Nr. 08/2021 vom 25.02.2021

Wenn die Wut explodiert

Der Rapper Pablo Hasél muss wegen seiner Texte ins Gefängnis. Die Demos für seine Freilassung richten sich gegen die Antiterrorgesetze – und sind Ausdruck einer Generation ohne Zukunftsperspektive.

Von Linda Osusky, Barcelona

Das gelbe Plastik der Verkehrsampel tropft in langen Fäden auf den brennenden Asphalt. Aus Barcelonas Stadtviertel Eixample verbreiten sich spektakuläre Videos von lodernden Flammen in den sozialen Medien. Die beiden Freundinnen Marta und Joana beobachten die Proteste für die Freilassung des Rappers Pablo Hasél, der am 16. Februar verhaftet worden ist, aus sicherer Entfernung.

Hasél muss für neun Monate ins Gefängnis, weil er in seinen Musiktexten und in den sozialen Medien Terrorismus verherrlicht und den Staat und das Königshaus beleidigt haben soll. Zudem muss der 32-Jährige 30 000 Euro Strafe zahlen und bekommt sechs Jahre Berufsverbot. Dies für Tweets über konservative Politiker wie «Der Schuss in deinen Nacken tut mir nicht leid» und – über einen PSOE-Politiker – «Patxi López verdient, dass sein Auto explodiert». Und für ein Lied über den König im Ruhestand Juan Carlos I., dem Korruption vorgeworfen wird.

Bis vor einem Monat kannte Marta den umstrittenen Rapper gar nicht. Dennoch geht die achtzehnjährige Philosophiestudentin bereits den dritten Tag in Folge auf die Strasse. «Besonders wir in Katalonien fühlen uns diskriminiert. Sie nehmen uns die Meinungsfreiheit weg», sagt sie. Doch die Proteste erschüttern inzwischen zahlreiche Städte in ganz Spanien.

RAF, Eta und Bertolt Brecht

Pablo Hasél heisst mit bürgerlichem Namen Pablo Rivadulla Duró, stammt aus der katalanischen Stadt Lleida und ist bekennender Kommunist. Er sympathisiert mit Stadtguerillas, wie der RAF und der Eta, und findet sowohl den deutschen Autor Bertolt Brecht als auch den sowjetischen Despoten Josef Stalin inspirierend, wie er 2018 in einem Interview angab. Nachdem er seine Gefängnisstrafe nicht freiwillig angetreten, sondern sich im Universitätsgebäude in Lleida verbarrikadiert hatte, verhaftete ihn die Polizei. «Tod dem faschistischen Staat!», rief er noch, bevor er ins Polizeiauto gedrückt wurde. Ausgerechnet einen Tag später lehnte der Oberste Gerichtshof eine Klage gegen Juan Carlos I. wegen Steuerhinterziehung und illegaler Provisionszahlungen ab.

Der sozialdemokratische Regierungschef Pedro Sánchez verspricht derweil eine Anpassung des umstrittenen Antiterrorgesetzes, das 2015 in Kraft trat. KünstlerInnen sollen künftig nicht mehr wegen ihrer Äusserungen ins Gefängnis kommen. Die Verschärfung des sogenannten Maulkorbgesetzes hatte noch die konservative Regierung unter Mariano Rajoy durchgesetzt. Bereits damals forderte der Uno-Sonderberichterstatter Spanien auf, das Gesetz zu widerrufen, da es die Grundrechte gefährde.

Hasél ist nicht der erste Künstler, der verurteilt wird. Sein Rapperkollege Valtònyc bekam dreieinhalb Jahre Gefängnis für seine Texte. 2018 flüchtete er deswegen nach Belgien (siehe WOZ Nr. 46/2018). Prominente wie Regisseur Pedro Almodóvar oder der Schauspieler Javier Bardem fordern Haséls sofortige Freilassung. Laut Freemuse, einer Organisation, die sich weltweit für die Kunstfreiheit einsetzt, sassen 2019 in Spanien mehr KünstlerInnen im Gefängnis als in allen anderen Ländern der Welt.

Höchste Jugendarbeitslosigkeit

Seit über einer Woche dauern die landesweiten Proteste für Haséls Freilassung, die zum Teil mit grosser Zerstörungswut einhergehen, nun schon an. Junge DemonstrantInnen errichten Strassenbarrikaden, stürmten eine Polizeistation, plündern Geschäfte, zerstören Bankfilialen und den Sitz einer Tageszeitung. Mitten ins Geschehen trauen sich Marta und Joana aber an diesem Abend nicht. «Gestern musste ich mich mit unbeteiligten Passanten in einem Hauseingang verstecken. Die Polizei ist wahllos auf jeden losgegangen», erzählt Marta. Am selben Abend verlor eine Demonstrantin durch ein Gummigeschoss der Polizei ein Auge. «Die Leute glauben, wir kommen wegen des Sängers her, aber er ist nur der Auslöser.»

Derweil versuchen die AnalystInnen des Landes, die Geschehnisse einzuordnen. Die «El País»-Journalistin Elsa García setzt den Ausbruch der Gewalt in Zusammenhang mit der Perspektivlosigkeit der Jugendlichen. Spanien hat mit vierzig Prozent die höchste Jugendarbeitslosigkeit Europas, es gibt kaum bezahlbaren Wohnraum – und seit letztem Jahr ist überdies die Pandemie hinzugekommen.

Die Demonstrantin Laia ist befreundet mit der jungen Frau, die bei den Protesten ein Auge verloren hat. Sie hat Schuldgefühle, weil es nicht sie, die Glasflaschen in Richtung Polizei warf, getroffen hat, sondern ihre friedlich demonstrierende Freundin. Im Radio erklärt sie ihre Beweggründe: «Wir sind einfach wütend. Wir haben keine Hoffnung für die Zukunft. Man hört die ganze Zeit von den Ungerechtigkeiten, und mit Demotransparenten allein erreichen wir nichts. Ich verurteile Gewalt, aber noch schlimmer finde ich die Situation, in der sich unsere Gesellschaft gerade befindet», sagt sie.

Auch in Haséls Texten geht es nicht nur um Hass. Seine Lieder prangern die sozialen Missstände im Land an, wo sich mutmasslich korrupte Eliten, darunter auch König Juan Carlos I., scheinbar straflos zulasten der Bevölkerung bereichern.

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