Nr. 24/2021 vom 17.06.2021

Die exilierte Mannigfaltige

Von Daniel HackbarthMail an Autor:in

«Deutsche, Jüdin, Kommunistin, Schriftstellerin, Frau, Mutter. Jedem dieser Worte denke man nach. So viele widersprechende, scheinbar einander ausschliessende Identitäten, so viele tiefe, schmerzliche Bindungen, so viele Angriffsflächen, so viele Herausforderungen und Bewährungszwänge, so viele Möglichkeiten, verletzt zu werden, ausgesetzt zu sein, bedroht bis zur Todesgefahr.» Mit diesen Worten beschrieb Christa Wolf einmal ihre Schriftstellerkollegin, die am 19. November 1900 in Mainz geboren wird. 1920 beginnt sie ihr Studium in Heidelberg, wo sie den ungarischen Emigranten Laszlo Radvanyi kennenlernt, den sie später heiratet. Sie promoviert in Philosophie, 1928 folgt der literarische Durchbruch: Mit einer Erzählung gewinnt sie den renommierten Kleist-Preis.

Im selben Jahr wird sie Mitglied des «Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller» und der KPD. Wie es sich für eine gute Kommunistin gehört, bereist sie wenig später die Sowjetunion. Nach der Machtübernahme Hitlers verlässt sie Deutschland, geht nach Paris. Als die Wehrmacht 1940 Frankreich überrennt, versteckt sie sich in der besetzten Hauptstadt, ehe ihr über Marseille die Flucht nach Mexiko gelingt.

Im Exil bleibt sie politisch aktiv, veröffentlicht in der Zeitschrift «Freies Deutschland». 1942 erscheint ihr bekanntester Roman, zunächst nur in Mexiko und den USA. Er ist nicht zuletzt ein Plädoyer für den Geist der Solidarität gerade in Zeiten staatlichen Terrors. Die Geschichte wird noch vor Kriegsende von Hollywood verfilmt und macht die Autorin weltberühmt.

Obwohl sie sich in Mittelamerika wohlgefühlt hat, kehrt sie 1947 nach Deutschland zurück. In der Sowjetischen Besatzungszone wird sie Vorsitzende des Schriftstellerverbands. Als es 1957 zum Prozess gegen den Verleger Walter Janka kommt, engagiert sie sich für ihn im Parteiapparat, ohne aber öffentlich Stellung zu beziehen. Janka, der bis dahin den Aufbau-Verlag leitete, wird wegen «konterrevolutionärer Verschwörung» zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Ihre Zurückhaltung mit der Kritik am autoritären Staat nehmen ihr viele übel, bis heute.

Wie heisst die 1983 gestorbene Autorin, die einst mit dem Philosophen Georg Lukács über die Frage des literarischen Realismus korrespondierte?

Wir fragten nach der Schriftstellerin und Sozialistin Anna Seghers (1900–1983). Ihre bekanntesten Romane dürften «Das siebte Kreuz» (1942) und «Transit» (1944) sein. In Letzterem verarbeitete Seghers ihre Erfahrungen im von den deutschen Truppen besetzten Frankreich. Beide Bücher gelten als bedeutende Werke der deutschen Exilliteratur. «Das siebte Kreuz» wurde 1944 vom ursprünglich aus Österreich stammenden Regisseur Fred Zinnemann verfilmt, Spencer Tracy spielte die Hauptrolle. Längst ist Seghers selbst Gegenstand zahlreicher Veröffentlichungen, 2020 etwa schilderte der Journalist Volker Weidermann in «Brennendes Licht. Anna Seghers in Mexiko» ihre Zeit im Exil in Mittelamerika.

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