Nr. 49/2012 vom 06.12.2012

Warum ist das alles so wahnsinnig ernst?

Sie begeistert als Rapperin La Gale mit ihrem Debütalbum die Romandie. Dabei ist sie eigentlich ein Punk. Und hat als Feministin Mühe mit vielen Feministinnen.

Von Jan JirátMail an Autor:in (Text) und Yoshiko Kusano (Foto)

Karine Guignard alias La Gale: «Als Mensch lache ich viel. Aber als Rapperin setze ich mich mit den ernsten Problemen unserer Gesellschaft auseinander.»

WOZ: Karine Guignard oder La Gale, mit wem rede ich?
Karine Guignard: Mit Karine. La Gale ist der Künstlername für mein musikalisches Projekt. Es ist ein wichtiger Teil von mir, aber eben nur ein Teil.

Wann haben Sie das letzte Mal herzhaft gelacht?
Vor zwei Tagen. Über etwas, das unmöglich in einer seriösen Zeitung stehen kann. Ich lache viel. Es ist etwas, das mich gesund hält. Wieso fragen Sie?

Sie leiten Ihren Künstlernamen von einer Hautkrankheit ab: La Gale – die Krätze. Auf Ihrem im Frühjahr erschienenen Album rappen Sie über Armut, über den Imperialismus, über institutionelle Gewalt. Das ist alles so ernst.
Wie gesagt, als Mensch lache ich viel, auch über Blödsinn. Als Rapperin hingegen setze ich mich mit den ernsten Problemen unserer Gesellschaft auseinander. Damit, dass der Gemeinschaftssinn und die Solidarität innerhalb unserer Gesellschaft immer mehr verschwinden. Kein Wunder, haben Sie auf dem Album nichts Witziges finden können.

Sie rappen auch gegen Sexismus an. Letzte Woche haben Sie für die Organisation Terre des Femmes in Bern ein Konzert gegeben, wo Sie sich beklagt haben, Sie würden immer wieder auf den Sexismus in der Hip-Hop-Szene angesprochen.
Und ob ich mich darüber aufrege. Sexismus ist nicht typisch für die Hip-Hop-Szene. Schauen Sie sich doch in der Rock- oder Elektroszene um: Wer gibt da den Ton an? Der Sexismus ist typisch für unsere ganze Gesellschaft und nicht für ein bestimmtes Musikgenre.

Noch mehr nervt mich, dass Sexismus oft als etwas Klassenspezifisches betrachtet und mit der Unterschicht, mit Migranten in Verbindung gebracht wird. Es schockiert mich, dass viele Feministinnen die Klassenfrage nicht mehr stellen. Teilweise erkenne ich sogar rassistische Tendenzen.

Inwiefern?
Wenn eine junge Frau einen Hidschab trägt, ist die Reaktion darauf häufig: «Oh, diese Frau wird unterdrückt und dominiert von ihrem Ehemann, der sie zwingt, diese Körperbedeckung zu tragen.» Als ob muslimische Frauen keine Selbstbestimmung hätten. Das ist zumindest eine islamophobe Reaktion.

Bezeichnen Sie sich als Feministin?
Ja, aber für mich bedeutet das nicht, gegen Männer zu kämpfen, sondern für die Frauen. Am Konzert, das Sie erwähnt haben, lagen Postkarten auf, die einen devoten Mann zeigen, der von biertrinkenden Frauen begafft eine Waschmaschine bedient. Der Mann als kastriertes Objekt quasi. Das ist nicht mein Feminismus, ich schneide niemandem die Eier ab. Du bekämpfst den Sexismus nicht, indem du sexistisch bist. Feminismus ist ein täglicher Kampf um Respekt, um Anerkennung.

Was halten Sie von Frauenquoten?
Davon halte ich gar nichts. Was ich als Frau will, ist Unabhängigkeit. Ich will, dass meine Fähigkeiten anerkannt werden. Heute ist es oft so, dass du als Frau in deinem Job perfekt sein und dich wirklich abmühen musst, während Männer es sich in ihrer Mittelmässigkeit bequem machen können.

Im schlimmsten Fall führt eine Quote dazu, dass eine Frau eine Stelle hat, der sie nicht gewachsen ist. Damit ist niemandem geholfen. Der Sexismus und das Patriarchat werden nicht aufgrund einer Quote verschwinden, sondern nur indem du dich als Frau tagtäglich für deine Rechte einsetzt, indem du mitredest, handelst.

Zurück zu Ihrer Musik. In den französischsprachigen Medien der Schweiz werden Sie immer wieder als Hybride aus Punk und Rap beschrieben.
Ja, und das stimmt auch. Ich bin in der Punkszene von Lausanne gross geworden, und ich habe diese Szene nie verlassen. Ich höre immer noch The Clash, Dead Kennedys, U. S. Bombs. Wir spielen immer noch Konzerte in besetzten Häusern vor einer Horde Punkrockern. Aber als Musikerin ist der Rap meine Ausdrucksform. Das Sprechen ist mein Instrument.

Ich war früher auch oft an Punkkonzerten. Von Rapmusik haben wir uns abgegrenzt.
Zum Glück ist diese Abgrenzung immer weniger wichtig. Es kommt vermehrt zu einem Austausch zwischen den einzelnen Szenen, was ich sehr mag. Es ist so viel schöner, an einem Abend ganz unterschiedliche Menschen, Szenen, Styles und Farben zu sehen und zu hören. Darum geht es bei La Gale: die Bühne zu teilen, sich mit dem Publikum auszutauschen. Es geht um DIY – do it yourself. Ein Konzept, das in der Punk- und Hardcoreszene entstanden ist.

Wie definieren Sie dieses Konzept?
Es geht darum, als Künstlerin möglichst viel Unabhängigkeit und Selbstbestimmung zu erlangen. Dass du selbst bestimmen kannst, wo du auftrittst, wie viel der Eintritt kostet, wie deine Musik vertrieben wird. Das Konzept geht aber weit über die Musik hinaus. Es geht darum, wie du lebst, wie du wohnst, wie du isst und wie du dich anziehst. Es macht mich stolzer als alles andere, Teil einer Szene zu sein, die versucht, möglichst alles selbst in die Hand zu nehmen und eigene Entscheidungen zu treffen.

Karine Guignard (29) war kürzlich als Schauspielerin im Kinofilm «Opération Libertad» zu sehen. Als La Gale ist sie auf dem gleichnamigen Album zu hören (Vitesse Records).

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