Nr. 08/2014 vom 20.02.2014

Auf Blooms Spuren

Von Ulrike Baureithel

Kein Autor hat – von Robert Musil oder Marcel Proust einmal abgesehen – seine LeserInnenschaft so herausgefordert und KollegInnen derartig inspiriert wie James Joyce mit seinem «Ulysses». Dem Anzeigenacquisiteur Leopold Bloom einen ereignislosen Tag lang durch Dublin zu folgen, ist die überaus lustvolle Tortur der Geniesser von Fleischextrakt, mit dem Kurt Tucholsky den Roman einmal despektierlich verglich: «Man kann es nicht essen. Aber es werden noch viele Suppen damit zubereitet werden.»

Nun hat auch der Zürcher Schriftsteller Reto Hänny ein «Süppchen» damit zubereitet – ein ganz besonderes. Dem Bloom seiner Joyce-Adaption folgt man gebannt aus dem Haus «in die Schlachterei vorn an der Ecke zum Frühstück sich eine Niere zu besorgen, für einmal, wenn auch nicht ganz koscher, eine Schweineniere», und von dort wieder heim wetzend, «damit er vielleicht noch ein Aug voll jenes wogenden Gangs des Dienstmädchens von nebenan erhaschen kann». Wie die Geschichte, in der natürlich auch der Alkohol eine Rolle spielt und eine fremdgehende Opernsängerin mit spanischem Blut, lässt sich in dem Bändchen «Blooms Schatten» weiterlesen, atemlos in einem einzigen Satz und eine Herausforderung wie einst sein Vorbild.

Ursprünglich wollte Hänny sein Sprachwerk nur aus den unveränderten Versatzstücken der Vorlage arbeiten, aber am Ende haben sich doch etliche Lektüreereignisse in den Text eingenistet, ein Text, der vielleicht laut gelesen werden muss, um seine gesamte musikalische Wirkung zu entfalten. Gelegenheit dazu werden «ExtraktkennerInnen» in einer Woche haben, wenn Hänny im Literaturhaus Zürich sein Prosastück vorstellt – und vielleicht auch davon erzählt, wie ihm James Joyce aus den legasthenischen Abgründen seiner Schulzeit geholfen hat. Das dürfte in der literarischen Welt allerdings einzig sein.

Reto Hänny liest und spricht mit Hans-Ulrich Müller-Schwefe und Urs Widmer am 26. Februar 2014 um 19.30 Uhr im Literaturhaus Zürich.

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