Nr. 03/2021 vom 21.01.2021

Arbeiten ja, Freizeit nein?

Von Anna JikharevaMail an Autor:in

Was, wenn die Pandemie bald Geschichte wäre? Wenn das Sterben aufhörte, die Älteren nicht mehr für Profite geopfert würden, wenn die Prekären ihre Gesundheit nicht mehr aufs Spiel setzen müssten, damit die Wirtschaft läuft? Was, wenn ein Umdenken einsetzte, wenn statt zermürbendem Stop and Go aus Lockern und Lockdown staatliches Handeln darauf abzielte, das Virus vollständig zu kontrollieren? Und Impfstoffe nicht das Privileg der Reichen wären, sondern für alle erschwinglich?

Fragen wie diese haben zuletzt viele nicht mehr zu stellen gewagt, verloren zwischen Ermüdung und Sorge, Apathie und Wut blieb Grundsätzliches oft aussen vor. Ein Jahr Pandemie. Die Stille durchbrochen hat nun der Aufruf «Zero Covid»: Wissenschaftler und Klimaaktivistinnen, linke Intellektuelle und PolitikerInnen, Menschen aus Gesundheitsbereich und Gewerkschaften rufen nach einem «solidarischen europäischen Shutdown», einer Pause vom Wahnsinn. Innert weniger Tage haben 75 000 den Appell unterschrieben.

Im ersten Moment tönt «Zero Covid» so klar wie utopisch: Die Ansteckungen sollen runter – auf null oder zumindest möglichst tief. Statt die Freizeit zu verbieten, wie es viele europäische Regierungen tun, sollen nicht notwendige Fabriken und Betriebe für einige Wochen stillstehen. Für jene, die der Shutdown am stärksten trifft – Obdachlose und Geflüchtete, Menschen mit niedrigem Lohn und in beengten Wohnungen –, braucht es Unterstützung, der Gesundheitssektor soll ausgebaut, Impfstoff der Profiterzielung entzogen werden.

Finanzieren soll diese Pause eine europaweite «Solidaritätsabgabe»: Statt dass die Armen die Krise schultern, sollen die Reichen, deren Vermögen zuletzt um fast dreissig Prozent stieg, sie bezahlen. Ein linker Weg aus der Pandemiesackgasse. Alles völlig unrealistisch? Dass das vermeintlich Machbare oftmals nicht ausreicht, zeigt die Klimakrise.

Dass «Zero Covid» epidemiologisch durchaus machbar ist, sagen ExpertInnen schon lange. Oder andersrum: Das eigentlich Unrealistische ist die halbherzige wie widersprüchliche Strategie, die uns erst in diese Lage brachte. Bleibt es dabei, werden mehr Menschen sterben oder für lange Zeit Schaden nehmen. Und das Fehlen einer klaren Ausstiegsperspektive führt bloss zu mehr psychischem Leid: Vereinsamung unter Leistungsdruck.

Man müsse «die Denkweise umkehren», sagte der Physiker Michael Meyer-Hermann im Deutschlandfunk: Statt immer nur auf steigende Fallzahlen zu reagieren, brauche es proaktives Handeln. Für diesen Wechsel sprachen sich schon im Dezember 300 WissenschaftlerInnen in ganz Europa aus, diese Woche legten ExpertInnen einen detaillierten Plan vor. Ein Beispiel darin: wie es die Millionenstadt Melbourne schaffte, auf null zu kommen.

Linke KritikerInnen der Aktion monierten: Ohne Repression sei die solidarische Pause nicht zu haben. «Der Aufruf wendet sich offensichtlich an den Staat, aber dieser Staat sollte nicht in seiner autoritären Tendenz verstärkt werden», schrieb etwa der Soziologe Alex Demirovic. Ohne Einbindung des Staates ist die Pandemiebekämpfung allerdings nicht zu haben. Und repressiv agiert dieser mit der faktischen Aussetzung von Grundrechten schon jetzt. Zu befürchten steht eher, dass die ökonomischen Verwerfungen durch den Shutdown später auf dem Rücken jener ausgetragen werden, die «Zero Covid» eigentlich schützen will.

Wertvoll ist der Aufruf als Intervention: in einen Diskurs, in dem es zwischen dem Mittragen der Massnahmen und Opposition bisher nur wenig gab. Als systematische Antwort auf die Krise eröffnet er dringend nötige Denkräume – nach langen Monaten der Pandemie, in denen der Lobbyismus der Bürgerlichen die Politik bestimmte. Sie erhoben Kapitalinteressen zur Maxime und opferten diesen Interessen Menschenleben.

Der utopische Funke von «Zero Covid» zündet darin, dass es dieses Primat der Wirtschaft umkehrt – arbeiten ja, Freizeit nein – und mit dem Arbeitsplatz jenen Ort der Ansteckung ins Visier nimmt, der bisher wenig diskutiert wurde. Die entscheidende Frage ist, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, wenn die Pandemie einmal Geschichte ist. «Zero Covid» liefert einen ersten Hinweis.

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