Nr. 18/2021 vom 06.05.2021

«Diese Frauen waren dabei, alles umzukrempeln»

Die US-amerikanische Historikerin Carolyn J. Eichner forscht seit langem zu den Frauen und Revolutionärinnen in der Pariser Kommune. Nach nur 72 Tagen beendete die französische Regierung die sozialistische Selbstverwaltung im Mai 1871 mit einem Blutbad. Was ist geblieben von den feministischen Kämpfen jener Zeit?

Interview: Merièm StruplerMail an AutorIn

Carolyn J. Eichner

WOZ: Frau Dr. Eichner, die Pariser Kommune liegt mittlerweile 150 Jahre zurück. Welche Bedeutung hat sie heute noch?
Carolyn J. Eichner: Die Kommune war ein Moment, in dem eine radikale Form von Demokratie möglich schien, in dem für kurze Zeit sozialistische, anarchistische und feministische Ideen ausprobiert worden sind. Das ist es, worauf noch 150 Jahre später viele progressive Bewegungen zurückblicken: Es war damals möglich – und wäre auch heute möglich. Das ist es auch, was der französischen Regierung und im Grunde allen Regierungen Angst gemacht hat. Es hat sie so sehr erschreckt, dass sie es für angebracht hielten, 20 000 Menschen in den Strassen von Paris abzuschlachten. Wenn etwas so bedrohlich für die Herrschenden und zugleich möglich scheint, kann es für immer in der internationalen Vorstellungskraft bleiben.

Sie leben in den USA und studierten einst Wirtschaft. Wie kamen Sie dazu, über die Pariser Kommune zu forschen?
Es ist über zwanzig Jahre her, dass ich mit meiner Arbeit zur Kommune begonnen habe – und das Thema fasziniert mich bis heute! Ich habe im Bachelor Finanzwesen studiert, aber ich hasste das Studium. Mein Masterstudium in Geschichte begann ich dann mit einem frischen Geist. In einem Kurs über moderne europäische Geschichte stiess ich auf die Pariser Kommune, von der ich noch nie gehört hatte, und war fasziniert. Seit ich denken kann, bin ich Feministin und interessiere mich für progressive Ideen. Daher habe ich mich gefragt: Wo sind die Frauen in dieser Geschichte?

Zu dieser Frage haben Sie Ihre Master- und Ihre Doktorarbeit verfasst; aus der Dissertation ist ein Buch entstanden. Wie schwer war es, Antworten zu finden?
Als ich 1988 an meiner Masterarbeit schrieb, war erst sehr wenig zum Thema veröffentlicht worden, und ich hatte damals lediglich eine Woche Zeit, um in Paris zu recherchieren. Es gab nur so kleine Häppchen, die ich zusammentrug: ein paar französische Artikel aus den fünfziger sowie ein Buch aus den sechziger Jahren. Später dann, als ich promovierte, konnte ich viel Zeit in Archiven in Paris, Amsterdam und England verbringen. Dort habe ich mehr Quellen gefunden, etwa Dokumente der Frauenorganisation Union des femmes. Stellen Sie sich vor: Hundert Jahre lang hatten die Wissenschaftler, die Männer, die über die Pariser Kommune geschrieben haben, keinerlei Interesse an der Beteiligung der Frauen gezeigt. Die Anarchistin Louise Michel war die einzige Frau, die, wenn überhaupt, erwähnt wurde.

Sie haben Louise Michel in ihrem Buch also bewusst nur kurz erwähnt, weil sie bereits bekannt war?
Ganz genau.

Stattdessen porträtieren Sie die Revolutionärinnen André Léo, Elisabeth Dmitrieff und Paule Mink. Warum haben Sie sich für diese drei Frauen entschieden?
Zum einen aus pragmatischen Gründen: Ich habe eine Menge Quellenmaterial über die drei gefunden, sodass ich anfangen konnte, deren Leben und Arbeit wirklich zu verstehen. Zum anderen aber auch, weil die drei unterschiedliche Ansätze von feministischem Sozialismus vertraten. Die Leute sind oft überrascht, dass es im 19. Jahrhundert oder in der Pariser Kommune überhaupt Feminismus gab. Deshalb dachte ich, die Bandbreite des damaligen feministischen Sozialismus lässt sich gut anhand der Positionen von Léo, Dmitrieff und Mink veranschaulichen. Zur Zeit der Kommune war Léo eine eher gemässigte sozialistische Feministin, Mink wiederum eine revolutionäre, anarchistische Feministin. Dmitrieff vertrat einen russischen feministischen Populismus, der zugleich von den Ideen von Karl Marx beeinflusst war.

Die drei Kommunardinnen hatten auch recht unterschiedliche soziale Hintergründe.
Ja, Léo war eine berühmte Schriftstellerin, die aber später einfach aus der Geschichte verschwand. Mink hatte als alleinerziehende Mutter in Armut viel zu kämpfen, aber sie war hingebungsvoll in ihrer politischen Arbeit und verschrieb sich ganz der Idee der Revolution. Die russische Sozialistin Dmitrieff wiederum war erst zwanzig Jahre alt, als sie, zehn Tage nach Proklamation der Kommune, nach Paris kam und dort die grösste und am besten organisierte Vereinigung der Kommune gründete – die Union des femmes. Alle drei waren wirklich fabelhafte und faszinierende Charaktere.

Gemeinhin gilt der 18. März 1871 als Beginn der Pariser Kommune. Wo aber, würden Sie sagen, beginnt die feministische Geschichte, die zur Pariser Kommune führte?
1868 liberalisierte Napoleon III. das Kaiserreich und erlaubte die Rede- und Pressefreiheit. Plötzlich gab es Hunderte neue Zeitungen und vielerorts öffentliche Versammlungen, wo sich abends Tausende Leute trafen, um wichtige politische Themen zu diskutieren. Dazu gehörten auch Themen rund um die Arbeitssituation der Frauen und die Ehe. Die Versammlungen dienten als Übungsfeld für die Kommune, denn dort sprachen neben revolutionär Gesinnten auch ganz gewöhnliche Leute.

Mit der Internationale, verschiedenen Frauenorganisationen und Frauen in der Internationale entstand zudem eine sozialistische Bewegung, die als eine Art Vorbereitung für die Kommune fungierte. Mitte der sechziger Jahre gründeten beispielsweise André Léo und Paule Mink zusammen mit ein paar bürgerlichen Feministinnen eine Organisation für Frauenrechte, die das Frauenwahlrecht einführen wollte. Die Feministinnen hatten ein grosses historisches Bewusstsein und bezogen sich auf die feministischen Kämpfe während der Französischen Revolution 1789 und der Februarrevolution 1848.

Léo, Mink und Michel waren schon vorher politisch aktiv. Welchen Hintergrund hatte aber die Mehrheit der Frauen in der Pariser Kommune?
Der Grossteil der Bourgeoisie hatte die Stadt schon vor oder während des französisch-preussischen Krieges verlassen. Als 1870 die preussische Belagerung von Paris begann, zog die französische Armee ab und erlaubte der Bevölkerung, die Stadt zu verlassen. Deswegen waren die einzigen Angehörigen der Bourgeoisie, die in die Kommune involviert waren, Sozialistinnen und Sozialisten. Es war also tatsächlich eine Revolution der Arbeiterklasse und der SozialistInnen.

Der Titel Ihres Buchs, «Surmounting the Barricades» (Die Barrikaden überwinden), ist mehrdeutig. Welche Barrikaden überwanden denn die Frauen während der Kommune?
Gerade wegen der Mehrdeutigkeit habe ich diesen Titel gewählt. Am offensichtlichsten sind natürlich die Kämpfe auf den Barrikaden, an denen sich die Frauen beteiligten. Aber hinzu kommen all die Barrikaden des Patriarchats und des Kapitalismus und deren Überschneidungen. Barrikaden wurden in Bezug auf das Familienleben, auf die Teilnahme an der Politik überwunden. In den 72 Tagen der Kommune wurde so vieles anders organisiert: Frauenarbeit, das Schulwesen, die Ehegesetze.

Wie wurde das Schulsystem reformiert?
Das ist eines der grossen Projekte, an dem Louise Michel als Lehrerin beteiligt war. Sie gründete gemeinsam mit anderen Frauen die Organisation Nouvelle éducation, um das Bildungswesen neu zu gestalten. Der Schulbesuch wurde Pflicht und kostenlos für alle Kinder – für Jungen und Mädchen gleichermassen. Obwohl diese Organisation nicht Teil der formellen Kommunenregierung war, machte sie deren Arbeit, was diese auch ohne Weiteres genehmigte. Dadurch waren schnelle Veränderungen möglich, was die Kommunardinnen auf ungewöhnliche und kreative Weise nutzten.

Was hat sich bei den Ehegesetzen verändert?
Das französische Zivilrecht, der Code civil von Napoléon Bonaparte, hat die Frauen unterdrückt. Viele Paare aus der Arbeiterklasse wollten nicht legal heiraten – einerseits, weil sie gegen die Kirche waren, andererseits, weil sie es sich gar nicht leisten konnten, den Priester zu bezahlen. Aber nicht verheiratete Frauen erhielten beim Tod ihres Partners keine Witwenrente, und die Stigmatisierung von ausserehelichen Kindern und ihren Müttern war riesig. Die Kommune hingegen anerkannte die freie Vereinigung als gleichwertig zur legalen Ehe. Ich würde daher von politischen, wirtschaftlichen, sozialen und physischen Barrikaden sprechen, die überwunden wurden.

Kämpften die Frauen auch im Wortsinn auf den Barrikaden, also mit der Waffe in der Hand?
Die Frauen machten alles. Hinter den Barrikaden waren sie oft Krankenpflegerinnen oder Köchinnen, was als traditionelle Arbeit gilt, aber nicht weniger wichtig ist. Sie kämpften aber auch in gemischten Bataillonen, und es gab eine Frauenbarrikade. Der ultrakonservative britische Historiker Robert Tombs behauptet zwar, dass es während der Kommune keinen Feminismus gegeben habe und die Frauenbarrikade ein Mythos sei. Aber sie ist kein Mythos! Es ist belegt, dass die Frauenbarrikade existierte – und als eine der letzten Barrikaden Widerstand leistete.

Doch obwohl die Frauen massgeblich an der Organisation und Verteidigung der Kommune beteiligt waren, hatten sie auch in dieser kein Stimmrecht. Woran lag das?
Das ist ein interessanter Aspekt des Feminismus der 1860er Jahre. Paule Mink und André Léo hatten sich ja davor für das Frauenwahlrecht eingesetzt, sie dachten, das sei die Lösung. Louise Michel dachte das nicht. Sie war überzeugt, dass die Gesellschaft komplett verändert werden müsste. Wählen in einer ungleichen Gesellschaft? Das ergab für sie keinen Sinn.

Warum hat sich die Position von Mink und Léo durch die Kommune verändert?
Die Feministinnen hatten auf einmal schlichtweg kein Interesse mehr daran, zu wählen oder Teil der Regierung zu werden. Sie interessierte der ausserstaatliche Aktivismus. Das sahen auch viele Männer während der Kommune so. Sie dachten, die Kommune sei ohnehin nur eine Übergangszeit zwischen dem alten kapitalistischen und dem zukünftigen System. Die Kommunardinnen waren dabei, alles umzugestalten. Es ging um so viel mehr – das war das radikale Potenzial daran! Wenn nun Leute behaupten, es habe während der Kommune keine Feministinnen gegeben, weil sich diese nicht für das Wahlrecht eingesetzt hatten, dann ist das schlichtweg falsch – und zeigt nur, wie enorm verengt der Blick dieser Leute ist, der so viel Feministisches aus jener Zeit einfach übersieht.

Die feministische Bewegung hatte aber auch Gegner in den eigenen Reihen: antifeministische Revolutionäre wie etwa den Anarchisten Pierre-Joseph Proudhon.
Ja, die Bewegung wurde von den Historikern wohl auch deshalb oft ignoriert, weil Proudhon den französischen Sozialismus dominierte. Die meisten Mitglieder der Internationale waren Anhänger von Proudhon – aber nicht alle! Die Kommunarden Eugène Varlin, Leo Frankel und Élisée Reclus etwa waren Feministen und echte Verbündete von Léo und Mink.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass es auch in der Pariser Kommune eine männlich dominierte, sozialistische Agenda gegeben habe, die sich vor allem auf Klassen- und religiöse Unterdrückung konzentrierte. Gelang es den Kommunardinnen, das zu ändern?
Sie konnten einige Veränderungen bewirken. Sie organisierten sich untereinander, etwa in der von Elisabeth Dmitrieff gegründeten Union des femmes. Dmitrieff hatte aber auch sehr gute Verbindungen zu Karl Marx. Er hatte sie gebeten, nach Paris zu gehen, als die Kommune entstand. Auch sonst war sie gut vernetzt. Leo Frankel leitete etwa die kommunale Arbeitskommission, die die Union des femmes finanziell unterstützte. So nutzte Dmitrieff die Ressourcen der von Männern kontrollierten Regierung, um die Arbeitssituation der Frauen zu verbessern. Viele damalige Sozialisten meinten: Wenn die Revolution kommt, werden alle gleich sein. Aber die Revolutionärinnen wussten: Wir werden nicht alle gleich sein, sondern die Revolution wird von eben diesen Sozialisten dominiert werden.

Was unternahmen sie dagegen?
Sie versuchten, einerseits diese Männer aufzuklären und andererseits ihre eigene Schlagkraft zu stärken. Durch Journalismus, Aktivismus und kollektive Organisation probierten sie alles in ihrer Macht Stehende, um die Verhältnisse zu verändern. Mit der Hilfe von einigen Männern, die formale Macht besassen – und mit viel feministischem Widerstand.

Wie hat die französische Regierung in Versailles die Frauen der Pariser Kommune dargestellt?
Die Kommunardinnen machten der Zentralregierung und der Bourgeoisie wirklich Angst, denn sie bedrohten die Klassen- und die Geschlechterhierarchie. Das war für die Männer an der Macht beängstigend, moralisch falsch und schlicht abscheulich. Die Kommunarden waren für sie schon schlimm genug. Aber dass Frauen dasselbe taten, das war für sie, als ob die ganze Welt auf den Kopf gestellt würde.

Das bekannteste Stereotyp war die «pétroleuse», also eine angebliche Brandstifterin. Demnach sollten «hysterische» Frauen schuld am Brand von Paris sein. Es kursierten viele Karikaturen und Zeichnungen von Pariserinnen, die mit Eimern voller Kerosin Feuer legen. Die Frauen auf diesen Darstellungen sind alt und sehen schrecklich aus, ganz dünn, mit Brüsten, die praktisch zu den Knien herunterhängen. Die furchtbaren Karikaturen sollten zeigen, dass die Frauen von Paris verrückt seien, weil sie nicht mehr die ihnen vorgeschriebenen Rollen einnahmen.

Als nach der blutigen Woche im Mai Zehntausende Gefangene aus Paris zu den Gefängnissen in Versailles eskortiert wurden, stellten sich die Bourgeois entlang der Strasse auf, bespuckten die Kommunardinnen und warfen Dinge nach ihnen; die Frauen aus der Bourgeoisie schlugen sie mit Regenschirmen.

Den KommunardInnen blieb mit nur 72 Tagen nicht genug Zeit, um eine egalitäre Gesellschaft aufzubauen. Anfang Mai begann die Niederschlagung der Kommune.
Es war so brutal! Erst vor kurzem habe ich zudem herausgefunden, wie verbreitet sexualisierte Gewalt bei der Niederschlagung war. Die französischen Soldaten griffen Frauen an, vergewaltigten sie und töteten sie anschliessend. Die Leichen liessen sie auf der Strasse liegen. Dies überrascht mich zwar nicht, das passiert im Krieg oft. Aber mich überrascht, dass bisher kaum jemand darüber geschrieben hat. Die sexualisierte und geschlechtsspezifische Gewalt wurde gezielt angewendet, um die Frauen zu demütigen und ein Exempel zu statuieren. Man wollte den Frauen Angst machen, damit sie so etwas nie wieder tun.

Das Ende der Kommune ist furchtbar und schrecklich deprimierend. Ich fand den Ansatz der Autorin Kristin Ross deshalb tröstlich: Sie argumentiert, dass die Geschichte der Ideen, die der Kommune zugrunde lagen, schon früher beginnt – und ihre Errungenschaften auch die Niederschlagung überdauern.
Dem stimme ich definitiv zu. So viele Leute sind damals gestorben. 4500 wurden nach Neukaledonien geschickt. Nur 25 von ihnen waren Frauen, darunter Louise Michel. Viele, die Glück hatten und der Repression entkamen, gingen in die Schweiz, nach England, in die Vereinigten Staaten oder nach Belgien ins Exil. Von dort aus hielten sie die Ideen am Leben. Sie stritten weiterhin ideologisch miteinander und versuchten, Veränderungen zu bewirken.

Einige Errungenschaften der Kommune wurden später Teil von Frankreichs dritter Republik.
Ja, die obligatorische Schulbildung zum Beispiel oder die Trennung von Kirche und Staat. Während der Kommune in Paris gab es überdies rund zwölf weitere Kommunen in anderen Städten Frankreichs, die jedoch meist nur ein paar Tage Bestand hatten. Die radikaleren Ideen der Kommune findet man in anderen Ländern wieder. Das gesamte 20. Jahrhundert hindurch bezogen sich politische Bewegungen immer wieder darauf – bis heute. Denken Sie nur an das Rettungsschiff für Flüchtlinge im Mittelmeer, das «Louise Michel» heisst … Die französische Regierung hat 1871 eine Menge Menschen getötet und traumatisiert. Die Gewalt, die Morde, die Vergewaltigungen waren furchtbar. Aber die Ideen konnte sie nicht töten. Deshalb denke ich, dass die Ideen am Ende gewinnen werden.

Inwiefern?
Der Geist der Kommune ist immer noch lebendig. Sie ist ein gutes Beispiel dafür, dass Menschen, wenn sie sich gemeinsam organisieren und nicht untereinander bekämpfen, Veränderungen erkämpfen und Solidarität leben können. Die Kommunenregierung führte beispielsweise Lohngleichheit für Lehrerinnen und Lehrer ein. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit – das existiert in den USA bis heute nicht.

In der Schweiz auch nicht.
Ich weiss nicht, ob es das irgendwo gibt. Ich denke, die Kommune ist ein grossartiges Beispiel dafür, dass die Verwirklichung selbst sehr progressiver und sehr optimistischer Ideen nicht unmöglich ist. Vermutlich ist das der Grund, warum immer wieder Menschen darauf zurückblicken. Selbst 150 Jahre später.

Wie erging es den Kommunardinnen aus Ihrem Buch im späteren Leben?
Léo war von der autoritären Wende der Kommunenregierung enttäuscht, unter anderem hatte diese ein Komitee für öffentliche Sicherheit gebildet, das gegenüber der Bevölkerung nicht rechenschaftspflichtig war. Léo verliess daraufhin das öffentliche Leben weitestgehend. Elisabeth Dmitrieff ging zurück nach Russland und arbeitete später als Journalistin. Paule Mink und Louise Michel aber blieben ihr Leben lang der Idee der Revolution verbunden. Jeden einzelnen Tag bis an ihr Lebensende folgten ihnen Polizeispitzel. Die Polizeiakten umfassen stapelweise Kisten mit Papieren und Notizen. Selbst zum Inhalt der Reden machten die Polizisten Notizen. Das war eine tolle Quelle für meine Forschung, auch wenn die Beschreibungen grauenhaft sexistisch waren. Die Spitzel stellten die beiden als hässlich dar, mit schlechter Hygiene, grossen Nasen … Aber die Berichte zeigen auch: Mink und Michel blieben eine grosse Bedrohung für die Regierung – bis zu ihrem Tod. Zu ihren Beerdigungen 1901 und 1905 versammelten sich Zehntausende am Friedhof, das Polizeiaufgebot war unglaublich. Diese Frauen besassen sogar nach ihrem Tod so viel Einfluss, dass die Herrschenden Angst hatten, an der Beerdigung würde eine neue Kommune ausgerufen!

Die Pariser Kommune

Bis zur letzten ­Barrikade

Die Bürgerwehr
Anfang September 1870 verliert Frankreich den Krieg gegen Preussen. Kaiser Napoleon III. wird gestürzt und die Republik ausgerufen. In Paris organisiert eine Übergangsregierung die Verteidigung des Landes: Die Bevölkerung spendet, um Kanonen zu kaufen, und es wird eine Bürgerwehr gegründet – die Nationalgarde.

Die Belagerung
Die preussische Armee rückt rasch vor. Ab dem 19. September 1870 steht sie vor den Toren von Paris. Während der monatelangen Belagerung im kalten Winter leidet die Pariser Bevölkerung Hunger.

Der Waffenstillstand
Frankreichs Regierung in Versailles stimmt am 28. Januar 1871 dem Waffenstillstand mit dem deutschen Kanzler Otto von Bismarck zu und akzeptiert dabei einschneidende Friedensbedingungen. Die Pariser Bevölkerung, die der preussischen Belagerung 138 Tage lang standgehalten hat, fühlt sich verraten.

Die Kanonen auf dem Montmartre
Als die französische Regierung am 18. März 1871 die Nationalgarde entwaffnen und die – von der Bevölkerung gekauften – Kanonen auf dem Montmartre beschlagnahmen will, leisten die Pariser ArbeiterInnen und die Nationalgarde Widerstand. Sie besetzen die wichtigsten öffentlichen Gebäude. Auf dem Rathaus von Paris wird die rote Fahne der Revolution gehisst.

Der revolutionäre Rat
Das Zentralkomitee der Nationalgarde übernimmt die Macht. Am 26. März 1871 finden Neuwahlen statt, und die Kommune wird ausgerufen. Unter den neuen Abgeordneten sind Arbeiter, Handwerker, Journalisten, Rechtsanwälte, Ärzte und Künstler aus der revolutionären Linken.

Die 72 Tage
Der revolutionäre Gemeinderat strebt mit seinem Manifest vom 19. April 1871 die Umgestaltung Frankreichs in einen Bund souveräner Kommunen an. Während der 72 Tage der Pariser Kommune wird vieles neu organisiert: So werden etwa Betriebe von ArbeiterInnengenossenschaften kollektiv verwaltet und die Trennung von Kirche und Staat wird proklamiert.

Die blutige Woche
Die Versailler Regierung verstärkt mit Unterstützung von Kanzler Bismarck die französische Armee. Am 21. Mai 1871 stürmen die Regierungstruppen Paris. Ein paar Zehntausend KommunardInnen stehen 130 000 Soldaten gegenüber. Die Rache der Regierung ist furchtbar. Die KommunardInnen töten ihrerseits Geiseln und stecken aus Verzweiflung bedeutende Gebäude in Brand.

Die letzte Barrikade
Am 28. Mai 1871 fällt die letzte Barrikade: 20 000 KommunardInnen – darunter auch Kinder – sind während der Strassenkämpfe getötet worden. 43 000 Männer, Frauen und Kinder landen im Gefängnis oder werden in die entfernteste französische Kolonie – Neukaledonien im Südpazifik – deportiert. Jene, die den Verhaftungen entkommen, gehen ins Exil.

Merièm Strupler

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch