Nr. 28/2021 vom 15.07.2021

Mit den blinden Flecken fängt es an

Nach dem vorzeitigen Abgang von Lili Hinstin ist das Filmfestival in Locarno wieder fest in Männerhand. Wer ist Giona A. Nazzaro, der neue künstlerische Leiter? Und wieso startet er gleich mit einem Netflix-Film?

Von Florian KellerMail an AutorIn

Exklusiv am Filmfestival Locarno – und auf Netflix: Eröffnungsfilm «Beckett» mit John David Washington als Gejagtem. STILL: NETFLIX

Die Einstiegsfrage mag er nicht besonders, das lässt er gleich durchblicken: «Hoffen wir, dass Ihr Interview dann nicht damit anfängt.» Giona A. Nazzaro sitzt zu Hause in Rom vor seiner Bücherwand, er trägt ein T-Shirt der Progrockband Yes. Erste Frage beim Videointerview: ob sich die Kinobranche denn schon beklagt habe wegen des Eröffnungsfilms, den er ausgewählt habe, für seine erste Ausgabe als Direktor des Filmfestivals in Locarno? «Nein, eigentlich nicht», sagt Nazzaro.

Der Film heisst «Beckett», aber gemeint ist nicht der gleichnamige Samuel. In diesem Thriller geht es um einen US-Touristen in Griechenland, der nach einem Unfall unversehens zum Gejagten in einer politischen Verschwörung wird. Produziert hat den Film der Italiener Luca Guadagnino, Regisseur von «Call Me by Your Name», in der Hauptrolle rennt John David Washington aus «Tenet» wieder um sein Leben, diesmal ohne verdrehte Zeitachse. Ursprünglich sollte die internationale Koproduktion unter dem Titel «Born to Be Murdered» in die Kinos kommen. Dann trat ein gewisser Streamingriese auf den Plan, kaufte die Auswertungsrechte und änderte den Titel, der Kinostart wurde gestrichen. Unter dem neuen Titel «Beckett» findet der Film auf der Piazza Grande jetzt doch noch eine Leinwand – und keine zehn Tage später, noch vor Ende des Festivals, wird er dann exklusiv bei Netflix zu sehen sein.

Locarno ist damit das wohl erste A-Festival weltweit, das zur Eröffnung einen Netflix-Film zeigt, der danach gar nicht in die Kinos kommt. Doch der neue Direktor will das nicht überbewerten. Das sei nicht als Statement zu verstehen, sagt Nazzaro, sondern schlicht ein Ausdruck davon, dass sich die audiovisuelle Landschaft verändert habe: «Es gibt nun mal neue Player im Geschäft, die auch Filme produzieren und zeigen. Das einzige Statement ist, dass uns das in Locarno klar ist und dass wir mit diesen Leuten im Gespräch sind.» In Locarno sind sie dabei offenbar schon weiter als etwa in Cannes. Dort beteuert man zwar auch gerne, man sei immer im Gespräch mit Netflix, aber gefunden haben sich die Parteien bis heute nicht. Filme, die nicht fürs Kino geplant sind, will man in Cannes aus Rücksicht auf die französische Kinobranche höchstens ausser Konkurrenz zeigen – worauf wiederum Netflix nicht eingehen will, weil der Marktführer im Streaminggeschäft halt schon gerne mal mit einem Film im Wettbewerb um die Goldene Palme vertreten wäre.

«Nostalgie ist verboten»

Giona A. Nazzaro (56), Festivaldirektor Locarno

Nazzaro sieht das nicht so eng: «Wenn wir in Locarno einen Film sehen, den wir zwei Wochen später auf unserem Handy anschauen können, sind das zwei verschiedene Erfahrungen – aber es bleibt der gleiche Film.» Klar habe ein Film eine andere Dimension, wenn man ihn im Kollektiv auf der grossen Leinwand sehe: «Und als Festival zelebrieren wir das gemeinschaftliche Erlebnis des Kinos. Aber Nostalgie ist verboten.»

Klingt schön, doch gerade im ersten Coronajahr blieb einem in Locarno fast nichts anderes übrig, als ein bisschen nostalgisch zu werden. Das Festival hat 2020 zwar irgendwie stattgefunden, blieb aber ein Phantom. Dieses Jahr nun soll Locarno wieder weitgehend in gewohnter Form stattfinden – sofern sich die Pandemie in den nächsten Wochen wegen der Deltamutation nicht wieder weiter zuspitzt.

Die Sache mit dem gemeinschaftlichen Erlebnis, sie ist prekär geworden. Schwierig fürs Kino, das ja seit Geburt eine Kunst der Massen war, nicht nur aufseiten des Publikums, sondern auch vor der Kamera. Schon der berühmte erste Film der Gebrüder Lumière von 1895 zeigt eine bewegte Menschenmenge: Arbeiter, die aus der Fabrik kommen. Die britische Kritikerin Erika Balsom hat diese Wechselwirkungen zwischen Kino und Masse jüngst schön aufgefächert, in einem Essay in der Zeitschrift «Cinemascope». Während der Roman als Kunstform prägend für die Erfindung des modernen Individuums war, stand das Kino von Anfang an mit den Massen im Verbund. Aber es hat uns auch immer wieder daran erinnert, dass man die Massen nicht zu sehr romantisieren sollte.

«The crowd is dead, long live the crowd!», so lautet der Titel von Balsoms Essay: Die Menge ist tot, lang lebe die Menge. Eine passend ambivalente Parole für pandemische Zeiten, zwischen überfüllten Fussballstadien und zusehends leeren Impfzentren. Die Sehnsucht nach der Gemeinschaft, das anhaltende Unbehagen und die Angst vor der Menge: In diesem Klima muss jetzt auch Giona A. Nazzaro navigieren, als Gastgeber der bislang grössten Kulturveranstaltung in der Schweiz seit Beginn der Pandemie.

Der 56-Jährige ist in Zürich geboren und in Dübendorf aufgewachsen, in Neapel hat er dann Literatur studiert. In Italien machte er sich einen Namen als Filmkritiker und schrieb Bücher über John Woo und das Hongkong-Actionkino. Beim Filmfestival Locarno war er zehn Jahre lang als Moderator dabei, daneben wirkte er an den Festivals in Nyon und Rotterdam, zuletzt leitete er die Kritikerwoche in Venedig. Nach dem vorschnellen Abgang der Französin Lili Hinstin nach nur zwei Jahren wurde Nazzaro von Festivalpräsident Marco Solari nach Locarno berufen. Die Spitze des grössten Filmfestivals der Schweiz ist jetzt wieder nur mit Männern besetzt. Darauf angesprochen, sieht Nazzaro kein Problem: «Aber ich kann mir vorstellen, dass man ein Problem sehen wird, wenn man eines sehen will.»

Geschmack zählt nicht

Umso genauer wird man hinschauen, wie er das Festival programmiert. Filme, mit denen er gar nichts anfangen kann? Das kenne er prinzipiell nicht: «Ich liebe alles leidenschaftlich.» Aber wenn einer sagt, dass er alles leidenschaftlich liebt: Gibt es nichts, was er im Kino verabscheut? Doch, doch, sagt Nazzaro, das gebe es schon. Aber Film müsse eine Liebesbeziehung sein, alles andere sei vergeudete Energie. Er spricht damit auch für sich als Filmkritiker: «Die Male, wo ich als Kritiker den Fehler gemacht habe, einen Film zu vernichten, kann ich an einer Hand abzählen. Wenn mir ein Film nicht gefällt, will ich nicht darüber schreiben.»

Hat er also gar keine blinden Flecken? Das sei genau der Punkt, sagt Nazzaro: «Theoretisch beginnt meine Arbeit mit den blinden Flecken. Wenn ich das Festival nur mit meinen Ideen kuratieren würde, dann würde das nicht sehr weit führen. Mein Geschmack, meine Ideen, meine Autoren: Das gilt nur bei mir zu Hause. Im öffentlichen Raum fängt meine Arbeit dort an, wo ich keinen sicheren Fuss mehr habe – dort, wo ich nicht mehr weiss, wo ich bin.»

Als Beispiel erzählt er von einer Entdeckung aus seiner Zeit in Venedig: «The Last of Us», ein Film des Tunesiers Ala Eddine Slim, völlig anders als alles, was er bis dahin kannte. Drei Tage lang habe er sich den Kopf darüber zerbrochen, sagt Nazzaro: «Ich wusste einfach nicht, was ich damit anfangen sollte. Dann war mir klar, dass ich den Film einladen würde – gerade weil ich es nicht wusste.» Kino als Medium der Verunsicherung? «Wenn wir uns immer nur in unseren Gewissheiten bestätigen, bringt das keine interessante Kunst hervor.»

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