Nr. 07/2021 vom 18.02.2021

«Das Regime betrachtet mich als Terroristin»

Die ägyptische Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Shaima Abu al-Khair über die Tage auf dem Tahrirplatz und warum sie – trotz des mächtigen Backlash – an den Erfolg der Revolution glaubt.

Interview: Merièm StruplerMail an AutorIn

Zehn Tage später war Hosni Mubarak weg: Protestierende auf dem Tahrirplatz am 1. Februar 2011. Foto: Yuri Kozyrev, Laif

WOZ: Frau Abu al-Khair, der Arabische Frühling jährt sich zum zehnten Mal. Wie blicken Sie heute zurück?
Shaima Abu al-Khair: Für mich fühlt es sich an, als ob die Revolution erst gestern gewesen wäre. Vor allem um den Jahrestag im Januar herum. Aber zwischen dem Gestern und Heute liegt eine sehr lange Nacht. Wir haben viel durchgemacht. Einige Träume sind in Erfüllung gegangen, aber die meisten Träume leider nicht. Das Heute ist für die Leute, die den Kampf für Demokratie und Menschenrechte fortführen, eine sehr harte Zeit.

Sie haben sich bereits in den nuller Jahren als Studentin politisch engagiert und waren 2004 und 2005 Teil der Kafaya-Bewegung.
«Kafaya!» bedeutet «genug!». Die Bewegung wollte verhindern, dass der Sohn des damaligen Langzeitherrschers Hosni Mubarak das Präsidentenamt übernimmt. Daraus entwickelten sich unabhängige Medien und ein Klima für politische Proteste. All dies trug auch zu den Ereignissen von 2011 bei. Hätte sich diese progressive Stimmung weiter entfalten können – wir stünden heute an einem anderen Punkt.

Vor dem Arabischen Frühling demonstrierten maximal wenige Hundert Personen. Haben Sie im Januar 2011 geahnt, welches Ausmass die Proteste annehmen werden?
Um ehrlich zu sein: nein. Am 25. Januar, als die ersten grossen Proteste stattfanden, fühlte ich mich so, als ob ich an eine x-beliebige Demo gehen würde. Wir sahen damals, was in Tunesien passierte – das war wie ein Traum für uns. Damit hätten wir nie gerechnet!

Doch dann gingen in Kairo Hunderttausende auf die Strasse. Auch in vielen weiteren Städten wie Alexandria oder Assuan wurde demonstriert.
Ich konnte es kaum glauben. In den Strassen, auf dem Tahrirplatz, überall waren so viele Menschen, die uns unterstützten. Menschen mit denselben Ideen. Ich sah Bekannte, die ich lange nicht mehr an Demonstrationen gesehen hatte. Und Leute, die sagten: «Wir sind das erste Mal auf einer Demonstration, und wir stehen hinter euch.» Ich dachte: Ich lebe einen Traum – hoffentlich geht er nicht zu Ende.

Der Protest entzündete sich wegen eines Falls von Polizeigewalt: Der 28-jährige Blogger Khaled Said wurde in Alexandria von Polizisten zu Tode geprügelt.
Wir haben so viele Jahre gegen Polizeigewalt gekämpft – und nichts ist passiert. Aber der Fall von Khalid Said war anders. Alle, die wie ich im selben Alter waren, wussten: Das hätte auch ich sein können. Zu Beginn richtete sich die Demonstration gegen die Polizei und das Innenministerium, sie forderte Gerechtigkeit für Khaled Said. Doch als sich immer mehr Menschen dem Protest anschlossen, dachten wir: «Der Traum sollte grösser sein!» Denn das Problem ist nicht nur dieser eine Innenminister – es ist das ganze Regime.

Shaima Abu al-Khair

Wo waren Sie in jenen Tagen?
Der 25. Januar ist der Geburtstag meines Sohnes, er wurde 2009 geboren. Am 25. Januar 2011 wusste ich, dass ich für ihn auf der Strasse bin – für seine Zukunft. Am 28. Januar, dem «Freitag des Zorns», war ich bei der Hauptdemonstration in der Kasr-al-Ayni-Strasse, wo Scharfschützen in die Menge schossen. Ich hatte Angst. Dennoch ging ich nicht. Wir hatten den Mut, zu bleiben – für all die anderen, die nicht dort sein konnten –, um unsere Rechte, Demokratie und Freiheit einzufordern. Dieses Gefühl war grösser als die Angst. Als sich die Polizei schliesslich zurückzog, fühlten wir uns, als hätten wir gewonnen!

Wie funktionierte die Selbstorganisation auf dem besetzten Tahrirplatz?
Das ging alles sehr schnell. Den Kern bildeten verschiedene Gruppen von politischen Aktivistinnen und Aktivisten, ich selbst war aber nicht Teil davon. Einige der Leute dort waren Ärztinnen, Anwälte oder Menschenrechtler. Sie organisierten zum Beispiel einen Mediziner, woraufhin sich andere Ärzte und Ärztinnen meldeten und sich am Aufbau der Klinik auf dem Tahrirplatz beteiligten. Alles auf dem Platz wurde freiwillig organisiert, und es meldeten sich viele Leute, um mitzuhelfen.

Wie war Ihre Stimmung während dieser Zeit?
Ich war stolz, machte mir aber auch Sorgen. Es passierte so viel so schnell, es war unmöglich, zu verstehen, was gerade vor sich ging. «Was kommt als Nächstes?», das war die grosse Frage, die alle im Kopf hatten. Achtzehn Tage lang wussten wir nichts. Ausser dass wir beschlossen hatten, das Regime zu stürzen.

Dann trat Mubarak, nach fast dreissig Amtsjahren, am 11. Februar 2011 zurück.
Der erste Tag nach dem Rücktritt war sehr verwirrend. Wer wird jetzt an der Macht sein? Es war die Rede von einem zivilen Rat, aber es wurde keiner gebildet. Mubarak hat auf Druck die Macht dem Militär übergeben. War es also eine Art sanfter Putsch? Nein, die Revolution ist gelungen. Aber warum ist nicht die Zivilbevölkerung an der Macht? Ich konnte all das nicht verstehen.

Der Militärrat erklärte sich zur Übergangsregierung und versprach Neuwahlen.
Die Parlamentswahlen waren grossartig! Da wurden eine Menge Leute der revolutionären Opposition gewählt. Aber bei den Präsidentschaftswahlen 2012 gab es keinen starken Kandidaten, der die revolutionäre Kraft repräsentierte. Das war der grosse Fehler: Die Opposition hatte zu viele Kandidaten – das hat die Stimmen verzettelt. Im zweiten Wahlgang hatten die Menschen nur die Wahl zwischen dem Muslimbruder Muhammad Mursi und Ahmad Schafik, der dem Regime angehört. Das Problem war: Die Muslimbrüder glaubten anschliessend, dass die Bevölkerung sie gewählt habe, weil sie die Muslimbrüder sind. Dabei hat die Bevölkerung sie gewählt, weil sie die einzige Option waren, die gegen das alte Regime zur Wahl stand. Zu der Zeit kursierte ein Spruch unter den Linken: Lieber beissen wir in die wirklich saure Zitrone und akzeptieren eine religiöse Partei, anstatt wieder auf das gleiche Regime zu setzen.

Doch während Mursis Präsidentschaft kam es erneut zu Protesten und brutaler Repression gegen die Demonstrierenden.
Viele Leute rechneten mit schnellen Polizeireformen, mit Gerichtsprozessen gegen das alte Regime. Doch stattdessen haben sich die Muslimbruderschaft und das Militär hinter verschlossenen Türen geeinigt. Als die Leute dies realisierten, gingen sie wieder auf die Strasse und forderten Reformen und Gerechtigkeit für die Menschen, die während der Revolution getötet worden waren. Mursi wollte zudem das säkulare Militärregime in ein religiöses Regime umwandeln. Das hat viele Menschen erschreckt.

Am 3. Juli 2013 putschte dann das Militär unter der Leitung des heutigen Machthabers Abdel Fattah al-Sisi.
Ich denke, all dies war vom Militärregime einkalkuliert. Es wollte seine Macht überhaupt nicht abgeben. Es hat nur gewartet, bis viele Menschen mit den Muslimbrüdern unzufrieden waren – und die Mursi-Regierung machte eine Menge Fehler. Aber ein Regierungswechsel sollte durch Wahlurnen oder eine politische Bewegung geschehen – nicht durch einen Militärputsch.

Wann haben die Menschen aufgehört, offen über Politik zu sprechen?
Es begann mit dem Massaker von Rabaa, als die Militärs kurz nach dem Putsch im August 2013 in einer Nacht über tausend Menschen bei einem Protestcamp töteten. Da wurde die Bevölkerung belehrt, was man sagen darf – und was nicht. In den Medien startete eine Kampagne gegen demokratische Ideen und gegen alle, die den Putsch ablehnten. Plötzlich standen über Nacht überall Panzer in den Strassen. Ich denke, heute verstehen die Menschen, dass es schlimmer ist, wenn das Militär alles kontrolliert. Aber sie haben Angst.

Das alte Regime ist also wieder an der Macht. Warum sprechen Sie trotzdem von einer Revolution?
Wir hatten nur achtzehn Tage Zeit. Es wäre dumm, zu glauben, ein so mächtiges Regime in nur achtzehn Tagen stürzen zu können. Aber die Revolution, von der ich spreche und an die ich glaube, ist das Bewusstsein der Menschen, das sich verändert hat. Die Leute wissen seit 2011, dass sie das Recht haben, zu demonstrieren – auch ohne Organisationen oder Parteien. Dass sie bessere Rechte und ein besseres Leben verdienen. Das ist die wichtigste Revolution: dass die Menschen beginnen, an sich selbst als eine Kraft für Veränderungen zu glauben.

Wie aber geht die Bewegung mit dem Trauma der immensen Repression der letzten zehn Jahre um?
Es ist eine extrem harte Zeit für uns. Wir sind erschöpft. Die allermeisten Politikerinnen, Menschenrechtsaktivisten, Leute, die Teil der Bewegung sind, sitzen im Gefängnis – oder sind im Exil. Selbst diejenigen, die sich aus der Politik zurückgezogen haben, werden verhaftet. Die Leute, die das Land nicht verlassen haben und nicht inhaftiert sind, stehen die ganze Zeit unter staatlicher Beobachtung. Sie unterstützen ihre Freunde im Gefängnis und deren Familien – aber wirklich Politik machen, das geht nicht mehr.

Vor kurzem haben sich im Tora-Gefängnis im Süden von Kairo zahlreiche Inhaftierte einem Hungerstreik angeschlossen.
Die Situation in den Gefängnissen ist schlimm, die gesundheitlichen Bedingungen sind miserabel – und durch Covid-19 sehr gefährlich. Dagegen protestieren die Gefangenen. Stellen Sie sich vor: Die Angehörigen dürfen ihnen nicht einmal Paracetamol vorbeibringen, weil die Gefängnisbehörden dies verbieten.

Wie blicken Sie trotz alledem in die Zukunft?
Die Gesellschaft ist gespalten. Jeder, der gegen die Regierung ist, gilt heute als Anhänger der inzwischen verbotenen Muslimbruderschaft und demnach als Terrorist. Ich bin liberal, ich stimme mit den Vorstellungen der Muslimbrüder nicht überein – aber das Regime betrachtet mich als Terroristin, weil ich mit der Revolution verbunden bin. Was wir brauchen, ist eine Wiedervereinigung, damit wir alle – Linke, Liberale, Muslimbrüder – wieder miteinander reden.

Sie haben Ägypten 2016 verlassen. Woher nehmen Sie die Energie, immer noch weiterzumachen?
Im Exil zu leben, bedeutet nicht, sicher zu sein. Sogar im Ausland werden Menschenrechtsverteidiger und Aktivistinnen vom Geheimdienst verfolgt – und ihre Familien in Ägypten. Unsere Familien zahlen den Preis für das, was wir tun. Aber wir können nicht aufhören, unsere Stimme zu erheben. Denn unsere Freunde verpassen all die schönen Tage, sehen ihre Kinder nicht aufwachsen. Wenn sie ihr Leben hinter Gittern verbringen und wir frei sind, dann müssen wir das tun. Für unsere Familien, unsere Freunde, und ich für meinen Sohn, für seine Zukunft.

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