Nr. 22/2021 vom 03.06.2021

Langsam wird es peinlich

K.I.Z geben sich auf ihrem erwartbaren, aber eigentlich ziemlich guten sechsten Album, «Rap über Hass», gewohnt sexistisch und gewaltverherrlichend. Darf man diese Musik noch hören? Oder besser: Will ich?

Von Alice Galizia

Mütter werden gefickt, aber kreativ: Das macht K.I.Z leider auch ein bisschen langweilig. Foto: Philipp Gladsome

«Denn natürlich müssen wir darüber reden, dass der Bundespräsident persönlich eine Veranstaltung empfiehlt, auf der Sänger grölen, wie gerne sie, wörtlich, Messerklingen in Journalistenfressen rammen, wie gern sie sich an brennenden Deutschlandfahnen wärmen und christliche Bibeln ins Feuer hinterherwerfen», sagte der AfD-Abgeordnete Bernd Baumann im Bundestag nach dem Auftritt der Rapgruppe K.I.Z an einer antifaschistischen Demo 2018 in Chemnitz. Und weiter: «… wie gerne sie schwangere Frauen in den Bauch treten und sich dann an der Fehlgeburt vergehen. Das ist so gewaltverherrlichend, das ist so deutschfeindlich, das ist so christenfeindlich.» Wenn die Aufnahme dieser Rede irgendetwas ist, dann ein perfektes Intro für das neue Album von K.I.Z: «Rap über Hass».

Die Rage des Politikers macht natürlich Spass. Und doch benennt Baumann, wenn auch ohne es zu wollen, ein grundsätzliches Problem an K.I.Z: Sie sind, in ihrer nahezu perfekt dosierten Mischung aus Überspitzung und Ironie, kaum kritisierbar. Tut man es doch, droht man sich lächerlich zu machen. Darin liegt eine grundsätzliche und mittlerweile runter und rauf diskutierte Frage: Ist es okay, Musik zu hören, deren Songtexte sexistisch, homophob, rassistisch sind? Kann man darüber hinwegsehen, wenn die Flows geil sind, die Reime, die Beats? Oder sollte man sie vielmehr im Keller verschwinden lassen und diesen zubetonieren, wie die deutsche Journalistin Antonia Baum in ihrer voriges Jahr erschienenen Auseinandersetzung mit ihrem Jugendidol Eminem fragt?

Es gäbe diesen Text und auch Baums Buch «Eminem» nicht, liesse sich die Frage leicht mit Ja beantworten: Sie hat Eminem geliebt und ich habe K.I.Z geliebt. Natürlich spielt sich die Sache mit K.I.Z auf einer anderen Ebene ab als jene mit Eminem: Ihr Humor, die Überzeichnung des heiligen Ernsts im Gangsta-Rap, war immer Konzept. Wer K.I.Z deshalb wörtlich nimmt, wie AfD-Baumann es tut, steht sowieso auf verlorenem Posten.

Hitlerwitze, Schwanzhumor

Baums Haltung zu sogenannt problematischer Musik ist folgende: Die Frage, ob man etwas noch hören dürfe, sei im Grunde uninteressant – sie verweise auf Unselbstständigkeit, auf die Ausrichtung nach einer diffusen moralischen Instanz. Nach dem Dürfen zu fragen, heisse vor allem, sich um das eigene gesellschaftliche Ansehen zu scheren. Viel wichtiger für eine fruchtbare Diskussion, auch in künstlerischer Hinsicht, sei hingegen, ob man diese Musik noch hören wolle, und wenn ja, warum.

Ich wollte – und will manchmal immer noch – K.I.Z hören, weil ich die Aggression mochte, das Draufscheissen, den Humor – weil sie sich über alles Erdenkliche lustig machten, auch über sich selbst. Weil der Flow und die Texte sitzen und weil diese auch intellektuell sind, ein guter Zuschnitt also für ein AkademikerInnenkind. Gleichzeitig positionierten sich K.I.Z immer als Linke, auch in ihren Texten – etwa mit Kritik am Kapitalismus, der europäischen Flüchtlingspolitik oder indem sie stramme Heteros lächerlich machten. Kritisch waren sie immer, aber nicht korrekt.

Im Gegensatz zu Eminem sind die problematischen Aussagen von K.I.Z kein Nebenprodukt ihres Geschichtenerzählens: Die ganze Idee hinter ihrer Musik ist es, komplett übertrieben sexistisch, gewaltverherrlichend und ganz im Allgemeinen menschenverachtend zu sein, ohne besonders viel aus dem eigenen Leben preiszugeben. Es war auch diese Grenzüberschreitung, die ich mochte; der derbe Humor bot eine Möglichkeit zur Auflösung der Ernsthaftigkeit in der Linken an. Es tat gut, über so etwas lachen zu können: Hitlerwitze, Schwanzhumor – genauso hart zu sein, gerade als junge Frau. Ich stellte mich auf den Standpunkt jener, die verstanden hatten: Das ist alles nicht ernst gemeint.

Eine bequeme Position. Man findet sie in den Youtube-Kommentaren unter ihren Videos, bei den allermeisten Fans, die sagen, dass K.I.Z ja nichts dafür können, wenn es Leute gebe, die die Ironie nicht verstünden – ganz im Gegensatz zu ihnen, die sie schlau genug sind, um das zu reflektieren. Doch es geht eigentlich gar nicht um jene, die die Texte wörtlich nehmen, sondern eher um die Ironie selbst: ob sie ausreicht, die ewige Reproduktion von – zum Beispiel – Sexismus zu rechtfertigen.

Es macht die Sache nicht leichter, dass sich K.I.Z dieses Diskurses absolut bewusst sind. Und es nervt, dass sie sich immer wieder aus der Affäre ziehen, etwa auf gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge verweisen, wie in einem kürzlich erschienenen Gespräch mit der «Zeit». «Kann Sprache nicht auch gewalttätig sein?», fragen die Interviewer, die Antwort ist ein Ausweichmanöver: «Wenn im Winter ein Obdachloser aus der Sparkasse gescheucht wird, ist das auch Gewalt.» Das stimmt natürlich, aber eben: Man hätte gerne eine richtige Antwort gelesen.

Aus der Bibel rappen

Es ist ohnehin ein altes Argument in der Diskussion um unkorrekte Sprache im Rap, aber ein berechtigtes: Wieso sind Behindertenfeindlichkeit oder Sexismus erst dann ein Problem, wenn die Aussage von einem Rapper, oft aus der Unterschicht, kommt? Ist er nicht einfach ein Produkt einer ohnehin behindertenfeindlichen, sexistischen Gesellschaft? Im Titeltrack von «Rap über Hass» heisst es: «Wir machen eure Kids kaputt wie Heidi Klum / mit frauenfeindlichem, antisemitischem Dreck / Leute denken, wir hätten was aus der Bibel gerappt». Dasselbe Argument: Das, was wir machen, ist auch nicht schlimmer als die Gesellschaft, aus der wir kommen. Wiederum: Ist es trotzdem nötig, solche Haltungen weiterhin zu reproduzieren, gerade wenn, wie im Fall von K.I.Z, das Publikum stetig wächst und man nicht mehr in kleinen Clubs spielt, sondern in ausverkauften Stadien? Wenn man im Übrigen auch keiner Unterschicht (mehr) angehört?

Es stimmt ja auch, was K.I.Z im Interview mit der «Zeit» sagten: dass es schon korrekteren Rap gebe, der aber «den Freunden von der Sprachhygiene» auch wieder zu uncool sei und diese dafür den Gangsterrappern ihre moralischen Vorstellungen aufdrücken wollten. Wer sich hingegen tatsächlich persönlich von ihren Texten angegriffen fühle, Behinderte, Jüdinnen, Frauen – die hätten jedes Recht dazu, verletzt zu sein: «Der kommt dann halt nicht auf unser Konzert.» Das ist leider ein bisschen einfach.

Wer verletzt ist, dem kann man die Verletztheit nicht absprechen. Aber man kann sich fragen, woher diese rührt. In diesem Fall haben wir es mit drei unterschiedlichen KandidatInnen zu tun: jemandem, der sich persönlich angegriffen fühlt, also zum Beispiel einer Frau. Den «Freunden von der Sprachhygiene». Und Bernd Baumann. Fühlt sich eine Frau vom ewig und auf unterschiedlichen Ebenen reproduzierten Sexismus in den Texten von K.I.Z angegriffen, dann ist das legitim. Bezüglich der «Freunde von der Sprachhygiene» allerdings würde ich mit Antonia Baum argumentieren. Sie lastet dieser Gruppe wie auch den Komplett-ApologetInnen an, es gehe ihnen eigentlich nicht um Kunst, sondern um das störungsfreie Anbetenkönnen ihres Idols: Was als böse und moralisch inakzeptabel gilt, soll weggesperrt werden – in den Künstlerkopf oder raus aus der Gesellschaft. Rührt die Verletzung also daher, etwas gut finden zu wollen, es aber nicht glätten zu können, dann bin ich dafür, diesen Konflikt auszuhalten. Und Baumann – wie gesagt, diese Aufregung macht einfach zu viel Spass, um darauf verzichten zu wollen.

Schliesslich das neue Album: «Rap über Hass» ist eigentlich ziemlich gut, weil es erwartbar ist, aber besser als erwartet. Mütter werden gefickt, aber kreativ, K.I.Z koksen sich kaputt und reden abwechslungsweise von ihrem riesigen Gemächt und von ihrem winzigen Selbstbewusstsein, alles im normalen Rahmen. Es gibt einige sehr lustige Lines, die Beats sind hart, aber eingängig. Hätten sie sich das sparen können? Natürlich. Sie wissen das auch, «Kinderkram» heisst der letzte Song: «Jetzt bin ich Mitte dreissig / und langsam ist es peinlich», heisst es da – und wieder aus der Affäre gezogen. Peinlich, ja, aber auch ein bisschen langweilig. Grenzen überschreiten, wie sie das früher einmal konnten, das funktioniert irgendwann nicht mehr.

Antonia Baum: «Eminem». Verlag Kiepenheuer & Witsch. München 2020. 128 Seiten. 16 Franken.

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