Nr. 40/2020 vom 01.10.2020

Fühlst du den Algorithmus?

Echte Emotionen auf Knopfdruck: Das Haus der elektronischen Künste in Basel fragt, wie digitale Technologien das Verhältnis zu unseren Gefühlen verändern.

Von Giulia Bernardi

Wer ist hier das forschende Subjekt und wer das zu erforschende Objekt? Justine Emards Videoarbeit «Co(AI)xistence». Still: Courtesy of the Artist

Wir zählen Schritte, koordinieren Termine, checken das Wetter, liken Storys auf Instagram. Die digitale Technologie hat nicht nur unseren Alltag verändert, sondern auch das Verhältnis zu unseren Gefühlen. Ob wir fröhlich, verblüfft oder wütend sind, teilen wir heute mittels Emojis, Gifs und Memes mit.

Diese Entwicklung greift Antoine Catala gleich zu Beginn der Ausstellung «Real Feelings» im Haus der elektronischen Künste in Basel auf. Seine Installation «Everything is OKAY» besteht aus verschiedenen Objekten, geformt aus Silikon: ein T-Shirt, eine Tasche, eine Socke, alle je mit einem Emoji versehen. Doch die Unbeschwertheit der lächelnden Gesichter entpuppt sich als trügerisch. Die Kleidungsstücke und Accessoires liegen da wie labbrige, leere Hüllen, die getragen und wieder abgelegt werden können. Ein dystopisches Szenario, das der französische Künstler hier präsentiert: Emojis werden zum eindimensionalen Aushängeschild, auf dem wir unsere Emotionen wie bunte, leblose Produkte unser selbst zur Schau tragen.

Und Catala geht noch einen Schritt weiter. Denn Technologie verändert nicht nur, wie wir unsere Gefühle vermitteln, sondern auch ganz konkret, wie wir uns fühlen. So führte Facebook 2012 – ohne das Wissen der NutzerInnen – eine Reihe von Experimenten durch. Bei einer Testgruppe wurden jene Inhalte im Newsfeed reduziert, die positive Assoziationen hervorrufen. In der Folge posteten die Betroffenen ihrerseits weniger positive Inhalte. So werden Gefühle nicht nur gesteuert, sondern letztlich zur Handelsware – wie alle anderen Daten auch, die wir im Netz hinterlassen.

Ein Geräusch je nach Laune

Neben der Frage, wie Technologie unsere Gefühle beeinflusst, rückt Catala auch die Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine in den Fokus – eine Idee, die Shin Seung Back und Kim Yong Hun in ihrer Installation «Mind» weiter vertiefen. In einem dunklen Raum stehen hier mehrere Trommelfelder, auf deren Membranen kleine Metallkugeln hin und her rollen. Die Kugeln erzeugen ein Geräusch, das an Meeresrauschen erinnert. Eine Gesichtserkennungssoftware analysiert währenddessen die Reaktionen der BesucherInnen; je nachdem, ob wir freudig oder überrascht reagieren, verändert sich die Bewegung der Trommeln.

Einem ähnlichen Wechselspiel widmet sich auch die französische Künstlerin Justine Emard. In ihrer Videoarbeit «Co(AI)xistence» interagieren ein Tänzer und ein Roboter miteinander. Der Tänzer spricht mit dem Roboter, der mit primordialen Lauten antwortet und mit seiner unbeholfenen Art einem tollpatschigen Kleinkind gleicht. Eine poetische, fast schon liebevolle Annäherung, bei der Mensch und Maschine gegenseitig Bewegungen nachahmen, bis nicht mehr auszumachen ist, wer wen nachahmt, wer das forschende Subjekt und wer das zu erforschende Objekt ist.

«Real Feelings» fächert ein breites Spektrum an Themen auf, einige Inhalte werden dabei wiederholt aufgegriffen, andere wiederum kommen eher zu kurz. Gesichtserkennungssoftware etwa wird nicht nur in der Installation «Mind» eingesetzt, sondern auch von Lauren Lee McCarthy und Kyle McDonald, die mimische Reaktionen der BesucherInnen beim Ausstellungsrundgang analysieren. Oder auch bei Clément Lambelet und Coralie Vogelaar, die sich auf einer theoretischen Ebene mit Algorithmen beschäftigen.

Parameter der Freude

Allerdings hätte Vogelaars Recherche hier vertieft werden können. In «Facial Action Coding System» thematisiert sie das gleichnamige Verfahren des US-Psychologen Paul Ekman aus den siebziger Jahren, auf dem die heutige Gesichtserkennung basiert. Ekman definierte sechs grundlegende Emotionen: Freude, Trauer, Wut, Überraschung, Angst und Ekel. Diese ordnete er je einer Mimik zu, was die Gefühlslagen für Algorithmen lesbar macht. Angehobene Mundwinkel etwa stehen für Freude, zusammengepresste Lippen für Wut.

Vogelaar bat nun eine Schauspielerin, ihre Mimik so zu trainieren, dass sie Emotionen auf Knopfdruck reproduzieren konnte. Während einer Performance ahmte die Schauspielerin also ein Gefühl nach dem anderen nach, während ihr Gesicht von einer Software analysiert wurde. Ihr automatisiert und künstlich wirkender Ausdruck lässt die Grenzen zwischen Mensch und Maschine verschwimmen. Der Titel «Emotions from an Algorithmic Point of View» wiederum suggeriert, dass auch die Maschine über eine subjektive Perspektive verfügt. Die Performance bleibt in der Ausstellung aber unerwähnt, die Recherche ist lediglich anhand einer Fotografie präsent: ein Porträt der Schauspielerin, auf deren Gesicht die Bewegungsfelder eingezeichnet sind, die dem Algorithmus zur Analyse dienen. Doch der grössere Zusammenhang fehlt.

Diese Tendenz lässt sich auch bei anderen Arbeiten beobachten. Themen werden angeschnitten, aber nicht vertieft, wodurch der Parcours der Ausstellung eher einer Aneinanderreihung von Teasern und Fragmenten als einem kohärenten Narrativ gleicht. Was schade ist, denn das Haus der elektronischen Künste greift hier einmal mehr Überlegungen auf, die in Zukunft nicht an Relevanz verlieren werden.

«Real Feelings» in: Basel, Haus der elektronischen Künste. Bis 15. November 2020. www.hek.ch

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