Nr. 07/2021 vom 18.02.2021

Nicht totzukriegen

Annette Hug beginnt mit «Finnegans Wake» von vorn

Von Annette Hug

Die Zeit steht gerade seltsam still und dehnt sich doch. Der Newsticker will hektische Gegenwart behaupten, bis ihn jemand ausschaltet. Geschichten, die fast unbewegt weit wegführen, entfalten einen sehr viel stärkeren Sog.

Der französische Historiker Fernand Braudel begann 1923 mit den Recherchen zu einem Buch, das er 1944 in deutscher Kriegsgefangenschaft zu Ende schrieb. Es ist eine Geschichte des Mittelmeers zur Zeit des spanischen Königs Philipp II. Allerdings interessierte sich Braudel nicht für Könige, sondern für Schneeschmelzen, Schifffahrt und die Versorgung von Küstenstädten. Er suchte nach den untergründigen Veränderungen: «Eine träge dahinfliessende Geschichte, in der die Dinge beharrlich wiederkehren und die Kreisläufe immer wieder neu beginnen.»

Auch die Literatur kennt solche «mächtigen und langsamen» Rhythmen. Das ist jeden Donnerstagabend in einer Finnegans-Wake-Lesegruppe der James-Joyce-Stiftung in Zürich zu erleben. Sie trotzt dem Kulturlockdown digital und wächst sogar. Der harte Kern hat 1986 begonnen, den letzten Roman von James Joyce Wort für Wort zu beraten, jede Woche eine Seite oder etwas mehr. Nach elf Jahren war man durch und begann von vorn.

Janosh, ein Elektroingenieur, der nach 1956 aus Ungarn in die Schweiz gezogen war, erzählte mir einmal bei einem Bier, dass er Woche für Woche zur Lesegruppe komme, obwohl sich ihm noch immer kein wirklicher Sinn erschliesse. Er freue sich, wenn er im Text ein verwandeltes Shakespeare- oder Opernzitat erkenne – dafür war er in der Gruppe berühmt –, und inzwischen wisse er schon im Voraus, was seine KollegInnen jeweils erläutern würden. Er finde einen gewissen Trost und Vertrautheit im geteilten Unverständnis.

Der Direktor der Joyce-Stiftung, Fritz Senn, der die Lesegruppe leitet, spricht von einem «communal text» – das Buch lasse sich nur in Gemeinschaft lesen. Im besten Fall gehen Wortwitz und Sprachlust von Joyce auf die LeserInnen über. Es wird viel gelacht in dieser Gruppe, die sich ständig erneuert. Kurz nachdem 2008 die zweite Runde zu Ende gegangen war, stiess ich selber dazu. Und nun, im Januar 2021, sind wir erneut auf der letzten Seite angelangt: Da vergeht Anna Livia Plurabelle, die auch ein Fluss ist, in einem Trauergesang, einer Anklage, sie geht ins Meer ein oder in den Tod. Traurig war der Ausklang auch, weil Erinnerungen aufkamen und jene mit Namen genannt wurden, die während der letzten Runde gestorben sind. Janosh selig. Mit einem Glas Whiskey vor dem Bildschirm wirkten doch alle sehr allein.

Dann ging der unvollständige letzte Satz des Buches in den Anfangssatz über, man musste weiterlesen. Die vierte Runde hat begonnen: Im ersten Kapitel fällt Tim Finnegan von einer Leiter und stirbt, aber an seiner Totenwache spritzt etwas Whiskey auf seinen Leib und erweckt ihn zu neuem Leben. Bereichert durch Stimmen, Notizen und Assoziationen von vergangenen Leseabenden, ist der Text eine Assemblage innerer Filme geworden, ein mehrstimmiges Chorwerk, das auf der ersten Seite unter anderem Tim Finnegan in Dublin und Huckleberry Finn in einem verdoppelten amerikanischen Doublin aufruft. Es fängt bei Adam und Eva an oder im «Eve and Adam’s»-Pub. Irgendwo. In allen Zeiten zugleich.

Annette Hug ist Autorin in Zürich. Sie freut sich über jüngere ForscherInnen, die das Feld der Joyce-Diskussionen durch einen scharfen Blick auf Geschlechterverwirrungen, postkoloniale Konstellationen und allerlei Wahnsinniges bereichern.

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