Nr. 21/2021 vom 27.05.2021

Das brüchige Band der Nachbarschaft

Bisher lebten in Jaffa Palästinenser und Jüdinnen friedlich Tür an Tür. Jetzt wagen sich die Menschen kaum mehr auf die Strassen. Und sie erzählen von der Angst vor ihren NachbarInnen.

Von Agnes Fazekas, Tel Aviv

Angespannte Ruhe: Israelische Polizisten patrouillieren in den Strassen von Jaffa. Foto: Corinna Kern, Laif

«Für die Mutigen: Wir haben heute geöffnet», posteten die BetreiberInnen der Shaffa-Bar vergangene Woche auf Instagram. Tel Aviver HipsterInnen gilt das Café im bunten Flohmarktviertel Jaffas als Institution. Es ist einer der ersten jüdischen Läden, die sich in die nördlichste Nachbarschaft der arabischen Hafenstadt wagten. Eine Oase der Linksliberalen, in der auch die afrikanischen Tellerwäscher zur lauten Musik mitfeiern dürfen.

Doch derzeit ist Jaffa tagsüber noch ruhiger als zu Zeiten der strengen Lockdowns. Jüdische und arabische Lynchmobs, Brandbomben werfende Jugendliche und Polizeigewalt bestimmen die Atmosphäre in dem sonst so quirligen Viertel mit dem mediterranen Flair. Wegen anhaltender Ausschreitungen sind überall Checkpoints, PolizistInnen und Militär. Während in Gaza ein neuer Konflikt gärt, eskaliert die Gewalt zwischen jüdischen und arabischen Israelis, die seit Generationen friedlich nebeneinander wohnen.

Der Schauspieler Morad Hassan sitzt an einem Tisch auf der Terrasse der Shaffa-Bar und trinkt einen Eistee. Der 38-jährige Palästinenser ist mit der jüdischen Besitzerin befreundet, die ihn umarmt und sagt: «Schön, dich zu sehen. Mir tut das Herz weh.» In seiner Strasse habe gerade das letzte arabische Café geschlossen, sagt Hassan mit müder Stimme. «Mit der Gentrifizierung werden wir Palästinenser nicht nur aus dem Wohnungsmarkt von Jaffa gedrängt, unsere kollektive Erinnerung wird ausgelöscht», kritisiert er.

Er meint die Erinnerungen der Familien, die im Krieg 1948 nicht geflohen sind. Nur etwa 4000 der damals 100 000 PalästinenserInnen blieben nach der «Nakba», der «grossen Katastrophe», in dem fortan von Israel kontrollierten Gebiet. Sie wurden erst in Jaffa im Viertel Ajami in ein Ghetto abgeschoben und mieteten sich Jahre später ihre Häuser zurück – von den neuen jüdischen BesitzerInnen oder der staatlichen Immobiliengesellschaft Amidar.

Vor einigen Jahren aber entdeckten wohlhabende JüdInnen den Charme des Viertels mit Meerblick, alten Mauern und den hohen Decken. Nach den linken Intellektuellen und Künstlerinnen kamen die Touristen, die PalästinenserInnen wurden immer mehr verdrängt. Die Mietpreise stiegen, schicke Neubauten wurden nicht mehr an AraberInnen vermietet. Immer mehr nationalreligiöse JüdInnen liessen sich im arabischen Ajami, dem Herzen von Jaffa, nieder. Die Taktik dahinter erklärte schon 2015 der Rabbiner Eliyahu Mali, Rektor einer Talmud-Hochschule, so: «In den letzten dreissig Jahren haben wir mit der Gründung von Siedlungen schon viel erreicht. Aber jetzt ist es an der Zeit, den Kampf an anderer Stelle fortzuführen.» Der orthodoxe Jude hatte selbst zuvor in der Siedlung Beth El im Westjordanland gelebt, bevor er nach Jaffa zog.

Lynchjustiz auf beiden Seiten

Der Palästinenser Hassan stammt aus einem Dorf in Galiläa. Er war Schauspieler am arabischen Al-Midan-Theater, dem 2015 von der rechten Kulturministerin Miri Regev die Gelder gestrichen wurden. Dass er nun in Jaffa in einer mehrheitlich «jüdischen» Strasse lebe, sei ihm aber erst kürzlich richtig bewusst geworden. Als er am Morgen nach der ersten Raketennacht aus dem Haus trat, fand er sein Auto ausgebrannt vor. Es war nicht das einzige. In der Nacht waren arabische Jugendliche um die Häuser gezogen und hatten Autos angezündet, von denen sie dachten, sie würden JüdInnen gehören. Maskierte JüdInnen wiederum randalierten vor einem vermeintlich arabischen Häuserblock.

Auch sonst kam es in vielen gemischten Orten zu weiteren Zusammenstössen. Ausgerechnet die Orte, die zuvor für ein friedliches Zusammenleben gestanden hatten, wurden zu Brennpunkten. Durch die Stadt Ramle zogen arabische Jugendliche und warfen Brandbomben in Autos. Im Gegenzug organisierten sich rechtsextreme jüdische Schlägertrupps und fielen in arabische Viertel ein. In Lod, einer Stadt mit 80 000 EinwohnerInnen, in der jedeR Dritte einen arabischen Hintergrund hat, brannte eine Synagoge. Der jüdische Bürgermeister sprach gar von einer «Kristallnacht». Mitte Mai erlag der jüdische Elektriker Yigal Yehoshua seinen Verletzungen, nachdem er ebenfalls in Lod von arabischen Israelis mit Steinen angegriffen worden war. «Wenn es ein Symbol für die friedliche Koexistenz gab, dann war es Yigal. Er arbeitete gemeinsam mit allen, mit Juden und Arabern», sagt seine Frau Irena, die nun mit den zwei Kindern alleine zurechtkommen muss. Sie und ihr Mann hätten nie geglaubt, dass der Hass von militanten JüdInnen und AraberInnen sie einmal selbst betreffen könnte.

In Bat Yam filmte ein Journalist, wie jüdische Extremisten einen Araber aus dem Auto zogen und fast zu Tode prügelten. Verhaftet worden seien bis jetzt aber nur Palästinenser. Auf Demonstrationen wurden auch schon dunkelhäutigere JüdInnen, die sich eigentlich mit den AraberInnen solidarisieren wollten, fortgejagt, weil diese befürchteten, sie seien als PalästinenserInnen verkleidete PolizistInnen. Zwar gibt es momentan einen Waffenstillstand zwischen der israelischen Regierung und der radikalislamischen Hamas, aber die vergangenen Wochen erlebte das Land den heftigsten Gewaltausbruch seit dem Ende der zweiten Intifada 2005.

Über die Wut der arabischen Israelis wundert sich Schauspieler Hassan nicht. «Die jungen Araber hier in Jaffa oder in Lod haben keine Zukunft», sagt er. Wenn ein arabischer Israeli Erfolg habe, dann sei das ein Einzelfall. Für den Schauspieler sind das die «guten Araber», die ihre palästinensische Identität aus Sehnsucht nach Gleichberechtigung aufgeben würden. Oder wie eine israelische Journalistin kürzlich schrieb: «Es ist eine Generation, die lange nach der Nakba geboren wurde. Viele haben alles getan, was das jüdische Establishment von ihnen verlangte. Sie lernten Hebräisch, gingen zur Uni und wurden Arzt oder Anwältin. Integration war das Versprechen für diejenigen, die mit Auszeichnung bestanden. Aber der Preis war klar: Sie mussten sich einverstanden erklären, für immer Bürger zweiter Klasse zu sein. Ihre eigene nationale Identität zu unterdrücken. Nette Apotheker oder Hummushändler zu sein, aber die Klappe zu halten.»

Die Spannungen in Jaffa wuchsen zusätzlich, nachdem eine Feuerbombe in eine Wohnung im Viertel Ajami geflogen war und einen zwölfjährigen Araber schwer verletzt hatte. Am Haus hing Festschmuck zum Ramadan. Laut Medienberichten wird ein Araber verdächtigt, dieses Attentat verübt zu haben. Für Hassan ein «schlechter Witz», seiner Meinung nach können nur jüdische RandaliererInnen dafür verantwortlich sein. «Bleibt in euren Häusern. Da kommen jüdische Extremisten», wurde in jener Nacht aus den Lautsprechern der Moscheen gewarnt. Zuvor hatte die rassistische jüdische Hooligantruppe Lehava online zu Gewalt aufgefordert. «Kommt mit Flaggen, Messern, Gewehren und allem, was ihnen wehtut», hiess es in ihrem Aufruf in den sozialen Netzwerken: «Wir werden die Ehre des jüdischen Volks wiederherstellen.» Ayman Odeh, Vorsitzender der linken arabisch-israelischen Partei Vereinte Liste, beschuldigt die Regierung von Premierminister Benjamin Netanjahu, die Spannungen angeheizt zu haben.

Die Palästinenserin Adrieh Abou Shehadeh stand nachts am Fenster ihrer Wohnung in Dalet, im Süden Jaffas, als die Busse mit den Schlägern kamen. Dreissig, vierzig Männer mit Kippa auf dem Kopf und Waffen in den Händen marschierten durchs Viertel, riefen «Tod den Arabern». «Wo war die Polizei?», fragt die 34-Jährige zornig. Sie rückt bunte mundgeblasene Gläser in ihrem Laden zurecht, dem Hilweh Market in Jaffas Hauptstrasse. Es ist der erste Tag, an dem sie ihr Geschäft wieder geöffnet hat. Die Händlerin ist in Jaffa aufgewachsen, doch mittlerweile fühlt sie sich hier nicht mehr sicher. Eben sei jemand am Schaufenster stehen geblieben und habe fotografiert, erzählt sie. Ihr Misstrauen wächst. Auf den nun nahezu täglich stattfindenden Demonstrationen soll es ZivilpolizistInnen geben.

Polizeigewalt wie in den USA

Als sie vergangenes Jahr kurz vor dem ersten Lockdown ihr Geschäft eröffnete, wollte Abou Shehadeh ein Statement setzen. Sie wollte die palästinensische Identität betonen, die immer weiter aus dem Viertel verdrängt wird. In ihrem Designshop gibt es Kunsthandwerk aus der Altstadt von Hebron, Keramiken palästinensischer KünstlerInnen und Möbel. «Ein Ort des Stolzes für unsere Tradition und eine Plattform für eine junge Designszene», erklärt sie. Immerhin sei Jaffa nach Jerusalem eines der beliebtesten Ziele für TouristInnen. Aber abgesehen von einigen Lokalen würden PalästinenserInnen kaum davon profitieren. Der Hilweh Market sei gut angelaufen, wegen der Pandemie seien zuletzt meistens jüdische TouristInnen gekommen. Gelegentlich habe sie in schockierte Gesichter geschaut, wenn sie gesagt habe, die Stücke seien von palästinensischen KünstlerInnen. «Ihr habt entschieden, dass euer Staat uns nicht integriert», sagt Abou Shehadeh an die JüdInnen gerichtet, die sich wundern, dass sie sich Palästinenserin nennt. «Dann dürft ihr euch nicht wundern, wenn wir uns nicht als Israelis fühlen.»

Kürzlich ging sie gemeinsam mit ihrer vierjährigen Tochter zu einer Demonstration, um gegen die israelische Besetzung zu protestieren. Das Kind, so wünscht sich die Mutter, solle verstehen, dass ihr die gleichen Rechte und Privilegien wie den jüdischen MitbürgerInnen zustünden. «Es war ein friedlicher Protest. Lauter Familien», erzählt die junge Frau. Dennoch habe die Polizei ohne Vorwarnung Schockgranaten in die Menge geworfen. Alles Folgende sei Selbstverteidigung gewesen. Auch Abou Shehadehs Auto stand kürzlich nachts in Flammen, weder Feuerwehr noch Polizei hätten auf ihren Notruf reagiert. Als ein Streifenwagen zufällig vorbeigekommen sei, habe ein Beamter nur wissen wollen, ob sie Araberin oder Jüdin sei. Dann seien sie weitergefahren. «Das macht wirklich Angst. Wir sind nicht nur auf uns allein gestellt, die Polizei fällt uns in den Rücken.» Die Situation sei wie in den USA. «Als Araberin bist du verdächtig, kriminell zu sein.»

Als sie dreizehn Jahre alt gewesen sei, habe ihr Vater zum Nakba-Tag eine schwarze Flagge aus dem Fenster gehisst. Dafür sei er verhaftet worden. «Es scheint, als ob sich seitdem nicht viel geändert hat», sagt sie fast schon ein wenig resigniert und schiebt dann doch wütend hinterher: «Wir Palästinenser waren gute Nachbarn. Weil wir unseren Alltag in Frieden gemeistert haben, trotz der ungerechten Behandlung und Diskriminierung.» Das jetzige Wegschauen der Polizei sei eigentlich nicht ungewöhnlich. «Der Staat hat uns schon immer so behandelt, aber jetzt geschieht es in aller Offenheit.» Immerhin hätten einige jüdische NachbarInnen freundlich nachgefragt und sogar Zuflucht in ihren Häusern angeboten.

Einer von ihnen ist der jüdische Israeli Barak Heymann, der auch in Jaffa lebt und aus Sorge um seine arabischen MitbürgerInnen regelmässig mit seiner kleinen Tochter auf Friedensdemonstrationen geht. Für ihn ist an den Ausschreitungen vor allem Premier Netanjahu schuld, der mit seiner nationalistischen Politik von seinen eigenen innenpolitischen Problemen ablenken wolle. Während zwischen Israel und Gaza die Raketen flögen, sei die Polizei jetzt von morgens bis abends damit beschäftigt, den PalästinenserInnen das Leben hier schwer zu machen, kritisiert der 45-jährige Filmemacher. Jüdische Schlägertrupps dagegen würden damit drohen, AraberInnen abzustechen, ohne ernsthafte Konsequenzen fürchten zu müssen. «Es gibt hier keine Gleichberechtigung, die gab es noch nie», sagt Heymann. Aus diesem Grund organisiert er in sozialen Netzwerken Proteste und Spendenaufrufe für Familien in Gaza.

Was von jüdischer Seite komme, sei aber zu wenig, kritisiert Abou Shehadeh. Die jüdische Mehrheit schweige lieber, was sie als eine Komplizenschaft mit der rechten Regierung deutet. Deswegen organisieren sich die arabischen BewohnerInnen nun selbst, über Whatsapp und Facebook haben sie ein Notfallkomitee gegründet. Die AraberInnen warnen sich gegenseitig vor gewaltbereiten SiedlerInnen und der Polizei, es werden Demonstrationen geplant. Um sich abzulenken, werden gemeinsame Abende mit privaten Theateraufführungen und Ausflüge in Parks organisiert.

Erst Corona, dann Gewalt

Sefa Kassas Younes kann immer noch nicht glauben, was in den vergangenen Wochen in Jaffa geschehen ist. «Das ist viel schlimmer als Corona. Die Pandemie kam von oben. Von Gott. Aber diese Gewalt jetzt, dafür sind Menschen verantwortlich», sagt die 46-jährige Palästinenserin. Wie Abou Shehadeh ist auch sie in diesem Viertel aufgewachsen – und wie die Händlerin hat auch Kassas Younes den Wunsch gehabt, den jüdischen Israelis ihr Jaffa zu erklären und die palästinensische Kultur wieder sichtbarer zu machen. Deswegen, so entschied sie sich, würde sie einen Ort der Begegnung eröffnen – einen Ort wie eine Brücke, an dem sich arabische und jüdische TouristInnen treffen sollen, die gemeinsam die palästinensische Küche geniessen und sich für die palästinensische Geschichte interessieren.

Also kratzte die Sozialarbeiterin mühsam Geld zusammen, und als sie kurz vor dem Ausbruch der Pandemie nahe dem bei TouristInnen und Einheimischen beliebten Flohmarkt ein leer stehendes historisches Gebäude mietete, schien ihr Traum wahr zu werden. Sie dekorierte die alten Mauern mit Schwarzweissfotos von Orangenplantagen und Fischern und nannte ihr Kulturzentrum «De Yaffa». Doch dann kam das Virus und jetzt die Gewalt. Dabei sollten in den nächsten Wochen geimpfte TouristInnen ins Land dürfen. Kassas Younes lächelt gegen die Tränen an. «Das ist jetzt wirklich schwer. Es geht ja nicht nur ums Geld. Hier ist jetzt wirklich etwas zerbrochen in Jaffa», sagt sie. Als kurze Zeit später in der Facebook-Gruppe «Secret Jaffa» ein jüdischer Nachbar fragt, wie er helfen könne, witzelt ein Araber ironisch: «Ihr könnt uns online Essen bestellen.»

Die Familie des ermordeten Elektrikers Yigal Yehoshua kam seinem Wunsch nach, seine Organe im Todesfall zu spenden. Eine seiner Nieren rettete das Leben einer arabischen Christin aus Jerusalem.

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