Nr. 08/2021 vom 25.02.2021

Der pazifistische Vandale

Von Florian KellerMail an Autor:in

Im Januar 1964 trifft bei der Guggenheim-Stiftung in New York ein Telegramm ein: «Fahr zur Hölle mit deinem Geld», heisst es darin. Der Absender hat von der Stiftung gerade einen gut dotierten Kunstpreis zugesprochen erhalten. Annahme verweigert, meldet der Künstler nun per Telegramm aus Paris: «Ich verlange eine öffentliche Bestätigung, dass ich nie bei eurem lächerlichen Spiel mitgemacht habe.»

Also nichts mehr von Demut und Gottesfurcht, wie seine Eltern das einst gepredigt haben. Aufgewachsen ist unser Mann in einem streng christlichen Elternhaus in einer dänischen Kleinstadt. Mit zwölf verliert er den Vater, drei Jahre später erkrankt er an Tuberkulose. Als er sich erholt hat, absolviert er das Lehramt, noch während der Ausbildung tritt er der Kommunistischen Partei bei. Statt aber Lehrer zu werden, fährt er mit dem Motorrad nach Paris, um Kunst zu studieren – erst bei Wassily Kandinsky, dann bei Fernand Léger. Bald darauf setzt er sein Studium in der Heimat fort. Als dort im Krieg die Nazis einmarschieren, stürzt das den Pazifisten in eine tiefe Krise, worauf er sich dem kommunistischen Widerstand gegen die deutsche Besatzung anschliesst.

Einige Jahre nach dem Krieg holt ihn die Tuberkulose wieder ein. Nach einer langwierigen Kur trifft er den linksradikalen Interventionskünstler Guy Debord, mit dem ihn eine langjährige Freundschaft verbinden wird. Zusammen gründen sie 1957 eine einflussreiche europäische Avantgardebewegung, die mit ihren Aktionen die Lunte für den Mai 1968 legt. Die Verbindung zum viel jüngeren Debord hält auch an, als sich der Gesuchte aus der Bewegung zurückzieht, ohne jedoch mit ihr zu brechen. Die Kommunistische Partei hat er da schon hinter sich gelassen, weil sie ihm zu bourgeois und zu zentralistisch geworden war.

In seinen theoretischen Schriften versucht er derweil, die marxistische Dialektik weiterzudenken. Das führt ihn zur dreiwertigen Logik, die er spielerisch veranschaulicht, indem er dreiseitigen Fussball erfindet: Gespielt wird mit drei Teams auf einem sechseckigen Feld mit drei Toren – und es gewinnt das Team, das am wenigsten Tore kassiert.

Sein berühmtestes Gemälde, ein abstrakter Sturm über die Sinnlosigkeit des Kriegs, sieht ein wenig aus, als hätten sich sein einstiger Lehrer Léger und Jackson Pollock ein Atelier geteilt. Wer ist der Künstler, der 1961 in seiner Heimat ein Institut für vergleichenden Vandalismus gründete? 

Wir fragten nach dem dänischen Künstler und Theoretiker Asger Jorn (1914–1973). Geboren als Asger Oluf Jørgensen, war er 1957 eine der Gründerfiguren der Situationistischen Internationale um Guy Debord. Sein Gemälde «Stalingrad» hängt heute im Museum Jorn in seiner Heimatstadt Silkeborg. Zu seinen Ehren fand dort 2014 auch die erste Weltmeisterschaft im dreiseitigen Fussball statt.

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