LeserInnenbriefe :

Nr.  7 –

Corona und Einkommen

«Unterstützung für Kulturschaffende: Durch den Dschungel der Entschädigungen», WOZ Nr. 6/2021

Das bedingungslose Grundeinkommen rückt näher. Wenn Restaurants, Cafés, Clubs, Kleinunternehmer, Boutiquen, Imbisse ihr Einkommen schon wochenlang, ja monatelang verlieren, gibt es keine Löhne mehr für die Angestellten und keine Einzahlungen für die Mieten.

Viele haben vor zwei Jahren in der Schweiz Rheinau belächelt, weil dieses nördliche Dörflein angrenzend an Deutschland über ein bedingungsloses Grundeinkommen abstimmte. In Zukunft werden wir einen solchen Schritt immer näher an uns heranlassen müssen. Corona, dieses Virus, macht uns nicht nur krank, sondern es zeigt auch auf, dass Solidarität kein leeres Wort ist, sondern Taten folgen lassen muss. Eben dann, wenn kein Einkommen aufscheint, die Steuern nicht mehr fliessen – und dann werden auch die Rentner und Rentnerinnen sich solidarisch zeigen müssen.

Trotz Viren um uns herum schwimmen wir noch im Überfluss, noch zehren wir von Milch und Honig, noch können Zahlungen da und dort beglichen werden. Der Staat täte gut daran, neuen sozialen Wirren entgegenzuwirken: bei Arbeitsausfällen in vielen Betrieben wegen Corona oder anderer unverhoffter Epidemien mit einer Existenzsicherung für die Schwächsten, für die Arbeitslosen, Familien, Alleinstehenden, Alten und Kranken, geistig oder körperlich Behinderten. Für diese Menschen wird es immer bedrohlicher in der Zukunft. Ein bedingungsloses, staatliches, demokratisches, solidarisches Grundeinkommen lässt Angst und Krankheit hinter sich.

Sebastien Reiterer, Rheinau

Mit Trump in Florida golfen

«Machtwechsel in den USA: Die Sache mit der Einigkeit», WOZ Nr. 4/2021

Wie Lotta Suter schreibt, hat der neue Präsident Joe Biden vieles aus der Ära Trump zurückgebaut. Wird unter Biden auch der astronomisch hohe US-Militärhaushalt reduziert, der zwischen Demokraten und Republikanern beschlossen wurde? Er hatte für 2021 mit über 778 Milliarden US-Dollar eine neue Rekordhöhe erreicht.

Ein «regime change» wäre, wie in den USA, auch in der Schweiz nötig. Die Bundesrätinnen und Bundesräte könnten dann mit Trump in Florida golfen.

Ein Bundesrat in einer neuen Zusammensetzung würde vielleicht dann den Atomwaffenverbotsvertrag ratifizieren. In der Schweiz haben nämlich beide Räte schon lange eine Motion angenommen, um «den Atomwaffenverbotsvertrag zu unterzeichnen und zu ratifizieren», der Nationalrat am 5. Juni 2018 und der Ständerat am 12. Dezember 2018. Dennoch hat sich die heutige Bundesratsmannschaft bisher geweigert, den Vertrag zu unterzeichnen.

Nach der Ratifizierung des Atomwaffenverbotsvertrags könnten dann eventuell auch die Investitionen der Schweizerischen Nationalbank, der Banken, Versicherungen und Pensionskassen in Firmen gestoppt werden, die verbotene Waffen wie Atombomben, Streubomben und Antipersonenminen herstellen. Nach dem Kriegsmaterialgesetz der Schweiz sind Investitionen in verbotene Waffen wie Atomwaffen, chemische Waffen, Streubomben und Antipersonenminen sowieso längst klar untersagt.

Heinrich Frei, Zürich

Unsozial und peinlich

«Die internationale Perspektive: ‹Es geht nicht bloss ums Überleben›», WOZ Nr. 4/2021

«Der Kampf um einen angemessenen Lohn: Wie viel Geld braucht man für ein gutes Leben?» Nach meiner Ansicht ist die Frage falsch gestellt. Wer ist denn «man»? Die Verwendung des neutralen Pronomens suggeriert, dass damit alle Leute gemeint sind. Das kann ja nicht sein. Während die einen im Monat 12 000 Franken oder mehr für ihr gutes Leben zur Verfügung haben, nehmen andere bloss 4000 Franken ein und kommen damit gut über die Runden, und noch andere leben mit bloss 2200 Franken. – Ein gutes Leben bedeutet nicht für alle das Gleiche. Welches «gute Leben» meint die WOZ?

Dass im zweitreichsten Land der Welt ein grosser Teil der Bevölkerung mit seinem Einkommen nur gerade knapp über die Runden kommt, immer mit vielen Einschränkungen, während eine absolute Minderheit sich in Luxus und Verschwendung suhlt (was nebenbei gesagt alles andere als nachhaltig ist), das halten die meisten Leute für unsozial, rückständig, peinlich.

Wie lange müssen wir eigentlich noch «ausrufen», bis dieser Missstand von der Politik endlich energisch angegangen und beseitigt wird? Manche vermuten ja, die Armut sei nicht ein beklagenswerter Kollateralschaden des liberalen Kapitalismus, sondern sie sei durchaus gewollt. Armut als – was?

Rosemarie Imhof, Allschwil

Von Biden bis zum Giftgas

«Hysterie in Suburbia», «Le Monde diplomatique», Februar 2021

Zum ersten Mal finde ich einen Artikel vom «Le Monde diplomatique» unter jedem Niveau. Er beginnt mit der Feststellung, Bidens Aufruf, die Wahrheit zu verteidigen und die Lügen zu bekämpfen, sei von einmaliger Dreistigkeit, schlängelt sich durch Grenzgebiete von Antirassismus, Cancel Culture und Political Correctness zum Höhepunkt: «Aber derzeit verfügt das konservative Lager nicht über die Waffen», um die andere Seite zum Schweigen zu bringen, denn «die kulturelle Legitimität liegt komplett bei der Koalition der Entsetzten». Das progressive Lager trage, statt sich «um die ökonomische Lage der weissen Arbeiterschaft zu kümmern», «Stickers mit der Aufschrift ‹Respektiert die Wissenschaft›». Das führe zu Verhältnissen wie im Kalten Krieg, als unter Kommunistenjäger Edgar Hoover «Verdächtigungen und Schuldzuweisungen praktisch jeden und jede treffen» konnten. Schliesslich vergleicht der Schreiber noch den Kampf gegen den Trumpismus mit der Kampagne von 1936 gegen die Wiederwahl Roosevelts, des Initianten des New Deal und des Sozialstaates in den USA, um mit der Drohung zu schliessen: «Wenn man Giftgas in der Hand und ein Ziel vor Augen hat, hält man das für eine grossartige Waffe, aber der Wind kann drehen – insbesondere in der Politik – und plötzlich kriegst du das Giftgas selbst ins Gesicht.»

Ich hoffe, wir müssen nie mehr einen Text von Thomas Frank in «Le Monde diplomatique» lesen.

Felix Schweiter, per E-Mail

Pandemischer Autoverkehr

Nach dem Waldsterben, dem Arten- und dem Gletschersterben nun das Menschensterben: Die Coronapandemie zwingt uns zum Nachdenken über Leben und Tod. Die Angst vor Ansteckung und Krankheit prägt unsern Alltag. Doch sind wir bereit, unsere Lebensweise zu ändern?

Immer wieder ist es die Wissenschaft, die Umweltveränderungen erklärt und nachweist, dass der Mensch selber Ursache gravierender Veränderungen ist. Das Artensterben gilt nebst der Klimakrise als grösste Bedrohung weltweit. Weil der Mensch den Planeten innerhalb kürzester Zeit verändert, haben Wissenschaftler das Zeitalter des Anthropozän ausgerufen.

Die Luftverschmutzung, die Langzeitbelastung durch toxische Feinstäube, ist ein bestimmender Faktor bei Atemwegserkrankungen. Die kleinen Partikel können sich mit Viren verbinden, direkt in Blutbahnen und Organe eindringen und Entzündungen auslösen.

Wir wissen alle, dass der motorisierte Verkehr am meisten toxische Feinstäube freisetzt und den Klimawandel beschleunigt. Er gefährdet unsere Gesundheit in hohem Mass. Deshalb muss man sich wundern, weshalb der Autoverkehr immer noch so viele Privilegien und Freiheiten besitzt, während Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft rigorose Massnahmen zur raschen Senkung der Fallzahlen beziehungsweise zum Schutz der Volksgesundheit ertragen müssen. Es wäre an der Zeit, dass wir uns Gedanken machen über Verhaltensänderungen mit langfristiger Wirkung. Und Forderungen der Klimajugend ernst nehmen.

Daniel Vonlanthen, Bern