Nr. 14/2021 vom 08.04.2021

Mit dem Tod leben lernen

Ruedi Widmer über Levrat, esoterische Steingärten und seine neue Skepsis

Von Ruedi Widmer

An Ostern ist Thomas Gottsteins Sohn auf Erden, Urs Rohner, so gut wie gestorben. Ob er wieder aufersteht, sehen wir spätestens an der Credit-Suisse-Aktionärsversammlung zu Pfingsten.

Christian Levrat ist nun Oberpöstler der Schweiz. Bundesrätin Sommaruga hatte niemand anderen zur Hand; es war noch zu früh, um Alain Berset weiterzuvermitteln. Aber vielleicht wäre Roger Federer aus bürgerlicher Sicht als Postchef besser.

Das Bürgertum findet hundert Jahre nach dem St. Galler Jugendstil den St. Galler Jugendkrawall chic, und es wird medial viel Verständnis für Molotowcocktails werfende Jugendliche gezeigt. Es würde sich allerdings lohnen, auch wieder mal den Blick auf die wesentlich grösseren freitäglichen Demos der Jugend in der ganzen Schweiz zu heften und die Probleme kommender Generationen lieber im Parlament ernst zu nehmen als auf der sonntagszeitlichen Beizenterrasse.

Medienkritik: Das Problem beim neuen «Nebelspalter» ist, dass Satire und boulevardeske Berichterstattung nebeneinander nicht funktionieren, weil sie sich zu ähnlich sind und deshalb gegenseitig pulverisieren. Und wenn eine Satirezeitschrift auch noch einen 1.-April-Witz macht, dann ist Hopfen und Malz verloren. Überhaupt hat Chefredaktor Markus Somm die jeweils Merkel unterstellte Fantasie des «Bevölkerungsaustauschs» selber konsequent durchgezogen. Bereits drei Wochen nach Start ist die Leserschaft komplett durch eine andere (SVP Sektion Rubikon, 34 Mitglieder) abgelöst worden, die es nicht stört, wenn die Redaktion Links zu Twitterbeiträgen unbeteiligter Karikaturisten setzt und Memes leicht umgestaltet gleich mal eins zu eins bei der «Titanic»-Partei Die Partei klaut. Aber statt die Eindringlinge aus anderen Kulturkreisen (Autobranche, Steuerhinterziehungsbranche) mit Molotowcocktails zu bewerfen, hat die alteingesessene Nebelspalterbevölkerung ihre Heimat fluchtartig verlassen. Das Ganze ist ein kulturelles Trauerspiel sondergleichen. Man wird bald Somm am Krankenbett sitzen sehen, in dem der «Nebelspalter» nach Luft ringt. Schliesslich müssen wir wieder lernen, mit dem Tod zu leben. Ob die 146-jährige Zeitschrift an oder mit Somm stirbt, sehen wir demnächst.

Markus Somm könnte danach von Bundesrat Blocher an die Spitze der «Weltwoche» berufen werden.

Immer mehr Gemeinden verbieten Steingärten. Die oft esoterisch angehauchten und teilweise an Stonehenge gemahnenden Steinhaufen sind aber der ideale Nistplatz für den gemeinen Coronademonstranten. Zuerst in der inneren Einkehr meditativ die Kraft der Steine spüren, um sie nachher auf Polizistinnen und Journalisten zu werfen. Man kann von den Querdenkern halten, was man will, aber man muss auch einige ihrer Erkenntnisse anerkennen. Zu den grössten wissenschaftlichen Leistungen der Querdenkerbewegung gehört sicher die Entdeckung der Emoji-Funktionen in den sozialen Medien (unten links).

Handkehrum bin ich selber auch skeptischer als früher, weniger der Form der Erde als der Hohepriesterschaft der Medizin gegenüber. Ich bin nämlich der Meinung, dass wir innerlich gar nicht aussehen wie in den Medizinbüchern beschrieben. Nichts mit Magen, Herz, Darm, Blutbahnen und Coronaviren. Da könnte geradeso gut etwas anderes in unseren Körpern sein. Denn wer hat sich schon jemals selber aufgeschnitten (Bauch oder sogar den Kopf), um zu gucken, was da ist? Eben. Immer ist in solchen Fällen einE ÄrztIn dabei, und immer wird man unter Narkose gesetzt. DAMIT man die Wirklichkeit nicht zu Gesicht bekommt!

Ich glaube auch nicht, dass wir ein Gehirn haben. Das wäre viel zu gefährlich, denn dann könnten wir selber denken!

Ruedi Widmer ist der Postchef seiner Facebook-Seite.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch