in diese Richtung tendiert und nur wegen sozialer Normen Hemmungen hatte, werden diese abgebaut.»

Die Bekehrten aktivieren

Kommentarspalten könnten zudem dazu beitragen, homogene Netzwerke entstehen zu lassen, indem KommentatorInnen über gegenseitiges Antworten und Verlinken engmaschige Netzwerke oder gar formale Verbindungen wie Freundschaften aufbauen, in denen die eigene Meinung akzeptiert und die gegenteilige geächtet ist. Besteht aber auch die Möglichkeit, dass MaskenskeptikerInnen wie Space_Pi aufgrund ihrer Überpräsenz als derart mächtige Stimme wahrgenommen werden, dass sie Mitlesende ausserhalb ihrer Bubble anstecken?

«Nein, so extrem wird das nicht funktionieren», sagt Wettstein. Wie stark Onlinekommentare auch Menschen ohne Affinität für die geäusserte Position beeinflussen können, hängt entscheidend von der allgemeinen Informationsdichte ab. Je mehr unterschiedliche Quellen verfügbar sind, desto weniger fallen die Kommentare ins Gewicht, da Informationen bewusst und unbewusst über unterschiedlichste Kanäle aufgenommen werden und sich zu einer Voreinstellung festigen. «Eine solche zu ändern, gelingt mit Kommentaren kaum.» In Bezug auf Corona sind zwar viele Aspekte neu, die Informationsdichte aber ist gewaltig. Bei gänzlich unbekannten Themen dagegen seien der Artikel und die Kommentare die einzigen Hinweise darauf, worum es eigentlich geht, wie die Leute darüber denken und wo es einen möglichen Konflikt gibt, so Wettstein. «Da wirken Kommentare.»

Mit ihren Beiträgen mobilisieren Space_Pi und Co. also wahrscheinlich jene Menschen, die ohnehin bereits mit einem Bein im Team sind, zum Beispiel, weil sie Corona seit Beginn für eine Lüge halten, weil sie in China schon seit Jahren eine Gefahr sehen oder weil sie sich schon seit langem gegen Impfungen aussprechen. Ins Gewicht fallen kann diese Aktivierung, wenn eine anstehende Wahl buchstäblich von jeder Stimme abhängt und es darum geht, die Voreinstellungen der WählerInnen anzusprechen und sie zur Wahl (oder Abwahl) zu bewegen.

Einflussreicher sind User wie Space_Pi wohl auf struktureller Ebene, denn ihre Emotionen sind wichtig fürs Geschäft. Hohe Kommentarzahlen befeuern die Reichweite respektive die Werbeeinnahmen von Onlinemedien. Aus journalistischer und damit demokratiepolitischer Sicht ist das heikel. Oberflächliche Artikel werden weitaus öfter geteilt und kommentiert als einordnende Beiträge, wie eine von der Universität Münster in Auftrag gegebene Studie kürzlich zeigte. Die Forschenden analysierten hierfür die Facebook-Auftritte von fünf Schweizer Medien. Mehrere Arbeiten legen zudem nahe, dass anhaltend negative Kommentare die Glaubwürdigkeit journalistischer Arbeit abschwächen können – auch bekannt als «Nasty Effect».

Bessere Kultur dank Moderation

Ausgerechnet das reichweitenstärkste Medium in der Schweiz, «20 Minuten», wagt einen wahnwitzigen Spagat: Es verfügt über die grösste Meinungsmacht, ordnet gemäss dem Jahrbuch «Qualität der Medien» Inhalte kaum ein und bewirtschaftet dafür seine Kommentarspalte am sorglosesten. Während sich auf blick.ch, tages-anzeiger.ch oder watson.ch zumindest registrieren muss, wer mitdiskutieren will, kann man auf 20min.ch einfach drauflos schreiben – motiviert vom Ranking der meistkommentierten Artikel gleich neben der Titelstory. Dass es immer wieder zu wüsten Übertretungen kommt, wird in Kauf genommen. Man sehe aber den Handlungsbedarf, schreibt die Pressestelle: «Aufgrund der grossen Anzahl Hasskommentare und des grösser werdenden Problems der Bots denken wir derzeit tatsächlich über die Einführung einer Registrierungspflicht für Kommentator*innen nach.» Dass dies nützt, meldet zum Beispiel der «Blick»: Seit man enger moderiere, habe sich die Diskussionskultur merklich verbessert.

Aufmerksam moderierte Kommentarspalten sind wertvoll – ob als niederschwelliges Angebot für gesellschaftliche Teilhabe oder als Fenster in fremde, teils unangenehme Realitäten. Über Kommentarspalten treten Befindlichkeiten und Konflikte, die sonst wohl noch konsequenter in anonymen, gänzlich unmoderierten Gruppen auf Messengerdiensten wie Telegram platziert würden, öffentlich zutage. «20 Minuten»-Chefredaktor Gaudenz Looser formuliert also durchaus treffend, wenn er Kommentarspalten als «gesellschaftliche Blitzableiter» bezeichnet. Es stellt sich aber die Frage, wie viele Blitze noch abgeleitet werden müssten, wenn die Stimmung nicht immer derart mit reisserischen Schlagzeilen aufgeladen würde.

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