Nr. 18/2021 vom 06.05.2021

Sie werfen anderen vor, Widersprüche nicht auszuhalten, und verfangen sich selbst darin

Adolf Muschg hat die «Cancel Culture» mit «Auschwitz» verglichen und wird dafür auch noch verteidigt. Das ist eine unerträgliche Banalisierung des Holocaust, stellt die Tochter eines Überlebenden klar.

Von Charlotte Schallié, Victoria, Kanada

Ermordet in Auschwitz: Ausschnitt aus einer Mauer mit Fotos von Deportierten in einer Baracke des ehemaligen Vernichtungslagers. Foto: Sebastien Ortola, Laif

Die RedefreiheitskämpferInnen, die das Inventar des Dritten Reichs heraufbeschwören, um in zeitpolitischen Fragen zu punkten, treten wieder häufiger hervor. Vielleicht hätte ich weniger Mühe mit ihnen, wäre ich nicht selbst in den Überresten dieser Geschichte ansässig.

Der Ort Auschwitz ist für mich keine sprachliche Drohgebärde, mit der ich anderen über den Mund fahre, wenn mir die schlagkräftigen Erklärungen ausgehen. Wer auf den sogenannten «Judenstempel» zurückgreift, um zu bekräftigen, welche gesellschaftlichen Mechanismen am Werk sind, wenn man glaubt, im öffentlichen Diskurs für eine ehemalige Entgleisung abgestempelt zu werden, der liegt immer falsch. Immer. Ausnahmslos. Wer die Un-Orte der Geschichte in eine unterhaltsame Konversation einstreut, um Begebenheiten miteinander in Einklang zu bringen, die kausal und historisch nichts verbindet, der argumentiert immer unverhältnismässig. Immer. Ausnahmslos.

Einigen von uns steckt der Holocaust in den Knochen. Der Holocaust als Begriffserklärung ist kein Ball, den wir in die Runde werfen (als befänden wir uns in einem fröhlichen Kooperationsspiel), um damit jemandem das Wort zu übergeben. Es ist kein Stichwort, das wir gezielt platzieren, um mediale Aufmerksamkeit zu erhaschen. Der Holocaust ist die Erbschaft, die uns wohl oder übel aufgetragen wurde. Mit dieser Erbschaft verbunden haben wir auch einen empfindsamen Seismografen auf den Lebensweg mitbekommen, ein Warnsignal, das sich laut bemerkbar macht, wenn etwas in Schieflage gerät.

In Schieflage geraten ist vieles. Denn mittlerweile machen auch die Koryphäen des einst differenzierten Einspruchs nicht davor halt, persönlich erfahrene Kränkungen mit einem Völkermord oder einem Menschheitsverbrechen zu assoziieren. Wer «Auschwitz» nicht länger in die Diskurssprache einbringen darf, erliege einem Denkverbot, behaupten sie. Und wohin solche Denkverbote einst führten, erklären sie sinngemäss, das wurde uns allen in aller Deutlichkeit durch den Holocaust vor Augen geführt. Hier beginnen und enden die Unendlichkeitsschleifen ihres abstrusen Philosophierens.

Charlotte Schallié Foto: Chorong Kim

Diese einst zu nuanciertem Denken fähigen Stimmen werfen anderen vor, Widersprüche nicht auszuhalten, und dabei verfangen sie sich doch selbst in ihnen. Sie poltern auf allen medialen Kanälen, beanspruchen Deutungshoheit und machen gleichzeitig jene mundtot, die sich ihnen in den Weg stellen. Sie suchen sich Beistand von anderen Gleichgesinnten, und keine verbale Waffe ist wirksamer als jene, die in die Dunkelkammer der deutschen Geschichte zurückführt. Dass diese (nach eigenen Aussagen) geschmähten MeinungsmacherInnen von uns allen mit Aufmerksamkeit geradezu überschüttet werden, ist einer dieser Widersprüche, über die sie selber geflissentlich hinwegsehen. Denn ihnen steht das Privileg zu, auch dann noch ein bühnenwirksames Sprachrohr zu haben, wenn sie sich erneut in nebulösem Denken, Tabubrüchen oder Dummheiten verheddern. Wenn jemand hier eine «Cancel Culture» verkörpert oder gar inszeniert, dann sind es jene Stimmen, die am lautesten beklagen, von ihr gecancelt zu werden.

Was macht das mit uns? Uns, die wir in den Ausläufern dieser elenden Geschichte zu Hause sind und die sich jetzt auch zu Wort melden. Weil es unerträglich ist, einfach stillzuhalten, nichts zu sagen, abzuwarten, dass dieses unheilvolle Gezeter der Denker, Künstlerinnen und Medienschaffenden wieder vorbeigeht. Sollen wir dem allem kommentarlos zuhören, als würde es uns nichts angehen? Und dabei stillschweigend der Geschichte, die wie eine Wutentbrannte auf unsere Familien eingeschlagen hat, gedenken, als wäre diese nur eine Angelegenheit von uns wenigen? Diese Geschichte schlägt jetzt wieder ein und tut es tatsächlich in einer anderen Form. In einer Form, die den Holocaust banalisiert, trivialisiert, verharmlost und verleugnet.

Weil unsere Eltern wussten, was die Geschichte mit einem macht, wenn sie wieder auflodert, sind viele von uns in Familien grossgeworden, die uns die Vergangenheit verschwiegen haben. So war es auch bei mir: Ich habe erst als junge Erwachsene herausgefunden, dass ich einen jüdischen Vater habe. Erst dann und nur ganz allmählich hat er mir davon erzählt, dass seine Mutter, meine Grossmutter, deren Namen ich trage, in Auschwitz ermordet wurde. Gleichzeitig hat er mir den Rest der Familie, für den meine Mutter und ich nicht existierten, vorenthalten. Erst vor einem Jahr, nachdem ich mit zwei Halbschwestern Kontakt aufgenommen hatte, habe ich erfahren, dass unser ungarischer Familienstammbaum mit der einst weitverzweigten Baumkrone auch jetzt wieder voller Äste ist, die in alle Himmelsrichtungen ausschlagen.

Wir sind trotzig, unnachgiebig und wild. Wir sind aus Europa ausgewandert, weil wir es in unserem alten Zuhause nicht mehr aushielten, und leben jetzt in Kanada, den USA und Australien. Mein Vater, der aus allem Vergangenen geflüchtet ist, ist schon seit vielen Jahren tot. Ich hätte ihn, als er endlich mit dem Erzählen loslegte, ausfragen sollen, immer wieder fragen sollen, unter welchen Umständen er überlebte, aber jeder einzelne Erinnerungsschub war für ihn mit einer hereinbrechenden Depression verbunden. So habe ich nicht weitergefragt. Wer will schon den Vater noch einmal in den Abgrund stürzen lassen.

Aufgewachsen in Verschwiegenem, in Familienlügen, die uns hätten vor uns selber schützen sollen, reagieren wir, die mit den Überresten des Holocaust leben, empfindlich auf den Missbrauch der Geschichte. Wenn dieser Missbrauch jetzt auch aus dem Mund jener kommt, die wir einst für unsere Verbündeten hielten, ist es umso unbegreiflicher.

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