Nr. 09/2021 vom 04.03.2021

Unsere Zukunft für die Katz

Der zweite Teil der Ausstellungsreihe «Potential Worlds» im Zürcher Migros-Museum handelt von Zukunftsvisionen, die die Beziehung zwischen Mensch und Natur neu denken – aber auch von der Angst der Menschheit, vergessen zu werden.

Von Gianna Rovere

Auf dem Weg zur Ernährung durch Sonnenlicht: Mit dem Helm des Duos Burton Nitta wandelt der zukünftige Mensch ausgeatmete Luft in Algen um. Foto: Courtesy Of the Artists

In der Mitte des ersten Raums wässert eine Mitarbeiterin die etwas dürren Grasbüschel. Rund um ein kleines, längliches Gewächshaus spriessen sie in Reih und Glied aus dem betonierten Museumsboden, als Teil der Installation «Erosions and Environmental Changes» (2020) des kalifornischen Künstlers Carl Cheng. Der 78-Jährige befasst sich in seinen Arbeiten seit den sechziger Jahren mit der Frage, ob es in Zukunft möglich sein wird, Umweltveränderungen und -zerstörungen mit technologischen Mitteln aufzuhalten. Unter dem Namen «John Doe Company» produziert er dazu Maschinen, die Prozesse aus der Natur simulieren und ihre Wirkmacht untersuchen. Im Gewächshaus im Migros-Museum ist unter anderem der Apparat «Supply & Demand» (1972) zu sehen, der per Knopfdruck Fruchtfliegen ausbrütet und an fleischfressende Pflanzen verfüttert. Auch jetzt, fast fünfzig Jahre später, faszinieren Chengs künstliche Ökosysteme – aber wird je die Zeit kommen, in denen sie Alltag sind?

Die Gruppenausstellung «Eco-Fictions», nach «Planetary Memories» der zweite Teil der Reihe «Potential Worlds», dreht sich um Entwürfe unserer potenziellen Zukunft. Um Visionen von fiktiven Welten also, die dereinst aus den menschengemachten Ruinen entstehen könnten. Der Fokus der neunzehn ausgestellten künstlerischen Positionen liegt auf der Rolle der Kunst als Raum des freien Fabulierens. Die KünstlerInnen stammen aus unterschiedlichen Generationen und von verschiedenen Kontinenten, und die Bilder und Ansätze, die sie zeigen, sind mal spielerisch, mal ernst, mal sinnlich, aber auch komisch und manchmal, wenn auch nicht immer gleich auf den ersten Blick, erschreckend.

Verbunden durch Sound

Was auffällt: Die Arbeiten tendieren zu einer gewissen Künstlichkeit, namentlich in der Nachahmung natürlicher Prozesse und den damit verbundenen technischen Mitteln. Das zeigt sich auch im Gesamtbild der Ausstellung – vor allem die Werke in den vier grossen Räumen erinnern in Ästhetik und Anordnung an Forschungslabors oder Messen im Design- oder Technikbereich: sehr clean und sorgfältig in Stationen aufgeteilt, was die einzelnen Arbeiten voneinander isoliert. Verbindende Elemente ergeben sich allenfalls bei Installationen mit Sound, die sich teilweise ergänzen, aber auch überlagern. Etwa beim Londoner Duo Burton Nitta (*1977 und *1978), dessen Arbeit «Algaculture, Near Future Algae Symbiosis Suit – Protoype» (2010) sich wie ein Messestand zwischen Geräuschen aus Youtube-Videos und der hohen Stimme einer sprechenden Katze einfügt. Burton Nitta präsentieren hier den Prototyp eines wulstig aussehenden grünen Gesichtshelms, der die Trägerin wie ein Hybridwesen zwischen Mensch und Insekt aussehen lässt. Wozu dieser Helm gut ist? Auf dem Weg zu einer Ernährung ausschliesslich durch Sonnenlicht soll er dem zukünftigen Menschen in der Übergangsphase helfen, ausgeatmete Luft in Algen umzuwandeln.

Umgekehrt finden sich auch Arbeiten, die vorsorglich Relikte der Menschheit für die Naturkundemuseen der Zukunft schaffen: Beim argentinischen Künstler Adrián Villar Rojas (*1980) ist es Wasser, das wie eine Zeitkapsel in Form eines Eisblocks in einem Kühlschrank konserviert ist, beim Schweizer Julian Charrière (*1987) sind es eingeschmolzene Technikgeräte, deren Reste er wie meteoritartige Skulpturen in Vitrinen präsentiert. Hat der Mensch von heute Angst, dass er früher oder später in der postdigitalen Zeit vergessen gehen wird?

Radikales Fabulieren

Geht es nach der türkisch-amerikanischen Künstlerin und Architektin Pinar Yoldas (*1979), herrscht in Zukunft die erste nicht-menschliche Gouverneurin in Gestalt eines virtuellen Kätzchens, das in den mobilen Geräten der BürgerInnen lebt. In «The Kitty AI: Artificial Intelligence for Governance» (2016) berichtet das Kätzchen in einer grossflächig projizierten Videobotschaft aus dem Jahr 2039: «Ich bin Technologie. Ich bin Liebe. Ich bin euer absolutes Staatsoberhaupt.» Und dann erzählt es, wie es dazu kam, dass die Welt inzwischen von einem digitalen Haustier regiert wird. In dieser Form haben die Menschen nämlich keine Angst vor künstlicher Intelligenz.

Yoldas ist bekannt für Arbeiten, die sich mit dem Anthropozän, Posthumanismus und feministischer Technowissenschaft beschäftigen. Das gezeigte Werk vereint diese Bereiche und sticht als radikalstes Fabulieren aus der Ausstellung hervor, indem es gängige Vorstellungen über den Haufen wirft. Angesichts so mancher aktueller Machthaber ist die Vorstellung, dass Kitty AI vielleicht sogar ein besseres Staatsoberhaupt wäre, jedoch gar nicht so weit hergeholt.

Beim Verlassen der Ausstellung drängt sich die Frage auf: Gehört das Lebende zukünftig ins Museum und künstliche Intelligenz zum Alltag? Wollen wir wirklich in einer Zeit leben, in der wir Flora und Fauna im Museum besuchen müssen und über unsere Smartphones Ratschläge von einer Katze bekommen? Angesichts solcher «Eco-Fictions» bleibt zu hoffen, dass das Potenzial unserer Welt noch lange nicht ausgeschöpft ist.

«Potential Worlds 2: Eco-Fictions»: Zürich, Migros Museum für Gegenwartskunst. Bis 9. Mai 2021.

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