Nr. 07/2021 vom 18.02.2021

Die Namen der Toten

Ein Jahr nach dem Anschlag in Hanau kämpfen Angehörige, Überlebende und UnterstützerInnen gegen das Vergessen. Viele Fragen rund um die rassistische Tat bleiben weiterhin unbeantwortet.

Von Sebastian Friedrich

Damit man sich nicht nur an den Täter erinnert: Gedenkdemonstration für die Opfer des Terroranschlags von Hanau in Berlin im August 2020. Foto: Omer Messinger, ddp Images

«Es erinnert mich an die Verstorbenen», sagt Jaweid Gholam. «Wenn ich ein Shirt mit den Namen der Ermordeten anhabe, ist es, als würden sie damit wenigstens ein bisschen weiterleben.» Auch Gholams Name hätte auf den T-Shirts stehen können. Am Abend des 19. Februar 2020 war er mit seinem Freund Ferhat Unvar im Jugendzentrum in Hanau-Kesselstadt, die beiden wollten noch kurz in die «Arena Bar», um ein Champions-League-Spiel zu schauen. Sie gingen gerade los, als Gholams Smartphone klingelte. Einer seiner Brüder lud ihn ein, das Spiel zu Hause zu schauen. Gholam verabschiedete sich von seinem Freund.

Der Anruf rettete Jaweid Gholam das Leben. Ferhat Unvar starb. Getötet von einem 43-Jährigen, der aus rassistischen Motiven zunächst drei Menschen in der Hanauer Innenstadt erschoss und anschliessend sechs weitere in und um die «Arena Bar». Danach tötete er seine Mutter und sich selbst in seinem Elternhaus – nur wenige Schritte vom Jugendzentrum entfernt.

Auf Wandbildern und Aufklebern

Seither stehen die Namen der Ermordeten im Zentrum des Gedenkens: Ferhat Unvar, Hamza Kurtovic, Said Nesar Hashemi, Vili Viorel Paun, Mercedes Kierpacz, Kaloyan Velkov, Fatih Saraçoglu, Sedat Gürbüz und Gökhan Gültekin. Zeitungsartikel und Kundgebungen beginnen mit ihnen. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel nennt sie demonstrativ in einer Folge ihres wöchentlichen Videopodcasts, in der sie an den Anschlag erinnert. Neben den Namen sind oft auch die Bilder der Getöteten zu sehen: als Sharepics in den sozialen Medien, Wandbilder und Graffiti im ganzen Land, auf Aufklebern an Strassenlaternen.

«Schon bei den ersten Trauerdemonstrationen wurden die Namen der Toten laut ausgerufen», erinnert sich Tanja van de Loo, die sich seit Jahren antirassistisch engagiert. Bereits am Morgen nach dem Anschlag stand sie mit Hanauer AktivistInnen in Kontakt, die sie von früher kannte. Seither arbeitet sie von Hamburg aus bei der Initiative «19. Februar» mit, einem Zusammenschluss von Angehörigen, Überlebenden und UnterstützerInnen. Die Grafikerin entwirft Material für Websites, Demos und Unterstützungskampagnen. Von Anfang an waren dabei auch die Plakate und Sharepics mit den Namen der Ermordeten zentral. Sie nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, ist den Betroffenen ein zentrales Anliegen.

Dreh- und Angelpunkt der Initiative ist ein Ladenlokal in der Hanauer Innenstadt, in Sichtweite des ersten Tatorts. In den Räumen, die alle nur den «Laden» nennen, erinnern sich die Angehörigen gemeinsam, verbringen Zeit miteinander, rauchen, essen, recherchieren und vernetzen sich mit anderen Betroffenen rassistischer Gewalt. Dort erzählen sie Journalistinnen und Politikern, allen, die reinkommen, von ihren toten Kindern, Geschwistern, FreundInnen.

Sie erzählen von Hamza Kurtovic, der wie viele der Ermordeten in Kesselstadt aufgewachsen ist, der gerade einen neuen Job hatte und sich dort wohlfühlte. Oder von Vili Viorel Paun, dem der Täter schon am ersten Tatort aufgefallen war. Obwohl dieser später mehrere Schüsse auf Pauns Mercedes abfeuerte, entschied sich Paun, den Schützen zu verfolgen. Dreimal versuchte er, den Notruf der Polizei zu erreichen. Dreimal kam er nicht durch. Und sie erzählen von Ferhat Unvar, der jahrelang mit Diskriminierungen in der Schule zu kämpfen hatte, sich dennoch durchboxte und gerade seine Lehre abgeschlossen hatte. Auf seiner Facebook-Seite schrieb Unvar einmal den Satz: «Tot sind wir erst, wenn man uns vergisst.»

Unsichtbare Perspektiven

Die allermeisten Namen der über 200 Menschen, die nach Recherchen der Amadeu-Antonio-Stiftung seit dem Wendejahr 1990 in Deutschland Opfer rechter Gewalt wurden, sind der Öffentlichkeit überwiegend unbekannt. «Der Öffentlichkeit sind die Namen der Täter geläufig», sagt Aktivistin van de Loo. «Beim NSU wissen alle, wie die Täter und sogar wie deren Anwälte heissen. Die Namen der Opfer sind nicht präsent.» Das Terrornetzwerk um den Nationalsozialistischen Untergrund hatte zwischen 2000 und 2007 insgesamt zehn Menschen ermordet und Sprengstoffanschläge verübt.

Nesrin Unvar, die Schwester von Ferhat, möchte, dass gar nicht über den Täter nachgedacht wird. «Es gibt viele solche Täter oder Menschen, die so denken wie er», sagt sie. Dreht sich alles um den Täter, dessen Motive, Kindheit, Erfahrungen der Ablehnung im Leben, erreicht der Mörder ein weiteres Ziel: Durch den Fokus auf ihn werden die Perspektiven unsichtbar, die er auslöschen wollte.

Der rassistische Anschlag in Hanau richtete sich gegen die Realität der Einwanderungsgesellschaft – in einer Arbeiterstadt, in der etwa die Hälfte der Bevölkerung eine Migrationsgeschichte hat. Auch rund um den Kurt-Schumacher-Platz, wo sich die «Arena Bar» befindet, leben viele Einwandererfamilien – so auch Nesrin Unvar. «Man kennt jeden und spürt da auch eine Wärme.» Serpil Temiz Unvar, die Mutter von Nesrin und Ferhat, liebte ihr Leben in Hanau-Kesselstadt ebenfalls. Wenn Ferhat oder eines ihrer anderen Kinder in der Nachbarschaft unterwegs war, hatte sie sich nie Sorgen gemacht. Kesselstadt habe Sicherheit bedeutet, sagt sie.

Der Attentäter wollte genau dieses Gefühl von Sicherheit erschüttern. Er hatte es auf Orte abgesehen, in denen er Menschen vermutete, die aus seiner Sicht nicht «deutsch» waren. Orte, an die sich auch jene flüchten konnten, deren bescheidener Traum vom sozialen Aufstieg sich nicht erfüllt hatte.

Viele seiner Freunde würden «sich jeden Tag quälen, schleppen, tun und machen», sagt Jaweid Gholam. «Auch sie hatten Träume und Wünsche, doch während die anderen ihre verwirklichten, arbeiten wir in Kiosken und Bars, versuchen klarzukommen und finden uns irgendwann damit ab, dass wir nicht die gleichen Chancen haben wie die Deutschen.» Gholam stockt. «Und dann kommt jemand, dem noch nicht einmal das passt.» Dem nicht passt, dass Kesselstadt auch ein Rückzugsort der migrantisch geprägten Arbeiterklasse ist.

Über dem Schaufenster des Ladens der Initiative in der Hanauer Innenstadt hängt in grossen Leuchtbuchstaben der Schriftzug «#saytheirnames», darunter die Porträts der Toten. Der Slogan entstand vor einigen Jahren in der US-amerikanischen Black-Lives-Matter-Bewegung. Die Bilder und Namen helfen den Angehörigen, sich zu erinnern. Doch die vielen offenen Fragen, die sie haben, können auch die Bilder nicht beantworten.

Eine Kette des Versagens

Warum hatte der Täter einen Waffenschein, obwohl er bereits auffällig war? Wieso ist die Polizei nicht aktiv geworden, als ein Mann AnwohnerInnen in Kesselstadt vor ein paar Jahren mit der Waffe bedroht hatte? Warum ist den Behörden das rassistische Pamphlet des Täters nicht aufgefallen, das bereits Tage vor der Tat frei zugänglich im Internet zu lesen war? Hätten sie eingegriffen, wenn der Autor nicht Tobias geheissen hätte, sondern etwa Mohammad – oder Ferhat? Warum war in der Tatnacht der Notausgang in der «Arena Bar» verschlossen, wie Zeugen sagen? Warum kamen Vili Viorel Pauns Anrufe nicht durch? Hätten einige der Morde verhindert werden können? Hätte die ganze Tat verhindert werden können?

Auch wenn es auf diese und viele weitere Fragen bisher kaum Antworten gibt, wollen die Angehörigen nicht aufgeben. Letzte Woche haben sie eine Kampagne mit der Forderung nach einem Hilfsfonds für Opfer von Rechtsterrorismus initiiert. Am Sonntag veröffentlichte die Initiative «19. Februar» ein einstündiges Video, in dem Angehörige, Überlebende und UnterstützerInnen präzise die «Kette des behördlichen Versagens» nachzeichnen – vor der Tat, in der Tatnacht und in den Wochen und Monaten danach. Im Laden der Gruppe geschieht alles gleichzeitig: Trauern und Kämpfen, Lachen und Weinen.

Serpil Temiz Unvar hat einige Monate nach dem Anschlag die Bildungsinitiative Ferhat Unvar gegründet – für Kinder und Jugendliche, die in der Schule rassistische Diskriminierung erfahren. «Es kostet viel Kraft, mit diesem Schmerz weiterzukämpfen», sagt sie. «Aber ich muss ja weitermachen, für Ferhat.»

Sebastian Friedrich war im Herbst für das Radiofeature «Der letzte Tag. Das Attentat von Hanau» vor Ort, die meisten Zitate sind daraus entnommen. Das Feature von Deutschlandfunk Kultur, WDR und NDR kann in der ARD-Audiothek nachgehört werden.

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