Nr. 13/2021 vom 01.04.2021

Mönch, Mao, Myanmar

Annette Hug zählt auf unvorhergesehene Verbindungen

Von Annette Hug

Im Moment kommen mir oft zwei Gespräche in den Sinn. Beide begannen mit Zusammenhängen, die ich nicht vermutet hätte. Sie stiessen neue Fragen an und machten Hoffnung.

Weil weltliche Sprachschulen in Manila nur ein oberflächliches Tagalog unterrichten, entschied ich mich 2014, über meinen Schatten zu springen: Eine Missionsschule sollte es sein. Angehende Priester und sozial tätige Nonnen müssen über den Sinn des Lebens und den brennenden Dornbusch sprechen, das ist sprachlich ergiebiger als vorgefertigte Lektionen mit Anweisungen an Hausangestellte.

Als bester Pausenkumpel erwies sich Vater M. Noch nicht vierzig, bot er mir bald seinen weltlichen Vornamen an. Wie die meisten SchülerInnen stammte er aus einem Land, das ärmer ist als die Philippinen und deshalb für klerikalen Nachwuchs sorgt. Wenn er vom abgelegenen Regenwaldgebiet sprach, in dem er aufgewachsen war, benutzte er die Bezeichnung Burma. Seine Eltern seien im animistischen Glauben ihrer kleinen Sprachgruppe aufgewachsen. Wenn monatelang kein Priester in ihrer Berggegend auftauche, würden sie auch heute noch zu den alten Praktiken zurückkehren. Das sei für ihn aber kein Problem, sagte er und erzählte von seiner Doktorarbeit über die mögliche Versöhnung der katholischen Kirche mit indigenen Weltbildern – im Sinne einer gemeinsamen Sorge um die Natur und eines Abschieds von der Devise «Macht Euch die Erde untertan». Durch Vater M. wurde ich auf eine neue ökologische Befreiungstheologie aufmerksam.

Aus der grossen Pfarrei, wo er inzwischen auf Tagalog predigt, hat er seit Ausbruch der Pandemie Fotos von einsamen Trauungen gepostet. Die wenigen Anwesenden standen jeweils maskiert und verloren im leeren Kirchenschiff. Anfang Februar erschien dann plötzlich ein Foto ohne Talar. Vater M. stand mit einem Plakat in einer Gruppe junger Männer. Die «burmesischen Dominikaner auf den Philippinen» hatten sich zum Onlineprotest gegen den Militärputsch in Myanmar versammelt und riefen zu zivilem Ungehorsam auf.

Eine zweite überraschende Linie eröffnete sich, als mir 2018 ein sehr junger Künstler und Aktivist mit kommunistischen Sympathien in glühender Begeisterung von Taiwan erzählte. Die Hauptstadt Taipeh sei zu einem Magnet für Intellektuelle aus der ganzen Region geworden: wegen des demokratischen Klimas, des radikalen Verständnisses von «civil rights», der zahllosen künstlerischen Initiativen und Offszenen. Während ich noch zusammenzubringen versuchte, wie sich das mit der Position der maoistischen KP der Philippinen vertrug, machten weitere Geschichten eine Verbindung plausibel. In Taiwan – wie auch in Südkorea – entwickeln einige Gewerkschaften ein Verhältnis dazu, dass ihre Länder zu Einwanderungsländern geworden sind. Rassismus wird ein politisches Thema, progressive Kräfte suchen den Austausch mit Organisationen aus den Herkunftsländern der MigrantInnen.

In Erinnerung an die beiden Gespräche erscheinen Videos von den StudentInnenprotesten in Hongkong, dann in Thailand und jetzt in Myanmar als Schaumkrone einer internationalen Welle. Sie zeigen eine Generation von Leuten, die sich mit atemberaubendem Mut den autoritären Mächten in der Region entgegenstellen. Politische Stammlinien geraten dabei ziemlich durcheinander.

Annette Hug sitzt in Zürich und verfolgt die Massaker in Myanmar mit Schrecken, auch die amtliche Vernichtung von Existenzen in Hongkong.

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